Unsere AutorenWerner Rudhart

© Werner Rudhart

Werner Rudhart ist für DuMont Reise unterwegs im Süden und Südosten von Brasilien.

Wie lange leben Sie schon in Brasilien?

Seit 1990, mehr oder weniger, denn die ersten Jahre waren ein beständiges Hin und Her zwischen Deutschland und Brasilien. Als freier Fotograf produzierte ich in Brasilien Material für eine Hamburger Bildagentur und erarbeitete in eigener Regie Reportagen für deutsche Zeitungen und Magazine, zu denen ich Kontakt pflegte. Immer, wenn das Geld knapp wurde, ging es mit einem Koffer voller Bilder und Geschichten für eine Zeit zurück nach Deutschland. Damals war noch nichts digital und auch das Internet war noch keine Option.

Wie war Ihr erster Eindruck von Brasilien?

Bereits 1986 war ich zum ersten Mal nach Brasilien gekommen. Ich besuchte einen Freund, der damals auf der Ilha de Santa Catarina lebte. Ein Glücksfall, denn die Insel trägt ihren Spitznamen “Ilha da Magia” zurecht. Ein erster Ausflug führte mich dann in das nah im Hinterland gelegene Blumenau. In der ehemaligen deutschen Kolonie, so hoffte ich, würde mein noch stümperhaftes Portugiesisch nicht so sehr ins Gewicht fallen. Weit gefehlt! Ja sogar vermeintlich deutsche Würste oder Gulasch schmeckten hier ganz anders. Dieser Eindruck begleitete mich auf den anschließenden Reisen in andere Teile des Landes: Alles in und an Brasilien war anders, überraschend und viel beeindruckender, als ich es mir vorgestellt hatte. Und so keimte wohl der Gedanke, vielleicht irgendwann einmal den Bodensee mit dem Südatlantik zu tauschen.

Was hat Sie zum Reisen und Schreiben gebracht?

Der Litoral Norte von São Paulo wurde mein erster „Wohnort“ in Brasilien. Die gröβtenteils mit atlantischem Regenwald bedeckte Kordilhere der Serra do Mar zwischen Rio und São Paulo zählt für mich zu den schönsten und ursprünglichsten Abschnitten der brasilianischen Küste. In der selben Gegend fiel im 16. Jht. ein deutscher Söldner namens Hans Staden in die Hände der Ureinwohner und schrieb, nach gelungener Flucht, eines der ersten Bücher über Brasilen: Warhaftige Historia und beschreibung eyner Landtschafft der Wilden Nacketen, Grimmigen Menschfresser-Leuthen in der Newenwelt America gelegen. Nichts lag näher, als auf den Spuren von Hans Staden meine neue Umgebung zu erkunden. Aus dem Material wurde eine Ausstellung in São Paulo, und über die Ausstellung entstand der Kontakt zum Bordmagazin einer brasilianischen Airline. Die anfängliche Zusammenarbeit auf "Tauschbasis" (Flugticket gegen Fotos) wandelte sich bald zur festen Anstellung – als Reporter für Text und Bild reiste ich fast 15 Jahre lang hauptsächlich durch Brasilien und konnte das riesige Land dabei bis in seine entlegensten Winkel erkunden. Ein Traumjob!

Wie kam es zu Ihrem ersten Reiseführer bei DuMont?

Als mich 2004 eine Reise auf die Ilha de Santa Catarina führte, überraschte mich dort der Pensionswirt mit dem Hinweis, dass mein „Kollege“ bereits da sei. Als dieser entpuppte sich Jochen Österreicher, der damals für die erste Ausgabe des Stefan Loose Travel Handbuchs durch Süd- und Südostbrasilien reiste. Bei ein paar Caipirinhas gab es viel zu erzählen und Visitenkarten wurden getauscht. Über ein Jahr später erhielt ich mit der Post die erste Ausgabe des Buchs mit dem Angebot, in Zukunft seinen Teil zu übernehmen, da er beruflich verhindert sei. Zum Vorschlag von DuMont-Autor Helmuth Taubald, hier Synergien für das Reisehandbuch Brasilien zu schaffen, war es dann nur noch ein logischer Schritt.

Welche Beziehung haben Sie zu Brasilien?

Irgendwann wird einem plötzlich klar, dass der Lebensmittelpunkt nicht mehr Deutschland ist, sondern Brasilien, home is where the heart is.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Inhalte Ihrer Reiseführer aus?

