Reisebericht IIEin Krebs, ein Schnaps, ein Lied

© Tina Piechulik
© Tina Piechulik

Malmö hat uns definitiv begeistert. Jetzt wird es aber mal Zeit, die Küste zu verlassen und das Landesinnere zu erkunden. Am nächsten Morgen geht es daher auf zum Nationalpark Söderåsen.

Der jüngste Nationalpark Schwedens: Söderåsen

Langsam lassen wir die flache Küstenlandschaft hinter uns und gelangen in eine hügelige – für Skånes Verhältnisse fast schon „bergige“ – Landschaft. Im Nationalpark angekommen, führen uns gut ausgebaute Wanderwege durch den Wald, fast immer entlang des Flusses. Söderåsen wurde zwar erst 2001 gegründet und gehört damit zu den jüngsten Nationalparks Schwedens, doch bereits im 18. Jahrhundert wurde die landschaftlich reizvolle Gegend den ersten Besuchern zugänglich gemacht.

Wir besteigen den mit 145 Metern höchsten Punkt des Nationalparks und werden mit einem wunderbaren Blick über die hügelige Landschaft belohnt. Der Abstieg fällt uns wesentlich leichter und nachdem wir uns unten mit einem Eis belohnt haben, führt uns unsere Reise zurück an die Küste. Nördlich von Malmö liegt die verträumte Bucht Skälderviken mit dem kleinen, malerischen Fischerdörfchen Arlid. Unser Hotel Rusthållaregården liegt direkt am Wasser mit Blick auf die Bucht.

Unglaublich, aber wahr: Weinbaugebiet in Schweden

Am Abend fahren wir zum nahegelegenen Weingut Arilds Vingård. Ja, in Schweden gibt es tatsächlich Weinbaugebiete. Vor wenigen Jahren noch undenkbar, gibt es heute eine echte Weinstraße und zahlreiche Winzer in Skåne. Arilds Vingård zählt dabei zu den größten des Landes und produziert neben Rotwein auch Weißwein, Roséwein sowie Sekt. Die Besitzerin Annette Ivarsson hat ihre Ausbildung in der deutschen Weinhochburg Freiburg genossen und betreibt heute erfolgreich ihr eigenes Weingut gemeinsam mit ihrem Mann. Direkt neben dem Weinkeller findet sich das Restaurant, in dem wir unser Abendessen – und natürlich auch ein Gläschen Wein – genießen.

Unterwegs auf Schwedens erstem nationalen Fahrradweg

Der frühe Vogel fängt den Wurm – in Arild bedeutet dieses Motto, dass man vor dem Frühstück schnell noch ins Meer springt. Nach dem erfrischenden Bad und einem leckeren Frühstück, wird es wieder Zeit, auf das Fahrrad zu steigen.

Entlang der Westküste verläuft der knapp 370 Kilometer lange Kattegattleden, Schwedens erster nationale Fahrradweg. Die Route zwischen Heslingborg im Süden und Göteborg im Norden, die immer in Meeresnähe verläuft, kann in acht Etappen unterteilt werden und entlang des Radweges gibt es immer wieder interessante Sehenswürdigkeiten und viele Naturschönheiten zu entdecken.

Wir entscheiden uns für die rund dreißig Kilometer lange Teilstrecke von Mölle bis Helsingborg. Mölle, nur wenige Kilometer von Arild entfernt, liegt an der Spitze der Halbinsel Kullen und ist aufgrund seiner überaus idyllischen Lage am Meer und der nähe zum angrenzenden Naturreservat Kullaberg schon seit dem letzten Jahrhundert ein beliebtes Urlaubsziel. In Schweden ist Mölle außerdem für sein Seebad bekannt, in dem schön sehr früh Männer und Frauen gemeinsam baden durften – zur damaligen Zeit ein echter Skandal! Selbst deutsche Urlauber kamen dank der direkten Zugverbindung zwischen Berlin und Mölle schon Anfang des 20. Jahrhunderts in den malerischen Ort.

Hoch auf dem Kullaberg thront der fünfzehn Meter hohe Leuchtturm Kullens fyr über Mölle. Er ist ein beliebtes Ausflugsziel, da man von hier aus über das Meer bis nach Dänemark blicken kann. Wir setzen unsere Fahrt Richtung Süden fort, immer entlang der Küste und vorbei an kleinen, alten Fischerdörfern.

Nachhaltiger Tourismus in Höganäs

Zur Mittagszeit legen wir in Höganäs, einer ehemaligen Industriestadt, die mittlerweile auf nachhaltigen Tourismus setzt, eine Pause ein und stärken uns am Buffett in der Saluhallen. Die Markthalle in der historischen Keramikfabrik bietet neben Kunst und Blumen vor allem kulinarische Köstlichkeiten, Bio-Lebensmittel und regionale Spezialitäten. Letztere können nicht nur im Markt gekauft werden, sondern dienen gleichzeitig als Zutaten für das reichhaltige Buffett, das im Restaurant der Saluhall angeboten wird. Wir stärken uns mit schwedischen Leckerbissen, bevor wir uns erneut auf die Räder schwingen und weiter auf dem Kattegattleden Richtung Helsingborg radeln.

