Unsere AutorenKlaus Simon

Quelle: © Klaus Simon

Klaus Simon ist für DuMont Reise unterwegs in Frankreich.

Was hat Sie zum Reisen und Schreiben gebracht?

Die erste Frankreichreise führte direkt vom Bahnhof in eine klatschnasse Wiese mitten in der tiefsten Normandie. Kaum aus dem Zug in Caen ausgestiegen, packte mich die Familie meiner Brieffreundin Christine in den vollbesetzten Peugeot-Kombi. Die meisten Mitfahrer trugen Gummistiefel, landgängige Jacken und hatten Tüten dabei. Es hatte in der Nacht zuvor geregnet, soviel verstand ich auf der Fahrt. Das Wetter sei daher favorable, und überhaupt, jetzt im Spätsommer sei die beste Saison, um Schnecken zu suchen. Den Namen des Dorfs, den zwei Bindestriche in die Länge trieben und der das Ziel des Ausflugs war, konnte ich mir erst gar nicht merken. Aber wir fuhren durch eine campagne, der Flurbereinigung und industrielle Agrarproduktion nicht den Charme geraubt hatten.

Zugleich bekam ich einen Crashkurs mit ein paar elementaren Regeln in französischer Alltagskunde. Lektion eins war die heitere Stimmung, hinweg über Generationsgrenzen, hinweg über den Unterschied zwischen aufs Land ausschwärmenden Städtern und echten Landbewohnern. Mit von der Partie waren ein krawattetragender Onkel aus Rouen, Christines herausgeputzte Kusine, die in Paris studierte, très chic, und die fidele Großmutter aus einem Dorf hoch oben im weltabgewandten Département Manche. In meiner Heimatstadt ging ich nur in sogenannte Szenekneipen und traf dort nur meinesgleichen: sich weltverbesserisch gebende junge Leute mit politischem Anliegen und ernster Miene, die mit Krawattenträgern und Großeltern garantiert keinen Ausflug unternehmen würden. Hier aber herrschte eine Ungezwungenheit, die mich als Gast aus Deutschland ganz unangestrengt einbezog.

Nach zahlreichen weiteren Frankreichreisen kam als Studienfach nur Französisch in Frage. Ich studierte auf Lehramt. Im Studium ging ich für ein Jahr als Fremdsprachenassistenz in die Bretagne, wo ich zufällig einen Statistenjob bei einer Kinoproduktion bekam. Paris und ein Job als Übersetzer war die nächste Etappe. In die anfangs geplante Lehramtstätigkeit habe ich nicht zurückgefunden: Eine Klassenfahrt pro Jahr nach Frankreich wäre mir einfach zu wenig gewesen. Ich wurde Journalist mit dem Schwerpunkt Frankreich, erst für die FAZ, dann für GEO. Für beide Redaktionen schreibe ich noch immer, dazu für arte Magazin, Merian, Der Feinschmecker, Brigitte, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Welt. Die Gärten der Côte d´Azur, die Vulkane der Auvergne, die Winzer Burgunds, die Schlösser der Loire, gotische Kathedralen, Alpenseen und Pyrenäenkamm, aber auch architektonische Meisterwerke der Moderne wie das Pariser Musée du Quai Branly oder in Bordeaux der Miroir d´Eau an den sanierten Garonne-Kais sind ein unerschöpflicher, sich stets erneuernder Themenpool.

Wie kam es zu Ihrem ersten Reiseführer bei DuMont?

Ein Kollege brachte mich mit dem DuMont Reiseverlag in Kontakt. Das Angebot, ein Reisebuch über die Côte d´Azur zu schreiben, gefiel mir sofort. Endlich konnte ich die Region in all ihren Facetten vorstellen. Und ich liebe es, auf ein Hotel, ein Restaurant, einen Käseproduzenten zu stoßen, die ganz nach meinem Geschmack sind.

Welche Beziehung haben Sie zu Frankreich?

