Berlins gastronomisches Angebot hat stark vom Hauptstadtstatus profitiert. Dabei blieb die alte Szene erhalten, und so buhlen Sterne-Köche gleichermaßen um Gäste wie Currywurst-Buden, die statusbewusster Kundschaft mit Goldauflage Rechnung tragen, und Brauereigaststätten mit Traditionellem wie Berliner Weiße im Angebot.
Er habe sich, so der berühmte Gastronomiekritiker Wolfram Siebeck, Berlin als riesige Baustelle vorgestellt, „wo die Gastronomie aus Tausend und einer Szenekneipe der unterschiedlichsten Folklore besteht und die wenigen Feinschmeckerlokale erst abends aufmachen, wie in der Provinz“. Um dann hinzuzufügen: „Was soll ich sagen – genauso ist es.“ Das ist aber schon eine Weile her – ganz so schlimm ist es heute nicht mehr. Berlin mausert sich, architektonisch und auch kulinarisch.
Ein Rundgang durch die Ess-Szene kann zum Beispiel in der Kreuzberger Bergmannstraße beginnen. Da sind sie alle, die von Siebeck gescholtenen Szenekneipen der unterschiedlichsten Richtungen, in denen man kaum über zehn Euro für ein Gericht bezahlen wird. Die Berliner lieben das – und Besucher auch, wie man an den Gästen sehen kann, die mit Reiseführern in der Hand durch die Straße laufen. Doch einen Gastro-Guide braucht man hier wirklich nicht, man muss sich nur fragen: Welche landestypische Spezialität möchte ich essen? Und wem keine Antwort einfällt, der lässt sich eben inspirieren von den Speisekarten oder auch von den Küchendämpfen.
Los geht es in der Bergmannstraße linker Hand mit dem Italiener „Parlamento degli Angeli“, es folgt arabisch-syrische Küche bei „Al-Kalif“, weiter geht es ins „India“ oder zur französischen „Josephine“, oder auch vietnamesisch bei „Huong Que“, falafelig bei „Bergmann Köfte Gözleme“. Sushi gibt’s bei „Aki Tatsu“ oder bei „Sumo-Shushi“. Weiter zur Wahl stehen ein handliches Dessert aus einer italienischen Eisdiele, Thailändisches in der „Pagode“, ein Glas zum Abschluss in der „Enoteca Bacco“, und am Ende der Straße wartet die Markthalle, in der ohnehin die ganze Welt anbietet. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gibt es noch mehr Auswahl. Nach dem Italiener „Fratelli la Bionda“ kommt das „Austria“, eines der ältesten österreichischen Restaurants der Stadt, ein paar Häuser weiter als Beisl der kleinere Ableger „Felix Austria“. In beiden gibt es herrliche Semmelknödel und Leberkäs, Schweinsbraten und Schnitzel – und als Nachspeise Apfelstrudel oder Marillentopfenknödel. Damit nicht genug: Es folgen noch weitere Italiener, ein Tex-Mex-Laden und eine Neuland-Bio-Bräterei. Und das alles nur in der kleinen Bergmannstraße in Kreuzberg. Multikulti kulinarisch.
Mit dem Ruf der Berliner Küche stand es ja früher nicht zum Besten. Außer „knackigen Schweineohren mit gelben Erbsen“ und ähnlichen Gerichten hatte Berlin angeblich nicht viel zu bieten. Nun, auch wenn das deftige Essen hierzulande wahrscheinlich nie kultverdächtig werden wird – in den vergangenen Jahren hat sich einiges getan. Immer mehr Köche greifen zu regionalen Zutaten und lassen sich von traditionellen Gerichten inspirieren. Etwa im „Zander“, in dem man die feine Küche pflegt, oder in Berlins ältestem Restaurant „Zur Letzten Instanz“, das sich mehr auf die gutbürgerliche Variante stützt. Rustikale Gerichte gibt es auch in der „Restauration Tucholsky“, die ihren Gästen natürlich die Klassiker anbietet: die große Ber liner Bulette mit Zwiebelsoße, Leipziger Allerlei und Bratkartoffeln oder hausgemachte Eisbeinsülze. Renner ist immer noch das Eisbein mit Sauerkraut, Erbspüree und Kartoffeln.