Perle des Öresund: Hallo Helsingborg!

Helsingborg wird von den Schweden gerne die „Perle des Öresund“ genannt – zu Recht, denn die zweitgrößte Stadt Skånes ist mit seinen knapp 100.000 Einwohnern eine gemütliche und hübsche „kleine Großstadt“. Wir fahren entlang des Kilometer langen Sandstrand und der Strandpromenade, die sich vom Norden der Stadt bis in die Innenstadt erstreckt. Hier tummeln sich gerne die Einheimischen und treffen sich zum Baden, Joggen – oder wie wir – zum Radfahren.

Übernachten in der Wildnis

Nachdem die Räder in Helsingborg zurückgegeben sind, geht es nach Höör im Herzen von Skåne. Dort erwarten uns Camilla und Cecilia, die Betreiberinnen des Nyrups Naturhotells. Wir packen die nötigsten Sachen für die Nacht zusammen – noch nicht genau wissend, was uns erwartet – und machen uns auf den Weg zu unserer heutigen Schlafstätte – mitten in der Wildnis! Nach einem kurzen Fußmarsch durch den dichten Wald entdecken wir die ersten Jurten zwischen den Bäumen und stehen schon bald im Camp, einer Mischung aus skandinavischer Wildnis und mongolischem Campingplatz. Hier gibt es weder Strom noch fließendes Wasser, nur Natur und Entschleunigung pur. Da sich der Tag bereits dem Ende zuneigt und die Sonne schon tief steht, müssen wir gleich mit der Essenszubereitung beginnen, denn heute kochen wir unser Essen selbst über dem offenen Feuer. Alle fassen mit an, das Feuer wird geschürt, Kartoffeln und Gemüse geschnitten, Burger aus typisch schwedischen Wildfleisch gebraten und schon bald kocht auch die Vanillesuppe für die Nachspeise im Topf über dem knisternden Feuer.

Die Sonne geht allmählich unter und als es zu dämmern beginnt, steht das köstlich duftende, selbstgekochte Essen auf dem Tisch. Unglaublich, wie lecker eine mit einfachsten Mitteln in der Wildnis gekochte Mahlzeit schmecken kann. Zufrieden und mit vollen Mägen lassen wir im Kerzenschein den Abend ausklingen und begeben uns schon bald in die nur von einer kleinen Öllampe erhellen Jurten.

Glückliche Ziegen und keine Elche

Die Nacht im stillen Wald und in den äußerst komfortablen Betten war erholsam und so starten wir zeitig in den neuen Tag. Als wir aus unseren Jurten treten, scheinen bereits die ersten Sonnenstrahlen durch das grüne Blätterdach über uns. Zum Frühstück stehen Käse aus der Nyrups Osteria und andere lokale Köstlichkeiten auf dem Tisch. Zwar setzt während des Frühstücks ein heftiger Regenschauer ein, doch wir lassen uns vom Wetterumschwung nicht die Laune verderben und verlegen unser Essen kurzerhand in die Hauptjurte, in der der Holzofen angenehme Wärme spendet.

Gestärkt packen wir unsere Sachen zusammen und verlassen das Camp in Richtung Zivilisation. Und der nächste Programm-Höhepunkt wartet bereits auf uns – nach einer kurzen Fahrt erreichen wir das Schloss Hovdala in der Nähe Ortes Hässleholm, der Ausgangspunkt für unsere Wanderung auf dem erst kürzlich eröffneten Jakten på Gullspira.

Vom strömenden Regen lassen wir uns die Wanderlust nicht verderben und wandern über Wiesen und durch Wälder bis wir zur Mittagszeit eine kleine Siedlung erreichen. Auf dem Weg kommt uns freudig eine Ziege entgegen – wir sind ganz offensichtlich an der Glada Getens Gårdsmejeri, der „Molkerei der glücklichen Ziege“, angekommen.

Mit köstlichem hausgemachtem Käse und Schinken stärken wir uns für den Rückweg. Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen und der Weg führt uns durch Sümpfe und Moore. Unser Guide versichert uns, dass der hiesige Sumpf der ideale Ort für eine Elch-Sichtung sei. Doch die Beobachtung eines Elches bleibt uns heute leider verwehrt.

Wir verlassen das Gebiet von Hovdala und reisen weiter nach Kristianstad, wo wir die Nacht in Annas Hotell, einem kleinen, liebevoll eingerichteten Hotel, verbringen werden.

„Ein Krebs, ein Schnaps, ein Lied“

Am Abend erwartet uns ein ganz besonderes Highlight unserer Reise. Wir sind zu Besuch bei einer schwedischen Familie, um mit ihr das traditionelle Kräftskiva – das Krabbenfest – zu feiern. Für das Fest, das jedes Jahr zum Beginn der Krebsfangsaison im Spätsommer gefeiert wird, schmücken die Schweden ihre Heim mit Kerzen und Lampions, laden ihre Freunde und Familie ein und servieren in Dill und Salzwasser gekochte Flusskrebse. Nach einer herzlichen Begrüßung führen die Gastgeber Ingrid und Stoffe uns und ihre eingeladenen Freunde in den liebevoll geschmückten Wintergarten, reichen uns die obligatorischen Partyhüte und Lätze und schon bald steht die Vorspeise, eine Krabbensuppe, auf der Festtafel.

