Ein Landstrich voller Kontraste, geprägt durch eine 780 km lange Küste mit Sandstränden, aber auch Felsküste, sowie durch eine faszinierende Bergwelt – ein wahres Paradies für Naturliebhaber. Die Reise durch diesen faszinierenden Landstrich wird aber auch im wahrsten Sinne des Wortes eine kulturelle Entdeckungstour. Beim Spaziergang durch die charakteristischen mittelalterlichen Ortskerne trifft man auf merkwürdig anmutende Fratzen über den Hauseingängen: Die Masken gegen den malocchio (=den bösen Blick) sollen vor Missgunst und Neid bewahren. Auf Volksfesten tanzen riesige Figuren zum Schlag der Tamburine: Sie stellen den türkischen König Grifone dar, der um die einheimische Mata warb – eine Erinnerung an die Zeit der vom Meer einfallenden Überfälle fremder Völker. Von dieser Zeit zeugen auch die zahlreichen Sarazenentürme längs der Küste, die schließlich im 16. Jahrhundert ein wirksames Frühwarnsystem gegen feindliche Übergriffe darstellten und in Folge zur Wiederbesiedlung der Küste führten. Daher gibt es in Kalabrien viele Orte, die eine ‘Dependance’ am Meer haben, z.B. Rocca Imperiale und Rocca Imperiale Marina. Teil dieses Verteidigungssystems waren auch die zahlreichen Burgen, von denen noch einige gut erhalten und zu erkunden sind, beispielsweise die Stauferburg Roseto Capo Spulico, die Wasserburg Le Castella, das Kastell Santa Severina und das von Vibo Valentia. Beim Besuch der archäologischen Parks und Museen erahnt man den einstigen Reichtum der griechischen Kolonien, die sich hier ab dem 8. Jh. v. Chr. niederließen.
Im Norden dominiert das Pollino-Gebirge mit seinen Karstgrotten, der Panzerkiefer und den steil aufragenden Feldwänden, den timpe. In seinen Schluchten erkunden Abenteuerlustige die Sturzbäche (Canyoning) oder lassen sich per Schlauchboot den Lao hinuntertreiben (Rafting). Klassisch hingegen die zahlreichen Wanderungen im Pollino-Nationalpark mit dem Serra Dolcedorme, mit 2267 Metern der höchste Gipfel der Region, oder der Besuch der Grotte Romito mit der 15 000 Jahre alten Steinritzzeichnung. Am Fuße des Pollino ließen sich im 15. Jahrhundert Albaner nieder und noch heute hört man in Civita zu Ostern die Klänge der kalimere und erlebt den volkstümlichen Tanz der Arbëria, die vallja mit den farbenprächtigen Kostümen. Lebendig ist die albanische Tradition heute noch in rund 30 Dörfer Kalabriens. In einem Großteil dieser Dörfer wird noch ein Dialekt des Albanischen gesprochen und der griechisch-byzanntinische Ritus zelebriert, denn die kalabresischen Albaner sind zwar katholisch, aber sie praktizieren den orthodoxen Ritus, der sich in der Liturgie und der Kirchenausstattung vom lateinischen Ritus unterscheidet. So sucht der Gläubige in diesen Kirchen meist vergeblich nach einem Weihwasserbecken und trifft stattdessen auf ein Bild der Madonna und auf die handgeschnitzte Ikonostasis im Altarbereich. Weitere Sprach- und Kulturinseln gibt es übrigens in Guardia Piemontese (Waldenser) und im Aspromonte (grekanische Dörfer).
Der Küstenstreifen zwischen Capo Colonna mit der einzig überlebenden Säule des Tempels Hera Lacinia und dem Wasserschloss Le Castella mit seinen Fels- und Sandbuchten und seinem kristallklarem Meer ist eines der beliebtesten Feriengebiete Kalabriens und steht unter Naturschutz. In der rund 14000 ha großen Riserva Naturale Marina Capo Rizzuto erwarten den Reisenden eine typische macchia mediterranea (Myrte, Thymian, Kapern, Wachholder, Ginster, Oleaster), schöne rote Strände und eine faszinierende Unterwasserwelt: ausgedehnte Seegraswiesen, Rasenkorallen und Seepferdchen, Zackenbarsche, europäische Barrakuda sowie Papageienfische. Der aufmerksame Taucher kann am Meeresgrund in 100 m Tiefe noch Überbleibsel von Marmorsäulen, Schiffen aus römischer Zeit sowie Amphoren sichten.
Unweit der Fundstätte der berühmten Bronzekrieger (5. Jh. v. Chr.) im Ionischen Meer vor der Küste von Riace Marina befindet sich wenige Kilometer im Landesinneren das zukunftsweisende Dorf Riace. Das kleine Dorf, das wie viele andere infolge der Emigration vieler Kalabresen gen Norden und des Umzugs an die Küste unter dem Phänomen der Überalterung und des Aussterbens litt, öffnete Ende der Neunziger Jahre seine Türen für Flüchtige. Seitdem sind einige Häuser des Ortskern zur neuen Heimat von Immigranten geworden. Urlauber können in rund 20 charakteristischen Wohnungen Tür an Tür mit neuen und alten Einheimischen leben und das multikulturelle Dorf aus nächster Nähe erleben. Riace ist ein idealer Ausgangspunkt für Touren an der Ostküste: Nach Stilo mit der byzantinischen Kirche ‘La Cattolica’ sind es nur wenige Autominuten, und auch Bivongi mit der orthodoxen Kirche San Giovanni Tereste und den Wasserfällen Cascata del Marmarico liegt ganz in der Nähe.
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