Reportage

SüdkoreaDogil Maeul

Ausblick auf den kleinen Ort Dogil Maeul ©shutterstock.com/aaron_choi

Ein deutsches Dorf auf südkoreanischem Boden erzählt über gespaltene Biographien, kulturelle Fremdwahrnehmung und den menschlichen Wunsch nach einer Heimat.

 

Namhae ist unscheinbar, es ist die größte Stadt auf der Insel Namhaedo am südlichen Zipfel Südkoreas. Unweit von ihr, an der Ostküste, liegt das Dorf Dogil Maeul (koreanisch:독일 마을), übersetzt das deutsche Dorf. Rote Ziegeldächer und strahlend weißes Mauerwerk leuchten inmitten der von Nadelbäumen bewachsenen Hügel, penibel gepflegte Vorgärten und eine eigenartig aufgeräumte Atmosphäre begrüßen Besucher:innen aus aller Welt – aber vorwiegend solche aus Südkorea selbst. Die Attraktion der Provinz ist ein Symbol der Suche und ein Verbindungsglied zwischen Deutscher und Koreanischer Geschichte.

In den 1960er und 1970er Jahren kamen rund 8.600 südkoreanische Männer als Bergarbeiter nach Westdeutschland, begleitet wurden sie von 10.000 jungen südkoreanischen Krankenschwestern. Der Grund für die Vereinbarung zwischen Südkorea und der Bundesrepublik war die Suche nach einer „win-win“ Situation für die lokalen Arbeitsmärkte, in Deutschland sollte das Problem des Fachkräftemangels im Bergbau und im Pflegesektor gelöst werden, in Korea das der hohen Arbeitslosigkeit unter der jungen Bevölkerung und einer weit verbreiteten Armut. Obwohl die Arbeit unter Tage und im Schichtdienst hart war, blieben viele der damals Eingewanderten langfristig in Deutschland, fanden einen Lebenspartner, heirateten, bekamen Kinder und bauten sich eine neue Existenz fernab der Heimat auf. Transferierten jährlich mehrere Millionen Deutsche Mark in das vom Krieg gezeichnete Südkorea. Für die meisten von ihnen war das Wachsen neuer Wurzeln mit Sehnsucht nach Vertrautem und Tränen verbunden. Das deutsche Essen war schwer verdaulich, die fremde Sprache stellte eine bleibende Hürde dar, das Heimweh nach der Familie, für die man finanzielle Verantwortung übernommen hatte, war groß.

 

Die Idee für das deutsche Dorf hatte schließlich der Provinzpolitiker und damalige Bürgermeister von Namhae Kim Du-Kwan im Jahr 2000, nachdem er drei Jahre zuvor bei einem Deutschlandbesuch mit dem Wunsch der ehemaligen Gastarbeiter:innen konfrontiert worden war, im Alter mit ihren teils deutschen Partnern zurück nach Südkorea kehren zu wollen. Nach einem arbeitssamen Leben den Ruhestand genießen und endlich frei sein von dem nie vergangenen Traum an Heimat. Politiker Kim schuf auf der Insel preiswerte Grundstücke in einer ruhigen Lage mit Meerblick mit dem Anliegen den Auswander:innen für ihren Beitrag zum Aufbau des Landes zu danken und gleichzeitig eine touristische Attraktion innerhalb der etwas abgelegenen Provinz zu schaffen. Wieder eine „win-win“ Situation?

Die einzige Bedingung an die Rückkehrer war es, das neu entstehende Dorf nach koreanischen Vorstellungen typisch deutsch zu gestalten, die Freiheit eine eigene Kultur aus der Ferne mitzubringen war jedoch begrenzt - Die Planer Dogil Maeuls hatten ziemlich genaue Vorstellungen wie so ein deutsches Dorf auszusehen habe: Die Häuser mussten rote Sattelziegeldächer in einem Neigungswinkel von 30-35 Grad aufweisen, weiß gestrichen sein im Vorgarten mit gepflegtem Rasen und Blumen glänzen, drumherum einen niedrigen Zaun und gerne auch Spielereien wie Gartenzwerge oder Hundehütten integrieren. Dazu Außenbeleuchtung, auf den Straßen Tempolimit 30, die Namen deutscher Städte als Domizilbezeichnungen und deutsche beziehungsweise zweisprachige Beschilderungen am Eigentum: Betreten verboten!

 

Das Projekt entwickelte sich: Heute stehen auf den rund 100.000m2 40 Häuser mit Unterkunftsmöglichkeiten und Restaurants, ein Museum über die Geschichte der Menschen, ein Deutscher Platz und Fahnenstangen mit wehendem Schwarz, Rot, Gold. Jährlich kommen über 10.000 Menschen – vorwiegend aus Südkorea, aber auch Engländer, Burmesen oder Deutsche  - nun in die Provinz Namhae-gun um sich ein eigenes Bild des German Village zu machen. Gartenzwerge gibt es dank Souvenirjägern nicht mehr, dafür aber Wurst, Essiggurken und ein Oktoberfest. Nach Jahren erinnert Dogil Maeul an einen skurrilen Themenpark, bei dem man nicht genau weiß, ob die Bewohner:innen glücklich oder unglücklich über ihr neues Statisten-Sein sind. In Deutschland haben sie Korea vermisst und trotz der scheinbar mitgebrachten Kultur vermissen viele von ihnen nun Deutschland. Die gewünschte Altersruhe wird belebt, aber auch gestört, die neue „Tätigkeit“ und das Gefühl war vielleicht anders erträumt.

Und wie sieht die Zukunft aus? Die Zeit arbeitet gegen 독일 마을: Heute leben hier noch circa 70 der damals nach Deutschland emigrierten Koreaner:innen mit ihren deutschen oder koreanischen Lebenspartnern und es werden immer weniger. Die meisten von ihnen sind über 80 Jahre alt. Städter aus südkoreanischen Metropolgebieten interessieren sich für die eigenartigen Häuser, wo alles seine Ordnung zu haben scheint und die Lokalpolitik möchte sicherlich nicht auf ihren Touristenmagneten verzichten. Ob es eine Reise wert ist? Zumindest eine filmische: Die deutsch-südkoreanische Regisseurin Sung-Hyung Cho portraitiert in dem Dokumentarfilm Endstation der Sehnsüchte drei Ehepaare mit gespaltener Biografie in dem bizarren Disneyland. Die Dokumentation aus dem Jahr 2009 ist zwar schon etwas in die Jahre gekommen, lädt aber wie die gesamte Geschichte des deutschen Dorfes ein zu reflektieren: Über Fremde, kulturelle Wahrnehmung und das Gefühl von Heimat.

 

Autorin: Lea Katharina Nagel

 

Nach oben