Stoffe beginnt die ersten spannenden Geschichten aus seiner Zeit als Seemann zu erzählen, verschwindet dann kurz, um die Krebse zuzubereiten und serviert uns kurze Zeit später riesige Tabletts auf denen sich die roten Schalentiere stapeln. Nach einer kleinen Einweisung in die richtige Handhabung und den Verzehr der Krebse, beginnt das große Schlemmen. Gemäß dem schwedischen Trinkspruch „Ein Krebs, ein Schnaps, ein Lied“ werden zwischendurch immer wieder Trinklieder angestimmt und die Schnapsgläser nachgefüllt. Der selbstgebackene Apfelkuchen von Ingrid rundet den kulinarischen Genuss ab. Am Ende des Abends haben wir viel gegessen, noch mehr gelacht und freuen uns über eine Einladung unserer Gastgeber zum nächsten Midsommar-Fest.

Zurück in Malmö: Auf nach Västra Hamnen

Unser letzter Tag in Skåne beginnt am Startpunkt unserer Reise: im Malmö. Eine ganz besondere Sehenswürdigkeit der Stadt ist der neue und sich immer noch im Aufbau befindliche Stadtteil Västra Hamnen im Westend er Stadt. Das einst heruntergekommene Industriegebiet und Hafengelände wurde dank eines innovativen, nachhaltigen Bebauungskonzepts zu einem Vorzeigewohnprojekt, das als modernes und umweltfreundliches Aushängeschild für schwedische Baukunst gilt.

Västra Hamnen bietet neben spannender Architektur und kleinen grünen Oasen mit dem Stapelbäddsparken auch einen der besten Skateparks Europas sowie eine Kletterhalle. Wahrzeichen des Stadtteils ist der 2005 errichtete, alles überragende Turning Torso. Das 190 Meter hohe Hochhaus ist mit seinen 54 Etagen der höchste Wolkenkratzer in ganz Skandinavien. Das in sich verdrehte Gebäude wurde vom spanischen Architekten Santiago Calatrava entworfen, mit zahlreichen Architekturpreise ausgezeichnet und beherbergt neben einigen Büros hauptsächlich Wohnungen – dies macht den Turning Torso zum dritthöchsten Wohngebäude Europas.

Fußgänger und Radfahrer haben in Västra Hamnen Vorrang und Autos sind teilweise ganz verboten. Wir schlendern durch das architektonisch abwechslungsreiche Viertel, in dem sich typisch schwedische Holzhäuser mit extrem modernen Betonfassaden abwechseln, und genießen die herrliche Aussicht auf den Öresund und die Öresundbrücke, über die wir in wenigen Stunden unsere Rückreise antreten werden. .

Zur Mittagszeit kehren wir in einem ehemaligen Hafenspeicher in die Saltimporten Canteen, ein angesagtes Szene-Restaurant, wie es sie in Malmö so zahlreich gibt, ein. Mit Blick auf den Hafen genießen wir das stilvoll angerichtete, gesunde Essen aus lokalen, saisonalen Zutaten.

Das Ende einer Skåne-Reise

Nach einem letzten Spaziergang durch Malmö neigt sich das Abenteuer in Skåne dem Ende zu. Mit tollen Erinnerungen und neuen deutsch-schwedischen Freundschaften im Gepäck geht es zurück nach Deutschland. Fünf ereignisreiche Tage mit abwechslungsreichen Landschaften, kulinarischen Genüssen, schwedischer Gastfreundschaft, sportlichen Aktivitäten und abenteuerlichen Ausflügen liegen hinter Steffi und Martin. Die beiden sind sich nach den aufregenden Tagen in Skåne sicher: sie werden zurückkommen, um auch noch die anderen Ecken der Region zu entdecken.

» Teil I: Unterwegs in Malmö

Malmö: Schwedens beste Stadt für Radfahrer

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Kattegattleden

Infobox

  • erster Nationalfahrradweg Schwedens
  • Länge: 370 km
  • Route: immer in Meeresnähe, durch Halland und Skåne
  • unterteilt in 8 Abschnitte:
    1. Helsingborg – Höganäs, 22 km
    2. Höganäs – Ängelholm, 40 km
    3. Ängelholm – Båstad, 36 km
    4. Båstad – Laholm – Halmstad, 39 km
    5. Halmstad – Falkenberg, 57 km
    6. Falkenberg - Varberg, 40 km
    7. Varberg – Kungsbacka, 74 km
    8. Kungsbacka – Göteborg, 63 km

 

Alle Infos rund um den Kattegattleden gibt's hier:
http://kattegattleden.se/de/

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