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Thailand
Drei Winter in Hua Hin – ein Erfahrungsbericht
Überwintern in Thailands ältestem Badeort
Unsere Digitalredakteurin Lea Katharina Nagel hat drei Winter in Folge in der thailändischen Küstenstadt Hua Hin verbracht. Im Selbstinterview erzählt sie, was den Ort über die üblichen Klischees hinaus für Langzeitaufenthalte ausmacht – und für wen er sich eignet.
Lea Katharina Nagel, vom 14.05.2026
1. Drei Winter in Folge in Hua Hin – wie kam es eigentlich dazu?
Ehrlich gesagt: Ich bin kein großer Fan zentraleuropäischer Winter. Weil meine Selbstständigkeit ortsunabhängiges Arbeiten erlaubt, dachte ich mir irgendwann: Warum nicht einfach die Flucht ergreifen? Thailand kannte ich von früheren Reisen und hatte es als unkompliziertes, bezahlbares Ziel in Erinnerung. Dass es ausgerechnet Hua Hin wurde, verdanke ich einer Begegnung im Flugzeug. Mein Sitznachbar erzählte mir von den vielen Annehmlichkeiten, der praktischen Nähe zu Bangkok und den vielen Sportmöglichkeiten. Nach dem ersten Winter folgten Nummer zwei und drei fast automatisch.
2. Was macht den Reiz aus, dem deutschen Winter genau hier zu entfliehen?
Hua Hin erfüllt mehrere Voraussetzungen, die generell für einen Langzeitaufenthalt im Ausland wichtig sind und zusätzlich mir persönlich am Herzen liegen. Da ist der sechs Kilometer lange Strand, der sich ideal zum Walken, Schwimmen oder einfach Entspannen eignet – der Blick auf den Monkey Mountain, den „Affenberg" mit seiner Pagode, hat mir bei jedem Wetter ein Gefühl von Ruhe gegeben. Zudem ist er immer ein nettes Ausflugsziel. Die pittoresken Fischerboote im Süden des Strands liefern nicht nur fangfrisches Seafood, sie waren auch eines meiner liebsten Fotomotive für die Zuhausegebliebenen.
Darüber hinaus bietet Hua Hin eine gute medizinische Infrastruktur und Nahversorgung. Die Ärzte und Krankenhäuser sind auf englischsprachige Tourist:innen ausgerichtet und haben in der Regel gut ausgebildetes Personal. Cafés, Restaurants und Marktstände gibt es in Hülle und Fülle. Die zwei großen Einkaufszentren – Blueport Hua Hin und Market Village – decken den Bedarf weit über den Alltag hinaus ab, kleinere Supermärkte wie Villa Market, 7-Eleven oder Big C erledigen den Rest. In Phasen von Heimweh waren mir westliche Produkte wie Käse oder Toffifee Gold wert. Was man nicht direkt vor Ort bekommt, liefern die asiatischen Amazon-Pendants Lazada und Shopee binnen weniger Tage (Hua Hin liegt an einer der wichtigsten Verkehrsachsen des Landes).
3. Was zeigt sich erst auf den zweiten Blick?
Wofür sich mein Blick mit der Zeit geschärft hat, ist vor allem die schwierige Lage vieler thailändischer Frauen, insbesondere die der alleinerziehenden oder alleinstehenden. Der Aspekt fällt bei Kurzbesuchen vielleicht weniger ins Gewicht, lässt sich aber nach längerer Zeit kaum noch ignorieren. Prostitution, Alkoholabhängigkeit, Fatalismus, Depression sind keine Seltenheit. Ob die zehrende und manchmal eintönige Arbeit in Massagesalons oder das tägliche Bespaßen von Gästen in Bars und Nachtclubs: In vielen Gesprächen, aus Beobachtungen und innerhalb einiger Freundschaften ist mir besonders das Schicksal älterer Frauen nahegegangen. Hinter perfekt einstudiertem Lächeln liegt oft Hilflosigkeit oder Resignation.

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mit Extra-Reisekarte4. Welche Begegnung hat mich nachhaltig geprägt?
Über drei Winter sammeln sich natürlich viele inspirierende Begegnungen an. Da wäre Matze, der Selfmade-Man aus Würzburg. Ola, die exzentrische Hotelsupervisorin aus Bangkok. Dream, die begnadete Masseurin aus der nördlichen Provinz Mae Hong Son. Jack, der stilbewusste Schneider aus Nepal – und nicht zuletzt Artur, der rastlose Journalist aus Zürich.
Am stärksten wirkt jedoch die Beziehung zu Off nach. Off war Supervisor in meinem Lieblingscafé Ob Oon, und über die Jahre entwickelte sich aus einer Stammgast-Bekanntschaft eine Freundschaft – soweit es die Umstände eben möglich machten. Seine Professionalität, sein Einfühlungsvermögen und der unermüdliche Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen seines Teams haben mich nachhaltig inspiriert.
