von Michael Möbius

Vom rechten HandelnWeltreligion Buddhismus

Buddhas im Wat Po in Bangkok © DuMont Bildarchiv / Christian Heeb

Die sprichwörtliche Toleranz und Lebensfreude der Thailänder ist ein sichtbarer Ausdruck der Staatsreligion Buddhismus, die das ganze Land prägt. Seit Jahrhunderten ist diese dogmenfreie Lehrtradition fest im Königreich verankert und auch heute kaum von Säkularisierung bedroht.

In keinem anderen Bereich werden die geistigen Beziehungen Thailands zu Indien offensichtlicher als im Buddhismus, dessen Geschichte um 560 v. Chr. begann, als in Kapilavastu, im Süden des heutigen Nepal, Prinz Siddharta Gautama geboren wurde und in allem erdenklichen Luxus aufwuchs. Die Schattenseiten des Lebens blieben ausgesperrt – bis ihm vier Gottheiten in Gestalt eines Greises, eines Kranken, eines Toten und eines Asketen erschienen. Verzweifelt über das ihm bis dahin unbekannte Leid der Welt und voller Sehnsucht danach, die Wahrheit zu finden und die Ursache für all das Leid der Menschheit, verließ er im Alter von 29 Jahren seine Frau, seinen neugeborenen Sohn und das väterliche Reich. Sieben Jahre zog er auf der Suche nach religiöser Einsicht umher, bevor er erleuchtet wurde.

Ursache und Wirkung

Buddha, das heißt der Erwachte oder auch der Erleuchtete, erblickte den ewigen Kreislauf, in dem alle Wesen geboren werden, sterben und von Neuem geboren werden. Er erkannte, dass alle Erscheinungen auf der Welt miteinander verflochten und vergänglich sind, demzufolge also keine unveränderlichen Dinge existieren. Das gesamte Erdenleben ist ein Wechselspiel von in Abhängigkeit stehender Einzelfaktoren, die nicht zufällig sind, sondern dem Weltgesetz Dharma unterliegen. Es manifestiert sich in der natürlichen Ordnung, im Lauf der Flüsse und der Bahn der Sterne ebenso wie in der sittlichen Ordnung.

Der Lehre Buddhas zufolge ist das Leben ein Strom von Daseinsfaktoren, die dem Karma, dem Gesetz von Ursache und Wirkung, unterliegen. Dieser Strom wird auch vom Tod nicht unterbrochen, weil die geistigen, moralischen und natürlichen Kräfte weiterwirken. Sie sammeln sich in einem neuen Individuum, dessen Leben gemäß dem Karma nach den guten und bösen Taten und Gedanken des Dahingeschiedenen ausgerichtet wird. So ist der Mensch, was er war, und wird sein, was er ist. Dabei ist Leben stets mit Leid verbunden, weil es vergänglich ist, keinen Bestand hat und wie das Ego selbst nichts als Illusion sein kann.

Die vier edlen Wahrheiten

Diese Erkenntnis wird als die erste der Vier Edlen Wahrheiten bezeichnet, die den Kern der buddhistischen Lehre bilden. Die zweite Edle Wahrheit erklärt die Ursachen des Leidens – Gier, Hass und Verblendung –, während die dritte Edle Wahrheit aufzeigt, dass die Aufhebung des Leidens nur möglich ist, wenn man sich von allen Begierden befreit. Die vierte Edle Wahrheit schließlich beschreibt den Edlen Achtfachen Pfad, der zur Beendigung des Leidens führt. Er basiert auf rechter Erkenntnis, rechter Gesinnung, rechtem Reden, rechtem Handeln, rechtem Leben, rechtem Streben, rechter Aufmerksamkeit und rechtem Sich-Versenken.

Buddhismus heute

So ist der Buddhismus eigentlich weniger eine Religion als vielmehr eine Weisheitslehre, eine Weltanschauung. Weil er keine Verbote aufstellt, sondern nur Empfehlungen, also Weghilfen, gibt, ist er wahrscheinlich so wenig von Säkularisierung bedroht in diesem durch und durch buddhistisch geprägten Land, in dem sich rund 95 Prozent der Bevölkerung zum Buddhismus bekennen. Die rund 300 000 Mönche in mehr als 25 000 Klöstern kennzeichnen die Verankerung des Landes in der Religion. Auch die in Thailand so sprichwörtliche Präsenz von Harmonie und Friede, nebst Gleichmut und Geduld ebenso wie Lebensfreude entspringen direkt der buddhistischen Lehre.


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