Als Wegbereiter führte Franz Kafka Prags Literatur zu Weltruhm. Nichts Ungewöhnliches geschieht in seinen Werken. Dennoch sind die Sätze erschütternd, ungeheuer, unbegreiflich – „kafkaesk“ eben.
Grau ist der Tag in Prag, schwarz die Nacht. Finster die Herren des Schlosses. Geifernde Killer schleichen um die Gassen. So zeichnet Hollywood-Regisseur Steven Soderbergh Kafkas Welt in seinem Film „Kafka“. Als Sohn eines jüdischen Galanteriehändlers am 3. Juli 1883 in Prag geboren, studierte Kafka Jura an der Karlsuniversität. Nach einem Praktikum ging er zur Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, wo er bis zur vorzeitigen Pensionierung 1922 blieb. Ende 1917 erlitt er einen Blutsturz, Ausbruch einer Tuberkulose, an der Kafka nur wenige Jahre später, am 3. Juni 1924, starb. So kurz und farblos sein Lebenslauf, ein kinderloser Junggeselle, kauzig und komisch, mit drei um ihn besorgten Schwestern; so konträr spannend sein literarisches Vermächtnis.
Kein fertiger Roman, nur Fragmente, Kurzgeschichten und Erzählungen. Die Handlung verliert sich stets in Metaphern. Und obwohl Kafka keine Orte nennt, lässt sich Prag in seinen Schilderungen nachvollziehen. Die Inspiration für „Beim Bau der Chinesischen Mauer“ entspringt Karls IV. Hungermauer auf der Kleinseite. „Das Schloss“ erscheint in seiner Bedrohlichkeit wie die Machtzentrale Hradschin. Um diese Stimmung einzufangen, mietete sich Kafka im Goldenen Gässchen Nr. 22 ein. Im Palais Schönborn, wo heute die US-Botschaft residiert, befand sich Kafkas letzter Wohnsitz, bevor er seinen Leidensweg durch die Lungensanatorien antrat. Passend dazu entpuppt sich der Prosaband „Ein Landarzt“.
Während des Sozialismus war Kafka wegen seiner pessimistischen Weltanschauung verpönt. Seine Werke waren nur noch antiquarisch aufzutreiben.
Wegen dieser Systemwillkür gehörte Kafka zu den Geistern, die 1968 den Prager Frühling riefen. Nach der Wende entflammte sofort der Kafka-Kult – mit T-Shirts, Postern, Tassen. Dennoch, Doktor Kafka bleibt das unbekannte Wesen, ist jederzeit für eine neue Sensation gut. Rechtzeitig zum 125. Geburtsjubiläum erschien auf einer Auktion ein Liebesbrief, erster und einziger an die Prager Sekretärin Julie Wohryzková, vom 18. Juni 1919. Und plötzlich steht Kafka in neuem Licht da: als ein Mann mit geheimen, unerfüllten Sehnsüchten. Einer, der heiraten und eine Familie gründen wollte. Bisher galt Kafka als psychoneurotisch belasteter Einzelgänger. Wichtiger aber ist seine literarische Bedeutung: Wer ihn noch nicht gelesen hat, kennt die Macht der Sprache nicht. Und man braucht nicht einmal Tschechisch zu lernen, um ihn im Original zu lesen. Kafka schrieb auf deutsch.
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