Unsere AutorenHartmut Buchholz

Quelle: © Andreas Kasack

Hartmut Buchholz ist für DuMont Reise unterwegs in Marokko, dem arabischen Maghreb, West- und Ostafrika.

Was hat Sie zum Reisen und Schreiben gebracht?

Ich habe schon während des Studiums für Tageszeitungen geschrieben, später bei der Badischen Zeitung in Freiburg ein zweijähriges Redaktionsvolontariat absolviert, komme also vom Journalismus, freilich nicht vom Reise-Journalismus.

Ein Schweizer Schriftsteller, den ich schätze (Martin R. Dean), hat Reisen einmal „die Verflüssigung von Identität“ genannt; richtig an dieser Aussage ist sicherlich, dass jeder talentierte Reisende von einer Reise verändert zurückkehrt. Reisen ist für mich ein zeitlich befristeter Dispens vom Alltag, Verabschiedung von Routine, Bezweifeln vermeintlicher Gewissheiten, im besten Fall Konfrontation mit etwas zutiefst Fremdem, Unbegriffenen, womöglich auch Unbegreifbaren.

Die großen Reiseautoren des 20. Jahrhunderts – im 21. wird es sie nicht mehr geben – waren „empfindsame“ Reisende mit dem Instinkt für das spezifisch Fremde, für das prinzipiell Andere und herausragende Stilisten in einem: Wolfgang Koeppen, Hubert Fichte, Bruce Chatwin, Cees Nooteboom, V.S. Naipaul. Sie haben, jeder für sich, Maßstäbe gesetzt. Sie waren, ihr sich aussetzend, einer Fremde auf der Spur, die es heute, im Zeitalter des Massentourismus, kaum noch gibt. Erfahrung entsteht nicht in der zur Routine erstarrten Wiederholung, nicht in den Endlosschleifen des Bekannten, sondern sie baut sich dort auf, wo man dem fundamental Unbekannten gegenübersteht, wo sich ein Sensorium schärft für das Noch-Nie-Gesehene. Ich reise, um diesen Resten des Unbekannten zu begegnen – auch dem Unbekannten in mir selbst. Reisen und Schreiben gehören zu meinen zentralen Passionen; ich bin Egoist genug, um mir die Erfüllung dieser Wünsche von meinem Verlag – freilich kärglich! – bezahlen zu lassen.

Ich reise grundsätzlich alleine. Reisen sind so oft extreme Einsamkeitserfahrungen und, besonders in Schwarzafrika, auch Expeditionen zu sich selbst. Auf langen Reisen in abgelegenen Regionen wird man auf eine radikale Weise mit sich selbst bekannt – und das ist auch gut so. Reisen bergen die Möglichkeit für existentielle Erfahrungen, in diesem Sinne sind sie eine „Verflüssigung von Identität“, sie vermögen Festgefahrenes aufzulösen.

Wie kam es zu Ihrem ersten Reiseführer bei DuMont?

1988 kam ich zum ersten Mal nach Marokko, durch einen jener „Zufälle“, die sich im Nachhinein als merkwürdige Fügungen erweisen. Als ich die Fähre in Tanger verließ, ahnte ich, dass hier ein „Süden“ lockte, schön und verstörend, gewaltiger als der „Süden“, den ich als Kind in Italien und Spanien gesehen hatte. Ein „Süden“ jenseits des christlichen Abendlandes. Marokko wurde für mich das Entrée nach Afrika, 1988 genügte ein gerade mal zweiwöchiger Aufenthalt, um aus Ahnung Gewissheit werden zu lassen – die Gewissheit, hierhin zurückkehren zu müssen, mit viel Zeit im Gepäck.