Die vielen Zuwanderer, die Berlin in den vergangenen drei Jahrhunderten aufnahm, brachten auch ihre Gerichte mit. Von den Hugenotten stammen zum Beispiel die Buletten und das „Blanquette de Veau“, das die Berliner zum Kalbsfrikassee mit Spargel umwandelten. Die Ostpreußen lieferten die Königsberger Klopse, die Schlesier das Himmelreich – ein Eintopf aus Backobst, Rindfleisch und Kartoffelklößen. Eine originale Berliner Erfindung ist dagegen das Kassler. Der Schlachtermeister Johann Cassler legte einst einen geräucherten Schweinerücken in eine Salzlake und kreierte auf diese Weise das Kassler Rippenspeer. Auch die heutigen Berliner Köche erfinden immer wieder neue Speisen, geschmolzene Blutwurst ravioli mit Rahmsauerkraut etwa im Gasthaus „Zur letzten Instanz“. Eine kulinarische Wüste? Nein, das ist Berlin wirklich nicht mehr.
Zu den beliebtesten Japanern der Stadt gehört Susuru, was übersetzt so viel wie schlürfen bedeutet (€ Susuru, Rosa-Luxemburg-Straße 17, Mitte, Tel. 030/211 11 82, www.susuru.de).
Ein weiterer Edel-Japaner ist Koi – genau, so heißen die teuren Karpfen (€€ Koi, Chausseestraße 11, Mitte, Tel. 030/23 45 58 56, www.koiberlin.de).
In der vietnamesischen Küche hat sich ein Lokal als Szenegröße entwickelt: Monsieur Vuong. In diesem „Indochina Café“ stehen Kunden schon mal bis auf die Straße Schlange (€€ Monsieur Vuong, Alte Schönhauser Straße 46, Mitte, Tel. 030/ 99 29 69 24, www.monsieurvuong.de).
Indisches Essen mit Bollywood-Ambiente speist man im €€ Amrit ( Oranienstraße 202, Kreuzberg, Tel. 030/ 612 55 50; Oranienburger Straße 45, Mitte, Tel. 030/28 88 48 40; Winterfeldtstraße 40, Schöneberg, Tel. 030/21 01 46 40).
Und noch ein Tipp: Eat the World bietet kulinarische Stadtführungen durch Kreuzberg an. Etwa drei Stunden lang futtert man sich so häppchenweise durch die Küchen der Welt (30 €, www.eat-the-world.com).
Eine Reihe Restaurants und Gaststätten halten traditioneller Berliner Küche den Kochlöffel. Besonders drei Etablissements bieten sich zur Stadtbummel-Unterbrechung an: €€Zur letzten Instanz, Waisenstraße 14–16, 10179 Berlin (Mitte), Tel. 030/ 242 55 28, www.zurletzteninstanz.de
€€€ Restaurant Zander, Kollwitzstraße 50, 10405 Berlin (Prenzlauer Berg), Tel. 030/44 05 76 78, www.zander-restaurant.de
€€ Restauration Tucholsky, Torstraße 189, 10115 Berlin (Mitte), Tel. 030/281 73 49, www.restauration-tucholsky.de
Nachdem Berlin bemerkt hat, dass es eine Stadt am Wasser ist, gibt es immer mehr Möglichkeiten, mit Blick auf die Spree nicht nur in einer Strandbar im Liegestuhl abzuhängen, sondern richtig zu essen. Im Grill Royal in der Friedrichstraße sieht man von der Spree zwar nicht viel – wegen einer hohen Mauer davor –, doch dafür so illustre Gäste wie die Schauspielerin Nina Hoss und den Maler Jonathan Meese (€€€€ Grill Royal, Friedrichstraße 105, Tel. 030/28 87 92 88).
