Unsere AutorenOliver Fülling

Tibet, Lachen-Pass zum Nam Tso © Oliver Fülling

Oliver Fülling ist für DuMont Reise unterwegs in Peking, Shanghai, Hongkong und ganz China, inklusive Tibet.

Was hat Sie zum Reisen und Schreiben gebracht?

Am Anfang stand der Blick über einen unüberwindbaren Stacheldrahtzaun. Nicht in Berlin – ich stand 1983 auf einer Aussichtsplattform an der Grenze von Hongkong zur VR China und schaute hinüber ins Fischerdörfchen Shenzhen, das heute übrigens eine der größten Städte Chinas ist. Meine Neugier auf das damals noch abgeschottete Reich der Mitte war geweckt. Ich studierte Sinologie und machte mehrere lange Reisen durch die Volksrepublik. Dabei entstand – damals noch auf der Schreibmaschine – das erste Manuskript für einen Individualreiseführer über China. Dann kam die Niederschlagung der Demokratiebewegung am 4. Juni 1989, und die ganze Arbeit war umsonst. Niemand wollte mehr einen China-Reiseführer publizieren.

Wie kam es zu Ihrem ersten Reiseführer bei DuMont?

1991 interessierte sich dann doch ein Verlag für das mittlerweile schon nicht mehr aktuelle Manuskript, es bedurfte monatelanger Nachrecherchen, bis der erste deutsche Individualreisführer für das China der 1990er Jahre herauskam. Gleichzeitig bekam ich die Gelegenheit, für einen Reiseveranstalter ein umfangreiches China- und Japan-Programm aufzubauen und zu betreuen. Immer neue Regionen durfte man bereisen, und bis heute fasziniert mich die ungeheure landschaftliche und kulturelle Vielfalt des riesigen Landes, das selbst drei Jahrzehnte nach meiner ersten Chinareise noch immer Raum für neue Entdeckungen lässt. China ist einfach unerschöpflich …

Das Angebot des DuMont Reiseverlages, einen ausführlichen China-Reiseführer zu verfassen, war dann der Auftakt für eine ganze Reihe weiterer Buchprojekte für DuMont. Ich ging für drei Jahre nach Shanghai, und dann reifte der Entschluss, von nun an ganz als Autor zu arbeiten. Der Ferne Osten, die Touristik und die Reiseführer haben mich die letzten 20 Jahre begleitet und bis heute nichts von ihrem Reiz verloren.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Inhalte Ihrer Reiseführer aus?

Klar, die großen Highlights gehören ausführlich ins Buch, aber ich widme auch weniger berühmten Sehenswürdigkeiten viel Raum, weil man gerade abseits der ausgetretenen Reisepfade die spannendsten Entdeckungen macht. Sei es der für ein Viertel wichtige Tempel, in dem man daoistische oder buddhistische Zeremonien miterleben kann, eine Werkstatt, in der „Made in China“ noch echte Handarbeit bedeutet, oder trotz der rasanten Baugeschwindigkeit erhalten gebliebene alte Stadtteile, die noch ein wenig das Flair des traditionellen China vermitteln. Es sind diese eher unbekannteren Seiten des Landes, die am Ende einen Blick hinter die Kulissen und in den chinesischen Alltag ermöglichen. Gleiches gilt für die Adressen. Am liebsten wähle ich Hotels in typischen chinesischen Häusern aus, empfehle chinesische Restaurants mit einem ganz besonderen Flair oder originelle Einkaufsmöglichkeiten.

Was packen Sie in Ihren Koffer, wenn Sie nach China fahren?

Meine Reisetasche ist immer nur mit dem Nötigsten bestückt. Am wichtigsten sind mein Netbook, um alles direkt aufschreiben zu können, und der Fotoapparat, da mir die Bilder auch als Gedächtnisstütze dienen.

Was ist in ihrem Koffer, wenn Sie aus China zurückkommen?

Unendlich viel Literatur, Karten, Visitenkarten, also Materialien, die ich unterwegs einkaufe oder sammele, weil ich sie zu Hause selbst im Internet nicht bestellen kann.

Was unternehmen Sie, wenn Sie Ihre Recherchen vor Ort beendet haben?

Egal ob in Peking, Shanghai oder Hongkong und im Riesenland China sowieso, es gibt immer noch Ecken, die ich nicht gesehen habe, weil die Zeit dazu fehlte. Manchmal setze ich mich aber auch einfach nur in ein nettes Café und staune, wie sehr sich China seit meiner ersten Reise verändert hat.

Ihr beeindruckendstes Erlebnis?

Während einer Recherchereise für einen Südchina-Band hatte mein Überlandbus in einer Dschungelgegend einen schweren Unfall, und wir stürzten eine Böschung hinab. Glücklicherweise konnten alle Fahrgäste nahezu unverletzt aus dem kopfüber liegenden Bus klettern. Der Fahrer brachte uns alle bei Familien in einem nahegelegenen Dorf unter. Dort bekamen wir etwas zu essen, während er einen LKW für die Weiterfahrt organisierte. Am Zielort angekommen, kam der Busfahrer auf mich zu und entschuldigte sich noch einmal ausdrücklich für die Unannehmlichkeiten. Und nicht nur das, er bestand darauf, mir auch noch den kompletten Fahrpreis zurückzugeben.

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