Bei aller Liebe gibt es immer wieder Momente großen Unverständnisses. Die Sorglosigkeit im Umgang mit der Atomkraft gehört dazu, trotz Pannenketten und überalterter Reaktoren. Die Arroganz der Pariser Eliten nervt bisweilen – wie auch eine gewisse Nabelschau, die aus Franzosen exzellente Kenner ihres Landes macht und den Rest der Welt zur quantité négligeable abstuft. Die rasante Ausbreitung von Fast Food-Filialen irritiert mich kolossal. Beim Thema Le Pen zieht sich mindestens eine Augenbraue hoch. Dann aber führt eine Burgundreise zu einer Zisterzienserabtei, deren Besitzer sich bereits in dritter Generation mit geradezu heiligem Ernst und ohne staatliche Subventionen um den Erhalt des romanischen Bauwerks kümmern. Oder ich lande im französischen Südwesten auf dem Hof eines Biobauern, der als Sanitätsoffizier aus der französischen Marine ausgeschieden ist, um fortan die vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen seiner gascognischen Heimat zu züchten. Jeglicher Zweifel ist im Nu verflogen. Solche Momente sind das Geschenk einer großen Nation.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Inhalte Ihrer Reiseführer aus?

Frankreich verblüfft mit einem so enormen Reichtum an unberührten Landschaften und herausragenden Kulturgütern, dass man als Deutscher manchmal kleinlaut wird. Indem ich auch scheinbar Nebensächliches vorstelle, kritische Worte etwa zu politischem Filz oder dem sehr französischen Glauben an die Atomkraft verliere, versuche ich, die Distanz zum Reiseland Frankreich aufzuheben. Porträts bringen den Lesern das Reiseziel ebenfalls näher, weil es die grande nation auf menschliches Format bringt. Bei Sehenswürdigkeiten und Tipps gibt es immer die Liste der unumgänglichen Empfehlungen. Andere, vielleicht kunstgeschichtlich nicht so bedeutende, aber skurrilere Orte, Restaurants ohne Michelin-Stern, aber mit ungewöhnlichem Konzept, Übernachtungstipps abseits der ewig gleichen Standards sind aber ebenso wichtig.

Was packen Sie in Ihren Koffer, wenn Sie nach Frankreich fahren?

Viel Zeit, ausgeschnittene Zeitungsartikel, Notizen, neue Infos etc. zur Region, die ich am Reiseziel nachprüfen möchte – und einen meiner Reiseführer.

Was unternehmen Sie, wenn Sie Ihre Recherchen vor Ort beendet haben?

Zum Abschluss gibt es meistens eine Wanderung oder Bergbesteigung. So komme ich am besten vom Recherche-Tempo wieder runter. Oder ich genieße das Herumfahren und -laufen „ohne Vorsatz“. Abwarten, was passiert, dem Zufall eine Chance geben. Wobei ich an genau solchen Tagen einige meiner besten Entdeckungen gemacht habe.

Was ist in ihrem Koffer, wenn Sie aus Frankreich zurückkommen?

Die besten Erzeugnisse der jeweiligen Region: Käse, Schokolade, Plätzchen, Likör, Wurst, Olivenöl, Meersalz, Stoffe, neue Bücher und Musik, Kuriosa und Trödel – ich bin leidenschaftlicher Flohmarktbesucher. Der Koffer reicht nicht immer: Ich habe auch schon eine Citroen DS Baujahr 1972 aus der Normandie mitgebracht.

Ihr schönstes Erlebnis während der Recherche?

Es kommen seit der Schneckensuche (siehe Anfang) ständig neue schöne Erlebnisse oder Begegnungen hinzu – wie der bereits erwähnte Klosterbesitzer in Burgund oder der vom Sanitätsoffizier zum Biobauern gewandelte Gascogner. Als ich ein Porträt über Pierre Magnan recherchiert habe, summte mir der blitzgescheite, weit über achtzigjährige Krimi-Schriftsteller Bachkantaten im Auto vor. Oder ein Erlebnis aus Studentenzeiten: Beim Trampen durch die Provence nahm mich ein frisch vermähltes Paar mit, das mich ins Restaurant eingeladen hat, um ihr Glück zu teilen.

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