Mehr von der Spree sieht man auf der anderen Seite der Friedrichstraße, in gleich zwei Restaurants unweit des Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm. In der Brasserie Ganymed gehören zu den Spezialitäten des Hauses eine Marseiller Fischsuppe, Austern, aber auch Elsässer Sauerkraut (€€€ Brasserie Ganymed, Schiffbauerdamm 5, Tel. 030/ 28 59 90 45, www. ganymed-brasserie.de). Im benachbarten Brechts wird hingegen so österreichisch gekocht, dass man die Spree geradezu für die Donau halten könnte (€€€/€€€€ Brechts, Schiffbauerdamm 6, Tel. 030/28 59 85 85, www.siedlerklause.de/brechts).
Weiter im Osten der Stadt wird die Ufer-Kulinarik bunter, auf dem Deck der Hoppetosse tummelt sich nicht Pippi Langstrumpf (das Schiff ihres Vaters hieß so!), sondern allerlei Szenepublikum. Man hat einen schönen Blick auf die Oberbaum brücke (€€/€€€ MS Hoppetosse, Eichenstraße 4, Treptow, Tel. 030/ 53 32 03 40, www.arena-berlin.de).
Im Landwehrkanal liegen weitere Restaurantschiffe, vor allem im Kreuzberger Urbanhafen. Die Alte Liebe liegt auf der Havel, serviert wird Bodenständiges (€/€€ Alte Liebe, Havelchaussee 107, Tel. 030/304 82 58, www.alte-liebe-berlin.de).
In der kulinarischen Diaspora Berlin haben sich einige gehobene Restaurants etabliert. Geradezu eine kulinarische Sensation war es, als 2007 erstmals ein Berliner Restaurant einen zweiten Michelin-Stern verliehen bekam, den es auch 2010 noch halten konnte: Fischers Fritz. Chefkoch Christian Lohse und sein Team kreieren in der Nähe des Gendarmenmarktes an mediterraner Feinkost orientierte Küche (€€€ Fischers Fritz, Charlottenstraße 49, Tel. 030/20 33 63 63, www.fischersfritzberlin.com). Dort, im Bannkreis von Unter den Linden, versammelt sich ohnehin der Großteil der Haute Cuisine, so auch Kolja Kleebergs VAU (€€€ VAU, Jägerstraße 54, Tel. 030/ 202 97 30). Nachfolgend einige weitere Adressen aus dem reichen Angebot Berliner Spitzengastronomie:
€€€€ Quadriga im Hotel Brandenburger Hof, Eislebener Straße 14, Wilmersdorf, Tel. 030/21 40 50, www.brandenburger-hof.com
€€€€ Rutz, Chaussee straße 8, Mitte, Tel. 030/24 62 87 60, www.rutz-weinbar.de.
€€€/€€€€ Balthazar, Kurfürstendamm 160, Charlottenburg, Tel. 030/89 40 84 77, www.balthazar-restaurant.de
€€€ Sarah Wiener im Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50, Tel. 030/ 70 71 36 50, www.sarahwieners.de
€€€€ Bocca di Bacco, Friedrichstraße 167, Tel. 030/20 67 28 28, www.boccadibacco.de
€€€/€€€€ Borchardt, Französische Straße 47. Tel. 030/81 88 62 62, www.borchardt-catering.de
€€€ Diekmann im Weinhaus Huth, Alte Potsdamer Straße 5, Tel. 030/ 25 29 75 24
€ Schlemmermeyer, Tauentzienstraße 16, Tel. 030/217 72 09
€€€ Café Einstein, Unter den Linden 42, www.einsteinudl.com
Und nicht zuletzt wissen Feinschmecker auch „ihre“ (6.) Etage im KaDeWe in der Tauentzienstraße 21–24 zu schätzen
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