5. Ist Hua Hin trotz seiner Bekanntheit ein Geheimtipp?
Auf jeden Fall. Wer Geheimtipps oder „authentisches Leben" sucht, sieht in Hua Hin auf den ersten Blick natürlich erst einmal große Hotelkomplexe, Nachtleben, unspektakuläre Märkte oder hört den dauernden Lärm der Phetkasem Road – deshalb reisen viele nach zwei, drei Tagen wieder ab.
Dass Hua Hin eine eigene Geschichte und tiefe Wurzeln hat, wissen die wenigsten. Zur Ayutthaya-Zeit ließen sich viele chinesische Migranten hier nieder. Heute sieht man das eindrücklich in der Restaurantszene oder an dem kleinen chinesischen Tempel am zentralen Strandzugang nahe des Hilton-Komplexes (ein nicht zu unterschätzender Anteil der Einheimischen hat Wurzeln im Reich der Mitte). Im Alltag entsteht daraus eine spannende Fusion aus thailändischem Theravada-Buddhismus und Ahnenverehrung, wie man sie sonst eher in chinesischen Traditionen findet.
Gleichzeitig gilt Hua Hin als ältester Badeort Thailands. Seit den 1920er Jahren nutzen die Königsfamilie und Teile des thailändischen Adels den Küstenort als Sommerresidenz – mittlerweile hat sich das auf die Bangkoker Mittelschicht ausgeweitet. Tatsächlich verleiht die royale Vergangenheit der Stadt bis heute eine eigentümliche Würde. Unterm Strich liegt die Einzigartigkeit Hua Hins genau in der Mischung aus chinesisch geprägter Fischertradition, königlicher Nostalgie, britisch angehauchter Kolonialarchitektur und einem modernen, manchmal oberflächlichen, multiethnischen Lifestyle. Meines Wissens gibt es das so kein zweites Mal in Thailand.
6. Hua Hin – für wen eignet sich der Ort?
Rentner:innen, Pensionär:innen und ältere Auswander:innen
Hua Hin hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem regelrechten Rentnerparadies entwickelt. Gerade die niedrigen Lebenshaltungskosten, die gute medizinische Versorgung und das breite Angebot an Aktivitäten machen den Ort zu einer attraktiven Alternative für alle, die sich einen würdigen Lebensabend in Deutschland oder Österreich nicht mehr leisten können oder wollen. Hinzu kommt, dass die thailändische Regierung ein spezielles Rentner-Visum für Langzeitaufenthalte anbietet.
Familien mit Kindern
Für Familien gibt es nette Ausflugsmöglichkeiten, kindertaugliche – respektive reizüberflutende – Einkaufscenter und gute Küche – aber das Hauptargument sehe ich im Strand: lang, flach und manchmal mit natürlichen Planschbecken ausgestattet. Nach meinen Beobachtungen wird er besonders gerne von Familien mit kleineren Kindern genutzt. Wer als Familie anreist, sollte sich allerdings um eine Unterkunft in Strandnähe oder mit Strandzugang bemühen – die sind zwar etwas teurer, sparen aber im Zweifel eine nervige Anreise.
Remote Worker und digitale Nomad:innen *
Klar, Hua Hin ist nicht das klassische Digital-Nomad-Mekka wie Chiang Mai oder Phuket, entwickelt sich aber zunehmend in diese Richtung. Wer Komfort schätzt und sportlich ist, kommt hier auf seine Kosten. Schnelles WLAN, unkompliziertes Mieten von Condominiums und die gute Anbindung an Bangkok schaffen Flexibilität. Was mich allerdings bis heute wundert, ist: Trotz der wachsenden Nomad-Community gibt es erstaunlich wenig Coworking-Spaces.
*Das 2024 eingeführte DTV-Visum erleichtert Langzeitaufenthalte für diese Gruppe.
Verliebte und Romantiker:innen
In drei Wintern habe ich vermutlich an die hundert Hochzeiten (aus der Ferne) miterlebt. Hua Hin ist – vielleicht wegen der noblen Geschichte oder der traumhaften Kulisse – bei Paaren extrem beliebt. Resorts bieten Sunset-Dinner mit Kerzen und Rosen direkt am Wasser und individuelle Inszenierungen sind scheinbar problemlos möglich: Einmal bin ich in eine Motto-Hochzeit im Anime-Style gestolpert, bei der sich selbst die Kellner:innen brav „untergeordnet" haben.© Lea Katharina NagelSportaffine und Outdoor-Begeisterte
Golf, Kitesurfen, Reiten, Muay Thai, Yoga, Radfahren – die Bandbreite an Sportangeboten ist groß, ich kenne (außer Bangkok) keinen anderen Ort in Thailand mit einer ähnlichen Vielfalt. Mein persönlicher Favorit war schlicht der Strand als bester Workout-Partner. Wenn das Wetter nicht mitspielt, sind die Fitnessstudios eine unkomplizierte und meistens ausreichend gut ausgestattete Alternative, wobei sie deutlich auf Tourist:innen oder wohlhabendere Thailänder:innen ausgelegt sind.
7. Würde ich ein viertes Mal kommen?
Aktuell: nein. Aber das liegt weniger an Hua Hin als an meinen Plänen, in den Wintermonaten auch andere Orte kennenzulernen. Ich würde sagen, vorerst ist es ein Abschied auf Zeit.