1989 hatte ich, wieder eher „zufällig“, vom Konzept einer neuen Taschenbuchreihe des DuMont-Reiseverlags erfahren, das Konzept gefiel mir, ich schickte dem Verlag ein Exposé für ein Marokko-Taschenbuch, wir wurden handelseinig, ich fuhr nach Marokko, blieb etwa neun Monate; als ich zurückkam, war die Rohfassung fertig, das Buch – mein erster Reiseführer – erschien 1990. Noch heute erstaunt mich, dass das DuMont-Lektorat den Mut hatte, mit einem absoluten Neuling zusammenzuarbeiten.

Was interessiert Sie am Reiseführerschreiben?

Ich kann eine Zeitlang dort sein, wo ich ohnehin sein möchte und ich kann das tun, was ich sowieso im Ausland am liebsten mache: Auge und Ohr sein, versuchen, auf das Faszinosum eines Landes oder einer Stadt mit Sprache, mit meiner Sprache zu reagieren. Für mich wäre es undenkbar, einen Reiseführer, nach der Faktenrecherche vor Ort, am heimischen Schreibtisch zu erarbeiten. Alle meine Reiseführer sind in den Rohfassungen komplett in den Ländern entstanden, um die es jeweils ging. Dazu war ich bis zu zehn Monate vor Ort, habe afrikanischen Alltag in manchen Situationen schon mal verflucht, aber meine afrikanischen Erfahrungen niemals bereut. Diese Erfahrungen möchte ich nicht missen, vielleicht wäre ich mir ohne sie heute selbst kaum vorstellbar. Sicherlich gehen derartige Erfahrungen, wie vermittelt auch immer, in jeden Reiseführer ein.

Welche Beziehung haben Sie zum Land?

In Dakar (Senegal) habe ich ein Dreivierteljahr in einem Viertel gewohnt, in dem ich der einzige Weiße war; es war eine gute Zeit, das Buch wuchs und gedieh, noch heute habe ich zum Senegal eine – zweifellos nostalgisch geprägte – Beziehung; wäre ich ein reicher Bestsellerautor, vielleicht würde ich mir ein Haus in St. Louis, der alten Kolonialhauptstadt im Senegal-Delta, kaufen. St. Louis, dieses einzigartige afrikanische Venedig, Inselstadt zwischen Festland und Ozean…

Kenia war für mich, was die journalistischen Arbeitsbedingungen angeht, eine echte Härteprobe; käme ich heute dorthin zurück, ich würde mancherorts vermutlich ein mir nahezu unbekanntes Gelände entdecken. Kenia steht für mich zudem für das Spektakulärste an Landschaften und Natur, das ich in Afrika jemals gesehen habe: es sind freilich die poetischen Restposten einer vielfältig bedrohten Natur, die es so in 10, 20 Jahren vermutlich gar nicht mehr geben wird.

Marokko ist für mich immer ein Land der Verheißung geblieben, ein Sehnsuchtsland. Seit ich im Sommer 1988 zum ersten Mal mit der Fähre in Tanger ankam, hat dieses Land nie aufgehört mich zu beschäftigen: als Thema, als Herausforderung und als Erfahrung. Als Thema, weil Marokko beides in verwirrender Gleichzeitigkeit ist: feudale Monarchie und moderner Staat, muslimisches Mittelalter und säkulares Schwellenland, von arabischen wie berberischen Traditionen geprägt. Als Herausforderung, weil viele Marokkaner bis heute eher Untertanen als Bürger sind, weil es vor dem Hintergrund von Armut und Elend einen geradezu obszönen Reichtum im Land gibt, weil kaum etwas so schwierig zu skizzieren ist wie die marokkanische Monarchie mit ihren Elementen von Gottesgnadentum sowie demokratischer Öffentlichkeit. Und als Erfahrung, weil Marokko ein Land der sinnlichen Sensationen ist: leuchtende Farben, betörende Gerüche, die Sprache eine unbekannte Melodie, die Küche eine Verführung, die Medina ein wohlgeordnetes Chaos, die Souks eine Einladung an den Flaneur, eine Ware nicht gezielt zu suchen, sondern zufällig zu finden, das arabische Alphabet ein kalligraphisches Rätsel. Und über allem ein unvergleichliches Licht…

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Inhalte Ihrer Reiseführer aus?

