von H. Maunder und B. Schaefer

Ökologie im Zeichen der LaguneStirbt Venedig?

Quelle: © Clipdealer.com / merten

Venedigs Lagune ist bedroht, und zwar dreifach: bei Hochwasser, bei Niedrigwasser, und zum dritten durch ein Projekt, das diese schwankenden Wasserstände regulieren soll.

Das zweitgrößte Feuchtbiotop in Italien (nach dem Podelta) hat etwa die Größe des Bodensees. Es ist ein Zwischenreich, nicht Wasser, nicht Land: Sümpfe, Kanäle, Sandbänke und winzige Inseln, die zum Teil nur bei Ebbe übers Wasser schauen. Zwölf der Inseln sind bewohnt. Dort, wo Schiffe fahren, ist das Wasser 15 bis 20 Meter tief, ansonsten oft nur einen halben Meter. In der Lagune mischen sich Salzwasser und Süßwasser, ein idealer und seltener Lebensraum für Wasservögel, Fische und Pflanzen. Im südlicheren Teil gibt es zudem Fisch- und Muschelzucht. Drei größere Durchgänge führen durch die Lagune ins offene Meer hinaus. Durch diese flutet zweimal täglich die Adria, spült mit Salzwasser die Lagune durch. So entledigt sich Venedig bis heute seiner Abwässer, eine Kanalisation wird erst gebaut.

Venedig s(t)inkt

Nicht nur die Haushalte Venedigs verschmutzen die Lagune, sondern auch Abwässer und Abgase der Industrieanlagen, zudem führen tiefe Wasserstraßen für Supertanker durch die empfindliche Landschaft. Und da in Venedig mit Autos kein Staat zu machen ist, hält man sich ein flottes Motorboot. Auch sie tragen zur Zerstörung der Stadt bei, die schnellen Wellen peitschen den Mörtel aus den Häuserwänden und schaden Flora und Fauna.

An das Hochwasser, Acqua alta, hat sich Venedig nur scheinbar gewöhnt. Während es in den 1950er-Jahren noch etwa sieben Hochwassertage pro Jahr gab, sind es mittlerweile 50 pro Jahr. Steigt weltweit der Meersspiegel weiter so an, steht in 50 Jahren an jedem dritten Tag Hochwasser in den Gassen von Venedig. Denn nicht genug, dass der Meeresspiegel ansteigt, Venedig sinkt, vor allem durch eine verstärkte Trinkwasserentnahme. Da stellt sich die Frage, ob man nicht einfach den Wasserspiegel der Lagune insgesamt absenken könnte. Doch wenn der Wasserstand zu niedrig wird, kommen die Lärchenstämme, auf denen Venedig gebaut ist, mit Sauerstoff in Kontakt, und dadurch beginnen sie zu faulen.

Mose soll Venedig retten

Um all diesen Problemen im Wortsinne einen Riegel vorzuschieben, legte man bereits im Jahr 2003 den Grundstein für M.O.S.E: Das „Modello Sperimentale Elettromeccanico“, ein „elektrotechnisches Versuchsmodell“, soll die Abschottung der Lagune bei extremen Hochwassern in der Adria ermöglichen und sechs Milliarden Euro kosten. Es ist ein System von 78 Fluttoren, die vor Sturmfluten schützen sollen. Kritiker warnen jedoch vor den Folgen der damit geplanten – wenn auch befristeten – Absperrung der Lagune. Vor allem aus ökologischen Gründen: Einige Gebiete der Lagune sind von außergewöhnlicher Bedeutung für die Natur Europas – etwa zur Erhaltung wild lebender Vogelarten. Zu deren Schutz gingen von Brüssel 2005 und 2007 schriftliche Mahnungen an die italienischen Behörden, die sich daraufhin zu einer Reihe von Maßnahmen verpflichteten. So werden die Bauarbeiten zu bestimmten Zeiten ausgesetzt, um die Störung der Vögel in der Lagune möglichst gering zu halten, außerdem soll eine Überwachung der Arbeiten durch unabhängige Stellen ermöglicht werden.

Was sind die Alternativen?

Italiens Grüne halten den Abbau von Methangas vor der Lagune sowie den Verkehr der großen Tanker für die Chemieindustrie entlang der Küste für des Übels Kern. Neben einer Erhöhung der Gebäudefundamente fordern sie vor allem eine Öffnung alter Seitenarme an unbebauten Landstreifen der Lagune, um dadurch den Fluten wieder mehr Raum zum „natürlichen“ Ablauf zu geben.

Auf einen Blick

Das Projekt M.O.S.E

78 hydraulische Fluttore sollen ab 2014 am Grund der Adriazuflüsse verankert sein, jedes davon 30 Meter lang, 20 Meter breit, fünf Meter dick. Im Normalfall liegen sie mit Wasser gefüllt am Meeresboden. Wenn in der Lagune ein Pegel von mehr als 1,10 Meter droht, können sie mit Druckluft innerhalb von einer Stunde leergepumpt und aufgerichtet werden, um so den Adriawellen den Weg in die Lagune zu versperren.


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