Nachhaltigkeit im Tourismus Reisen und die Umwelt schonen – geht das zusammen?

Reisen bildet, sagt man so schön. Es erweitert den Horizont, lässt uns vieles in einem neuen Licht erscheinen und versorgt uns mit tausend schönen Eindrücken, wie wundervoll diese Erde doch ist. Die wir unbedingt in einem gesunden Zustand erhalten wollen, um sie weiter zu genießen. Dass wir ihr durch das Reisen gleichzeitig Schaden zufügen, bringt uns in ein Dilemma. Was nur tun, wenn Verzicht nicht in Frage kommt?

Reisen und die Umwelt schonen – wie soll das gehen? | © Khanthachai C, Shutterstock

Vorbild-Öko oder Umweltsau? So ein Schwarz-Weiß-Denken hilft beim Thema Reisen nicht weiter. Klar würde man dem Klima einen großen Gefallen tun, wenn man auf sämtliche Urlaubsreisen verzichten würde. Aber der persönliche Verzicht wäre sehr schmerzhaft, die verbesserte CO2-Bilanz stünde in einem nicht allzu rosigen Verhältnis dazu. Wie also damit umgehen? Im Prinzip gibt es drei Möglichkeiten, die jeder nach seiner Fasson und eigenem Gewissen entscheiden muss: Verzicht, Einschränkung oder Kompensation, auf welche Art auch immer.

Verzicht

„Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“ schrieb schon Blaise Pascal, der französische Philosoph und Mathematiker. Die einfachste Lösung ist die naheliegendste: zu Hause bleiben. Da aber genügend Gründe dagegen sprechen – nicht zuletzt formulierte es schon Konrad Lorenz „Man liebt nur, was man kennt; man schützt nur, was man liebt“ –, machen wir uns auf die Suche nach Alternativen.

Auch Teilverzichte sind äußerst sinnvoll und effektiv. Der bekannteste: auf Flugreisen verzichten. Dafür darf man sich ruhig die Zahlen vor Augen führen, die hinter diesem Argument stecken. Ein Langstreckenflug nach Australien (hin und zurück) schlägt mit knapp 15.000 Kilogramm CO2 zu Buche. Dafür kann man 180.000 Kilometer Bahn (mit durchschnittlicher Auslastung) fahren! Und selbst alleine im Auto müssten 67.500 Kilometer zurückgelegt werden, um auf einen vergleichbaren CO2-Ausstoß zu kommen.

Ach ja, der Overkill sind übrigens Kreuzfahrtschiffe. Der Naturschutzbund errechnete, dass ein Kreuzfahrtschiff so viel CO2 ausstößt wie rund 84.000 Autos, so viel Feinstaub wie über 1 Million Autos und so viel Schwefeldioxid wie über 376 Millionen Autos – pro Tag. Auweia.

Die Stellschraube beim Verzicht heißt also Verkehrsmittel. Hieran kann man beliebig drehen: vom Schiff oder Flugzeug über das Auto samt Carsharing bis hin zu öffentlichen Verkehrsmitteln. Meister ihres Fachs reduzieren ganz auf das Rad oder gehen zu Fuß. Das kann man durchaus sportlich betrachten und ein Abenteuer daraus stricken.

Einschränkung

Da das aber nicht jedermanns Sache ist, sollte man sich auch die kleineren Schräubchen ansehen, die zu einer verbesserten CO2 -Bilanz beitragen können.

1. Wenn es schon eine Fernreise sein muss, dann bitte für längere Zeit. Kurztrips in spannende Städte sind nicht erst seit Overtourism ein Problem. Auch der eigene Erlebnishunger wird nicht gestillt durch ein Abhaken einer langen Bucket List – echtes Erleben findet dort statt, wo Zeit und Flexibilität vorhanden sind. Durchgeplante Kurzurlaube lassen da wenig Raum für unerwartete Begegnungen, an denen wir wachsen und die einer der wichtigsten Zutaten für erinnerungswürdiges Reisen sind.

2. Individuell statt pauschal: Beim individuellen Reisen werden die lokalen Strukturen vor Ort gestärkt, und es bleibt weniger Geld beim Reiseveranstalter hängen als beim Pauschaltourismus. Damit kurbelt man die regionale Wirtschaft vor Ort direkt an. Und in einer profitablen Arbeitssituation steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Gelder in Kultur- und Umweltprojekte investiert wird. Denn: Wer selbst viele Sorgen hat, den kümmert auch die Umwelt nicht.

3. Einfach übernachten: Dass Bettenburgen der Umwelt deutlicher zusetzen als kleine Pensionen, dürfte jedem einleuchten. Ein Umschwenken vom üblichen Hotelurlaub zu einem Aufenthalt in kleinen, individuellen Bed&Breakfast-Pensionen hat also schon einige Auswirkung. Und auch, wenn das Wellness-Angebot damit eingeschränkt wird: In vielen kleinen, familiären Unterkünften bemüht man sich noch um jeden Gast, der persönlichen Einblick erhält in eine vielleicht neuartige Kultur oder Lebensweise.

4. Nach Zertifizierungen suchen: Sowohl für Unterkünfte als auch für Reiseanbieter gibt es die unterschiedlichsten Gütesiegel. „CSR Tourism Certified“ gilt als eines der verlässlichsten. Unter der Dachmarke Viabono, dem Verein der Bio-Hotels und auf Eco-Camping kann man sich geeignete Unterkünfte heraussuchen. Auch über den Dehoga Umweltcheck kann man sich informieren, welche Betriebe welche Voraussetzungen erfüllen.

Die Vielzahl an (nicht immer wirklich grünen) Umweltsiegeln kann leider auch verwirren. Einen guten Filter für Reiseveranstalter bietet das Forum Anders Reisen durch seine strengen Kriterien . Hier müssen Urlaubslänge, Reisezeit und Entfernung in einem vertretbaren Verhältnis zueinander stehen. Und auch auf die Menschen vor Ort wird ein Auge geworfen: Diese müssen fair entlohnt werden. Ein unabhängiger Gutachter prüft regelmäßig, ob die Vorgaben wirklich eingehalten werden.

Kompensation

Die einfachste und bekannteste Art der Kompensation ist die Ausgleichszahlung. Programme wie Atmosfair bieten eine freiwillige Zusatzzahlung an, mit der der eigene CO2-Fußabdruck zwar nicht direkt verringert, aber das Geld dazu verwendet werden kann, an einem anderen Ort Treibhausgase zu reduzieren. Das können Klimaschutzprojekte wie das Errichten von Wind-, Wasser- oder Erdwärmekraftwerken sein oder das Aufforsten von Regenwald.

Über den Tellerrand hinaus gedacht, kann die Kompensation aber noch auf einer ganz anderen Ebene stattfinden: im Alltag. 47% unseres CO2-Fußabdrucks entsteht durch Konsum. Von Artikeln, die ganz sicher nicht immer gebraucht werden. Das heißt, auch hier kann ganz bewusst ein Ausgleich stattfinden, wenn man sich eine Reise gegönnt hat, die man damit „wieder gut machen“ möchte.

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von Solveig Michelsen

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