Dass ein Brasilienreisender Rio de Janeiro erleben will, ist klar, die Iguaçu-Wasserfälle, keine Frage. Aber warum São Paulo, Ouro Preto oder gar Brumadinho? Orte, die sich durch etwas Besonderes auszeichnen – sei es durch die Menschen, ihre Kultur, die Landschaft und die touristische Infrastruktur oder am Besten durch das alles zusammen – wo also die Mischung stimmt für diese Reiseziele, möchte ich über die Highlights hinaus das Interesse des Lesers wecken. Bei Kneipen, Restaurants und Unterkünften empfehle ich gern solche, die ihren besonderen Charakter über längere Zeit bewahren ohne Staub anzusetzen, denn gerade in Brasilien ist der neueste Schrei oft schnell verhallt.

Was ist in Ihrem Koffer, wenn Sie von der Recherche zurückkommen?

Kunsthandwerk! Brasilien ist eine reiche Fundgrube, was kunstvoll und kreativ gearbeitete regionale Produkte weitab vom gängigen Souvenirkitsch anbelangt. Vom aus gefärbten Baumsamen gefertigten Schmuck der indigenen Flussrandbewohner des Nordens über die filigran verzierten Deckchen der Spitzenklöpplerinnen des Nordostens bis zu den meisterhaften Lederwaren der Gaúchos des Südens – irgendwo ist dafür immer noch ein Platz im Gepäck.

 

Was unternehmen Sie, wenn Sie die Recherche vor Ort beendet haben?

In dem Land zu leben, das man beschreiben soll, ist ein Umstand, den ich mit meinen Co-Autoren Helmuth Taubald und Nicolas Stockmann teile. Egal, ob ich morgens eine Zeitung aufschlage, nachmittags auf der Straße ein neues Café entdecke oder am Wochenende einen Ausflug in die Berge mache, etwas vom Reiseführer-Autor ist immer mit dabei. Daher gilt: Nach der Recherche ist vor der Recherche – und dazwischen etwas in der Hängematte schaukeln. Zu meinem Bereich gehört ja auch die Mega-City São Paulo, die gröβte Stadt der südlichen Hemisphäre. Da ist es ganz normal, dass ich meine Fühler ständig ausgestreckt halte, auch weil ich hier in der Stadt für interessierte Leser individuelle Führungen anbiete. www.saopaulo-insider.com

Sie bieten auch Führungen durch São Paulo an. Wer sind typische Kunden von Ihnen? Wie verändert sich das Brasilien-Bild der Touristen durch Ihre Führungen?

São Paulo hat zwar von allen brasilianischen Städten die gröβte touristische Infrastruktur und weist die höchsten Besucherzahlen auf, doch handelt es sich dabei zum überwiegenden Teil um Geschäftstourismus. Brasiliens große Metropole ist das wirtschaftliche Zentrum Südamerikas. Deshalb wenden sich oft Geschäftsreisende an mich, deren Interesse über die reine Arbeit hinausgeht. Für die meisten Reisenden, die aus Übersee in Südamerika ankommen oder die hier ihren Rückflug antreten, ist die Stadt oft nur Drehscheibe. Doch manche legen hier eine strategische Reisepause ein und wollen etwas von der Stadt mitbekommen. São Paulo ist ein für den Fremden zunächst verwirrendes Gebilde, und viele Besucher sind einfach verunsichert durch das gigantische urbane Labyrinth gleich draußen vor ihrem Hotel. Hier ermögliche ich mit meinen Führungen eine behutsame Annäherung an Brasiliens geschäftigste, chaotischste und zugleich auch kosmopolitischste und innovativste Stadt. Was die meisten Leute verwundert ist, wie ungezwungen sie sich dabei bewegen können. Die wenigsten wissen, dass São Paulo rein statistisch die sicherste von allen großen Städten des Landes ist. Vom Gang durch das pulsierende und zugleich dekadente historische Zentrum bis zum Flanieren auf der luxuriösen Avenida Paulista präsentiert sich die Stadt wie ein Parabolspiegel des ganzen Landes – (fast) alles, was Brasilien ausmacht, erscheint hier wie auf den Punkt gebracht. Dazu liefern 160 Theater, 265 Kinosäle, 120 Museen und geschätzte 12.500 Restaurants einen opulenten kulturellen Rahmen. Oder, wie es einmal ein Gast am Ende einer Tour zusammenfasste: “Rio ist Samba, Salvador hat Axé – und in São Paulo spielt die Musik”.

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