Ich versuche, ein Land von innen vorzustellen, ein Sensorium für seine Besonderheiten zu schärfen. Dazu eignen sich nach meiner Ansicht besonders Aspekte, die etwas Grundsätzliches zeigen, journalistisch „aufgehängt“ an etwas ganz Konkretem, das dem Leser im Land auffällt, das ihm begegnet, das er wahrnimmt, ohne es zunächst einordnen zu können, ohne es zu verstehen. Beispiel: Wer im Ramadan durch Marokko reist, erlebt einen ganz eigenen Zeitrhythmus, ein Land im kollektiven Ausnahmezustand. Das Stichwort „Ramadan“ erlaubt, ausgehend vom Konkreten, ein Nachdenken über die Präsenz des Islam im Alltag der Gläubigen, über die berühmten „Fünf Säulen“ des Islam, über die Philosophie des muslimischen Fastens, das ein Fasten der Sinne meint, über muslimische Speisevorschriften und und und…

Was packen Sie in Ihren Koffer, wenn Sie nach Marokko fahren?

Ich reise immer mit minimalem Gepäck, das ich zur Not ein paar Kilometer schleppen kann. Es gibt für mich kaum etwas Unangenehmeres, als gepäckbeladen mit Fernbussen unterwegs zu sein oder mit schweren Koffern nachts eine Unterkunft zu suchen oder mit Taxifahrern einen Preis auszuhandeln – wie man handelt, habe ich erst in Marokko gelernt!

In den Koffer kommt – seit neuestem – ein Netbook, eine Grundausstattung an Klamotten, dazu Dinge, die ich verschenke: etwa Kugelschreiber und Hefte für Kinder. Ich nehme auf Reisen niemals Dinge mit, deren Verlust ich wirklich bedauern würde!

Was ist in Ihrem Koffer, wenn Sie zurückkommen?

Das kommt drauf an, woher ich zurückkomme. Bei der Rückkehr aus Marokko etwa Lederwaren, Holzschatullen mit Intarsien, Bücher marokkanischer Autoren…

Was unternehmen Sie, wenn Sie die Recherche vor Ort beendet haben?

Eine Recherche vor Ort ist letztlich niemals wirklich beendet.

Reiseführer sind bestenfalls gründlich recherchierte Momentaufnahmen. Die Realitäten, die ein Reiseführer zu fassen sucht, ändern sich schneller als man Reiseführer drucken kann. Es gibt einen Punkt, an dem man die Fertigkeit eines Projektes beschließen muss. Ich habe zwar noch jeden mit dem Verlag vereinbarten Abgabetermin eingehalten, oft genug sogar zeitlich unterboten, aber immer im Wissen, dass ein Reiseführer eben niemals „fertig“ ist. Als Perfektionist leide ich manchmal darunter, aber nicht allzu sehr, denn nach der Recherche ist immer auch vor der Recherche.

Ihr schönstes Erlebnis während der Recherche?

Zu viele, zu unterschiedliche „schönste“ Erlebnisse, als dass sie hier rubriziert werden könnten. Wenn ein Reiseführer gelungen ist, sind sie alle in das Buch eingegangen…

Eine Gastfreundschaft, die den Reisenden fast beschämt, gehört sicherlich zu derartigen beeindruckenden Erlebnissen, die selbstverständliche Solidarität innerhalb von Familien etwa in schwarzafrikanischen Gesellschaften, die Weisheiten eines friedliebenden Islam oder das imponierende Talent zur Freude im Augenblick.

Der erste Minztee im Café Hafa über der Bucht von Tanger, die afrikanische Savanne im Abendlicht, der Sonnenaufgang über den Dünenkämmen des marokkanischen Erg Chagaga, die erste nächtliche Ankunft im senegalischen St. Louis, mein Jahr in Dakar – ein Reigen aus Erlebnissen, lauter Geschenke, manchmal frage ich mich: Womit habe ich das verdient?

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