Seinen Nachmittagstee im Hotel Ritz zu sich zu nehmen, gehört zu den nicht ganz billigen, aber in jedem Fall erlebenswerten Londoner Traditionen. Serviert wird unter den Kronleuchtern des eleganten silber- und goldschimmernden Palm Courts, leise Klaviermusik schmeichelt dem Ohr, und auf den Tisch kommt einer der besten Tees in London.
Serviert wird das köstliche Nass im Hotel Ritz unter den Kronleuchtern des eleganten silber- und goldschimmernden Palm Courts. Leise Klaviermusik schmeichelt dem Ohr, und auf den Tisch kommt einer der besten Tees in London. Dazu gibt es Gurken- und Lachssandwiches, Scones sowie Miniatur-Patisserien auf silbernen Kuchenplatten. Die Bedienung trägt selbstverständlich Frack und spricht mit einem solchen upper-class-Akzent, dass man meint, die sprichwörtliche Pflaume im Mund herumrollen zu hören. Achtung: Herren müssen auch bei glühender Hitze Jackett und Schlips tragen! Keines dabei zu haben, ist keine Ausrede – das Haus leiht ihnen etwas Passendes aus.
Es geht natürlich auch etwas schlichter. „Fancy a cuppa?“, „Wie wär’s mit einer Tasse Tee?“ – Diese Frage ist morgens zum Aufwachen genauso angebracht wie zu den elevenses um elf Uhr herum, am Nachmittag und vielleicht nachts, wenn man vom Pub nach Hause kommt – sowie natürlich in allen Lebenslagen und Krisen, die danach verlangen. Mit gutem Grund: Laut George Orwell macht eine Tasse Tee „weiser, tapferer und optimistischer“, und die Briten sprechen ihm kräftig zu. Bei einem Konsum von über zwei Kilo pro Kopf pro Jahr liegen sie nur knapp hinter den irischen Spitzenreitern.
Als der Tee – die Blätter und Knospen der immergrünen Camilla-sinensis-Pflanze – Mitte des 17. Jahrhunderts erstmals nach London kam, eingeführt von der portugiesischen Infantin Katharina von Braganza, der ungekrönten Gemahlin Charles’ II., waren die Preise noch exorbitant. Heute kann man in London sowohl einen Becher für 60 Pence finden als auch den edelsten Weißtee. Tee nimmt eine nicht zu unterschätzende Position in der Gesellschaft ein. Bei Londoner Arbeitern sind tea breaks heilig; der Versuch einiger Bosse, die unproduktiven Teepausen zu kürzen, hat schon zu Streiks geführt. Starker Tee, oft ein Assam-Blend aus Yorkshire, wird „builders’ tea“ genannt, nach der Vorliebe britischer Bauarbeiter für einen Becher des dunkelbraunen Gebräus. In der Regel trinken sie ihn white (also mit Milch), und mit zwei Zuckerwürfeln, two sugars.
Um den Tee ranken sich alle möglichen Traditionen und Zeremonien. Wenn Sie zum Beispiel bei Londonern eingeladen sind, und jemand fragt „Shall I be mum?“, dann möchte er Sie nicht wirklich bemuttern, sondern wissen, ob er allen Anwesenden Tee einschenken soll. Als feiner gilt es übrigens, erst den Tee und dann die Milch in die Tasse zu gießen, obwohl auch da die Meinungen auseinandergehen. Ein gestricktes oder gestepptes tea cosy hält die Kanne warm – und ist zugleich ein schönes Mitbringsel, das man in den Haushaltsabteilungen der Kaufhäuser oder in größeren Souvenirläden erhält.
Ist London nun das Epizentrum der feinen Teekultur? Jein. Zwar biegen sich die Supermarktregale unter immer neuen Mischungen, biologisch angebauten und fair gehandelten Tees, doch bei den meisten Londonern zu Hause sieht das Teetrinken meist folgendermaßen aus: Wasserkessel an, einen PG-Tips-Teebeutel in den angeschlagenen Lieblingsbecher schmeißen, Wasser drauf, dreißig Sekunden ziehen lassen, den Beutel hin und her bewegen, ausdrücken und fertig. Dann klingelt es an der Tür: Der halb getrunkene Becher wird auf dem Fernseher abgestellt und vergessen. Nichts könnte einer japanischen Teezeremonie ferner sein – Ihren Darjeeling-First Flush müssen Sie schon woanders ordern. Zum Beispiel bei einem Afternoon Tea in einem Hotel: Da gibt es dann feinste Sandwiches und Patisserien dazu, lockere Teebrötchen mit einer Lage Rahm oder mit Erdbeermarmelade. All das ist seit Langem ein festes Ritual der britischen Oberschicht und in den letzten Jahren gönnt man sich gern auch ein Glas Champagner dazu.
Über die Vorzüge indischen und chinesischen Tees lässt sich streiten – die Briten tendieren mehr zum indischen. Aber wussten Sie, dass seit kurzem auch Tee in England angebaut wird? Single-Estate-Tee aus Cornwall ist in der Feinkostabteilung des berühmten Kaufhauses Fortnum & Mason zu erstehen; allerdings zu Wahnsinns preisen: Die Mindestabgabe menge (125 g) kostet fast 190 Pfund – dafür bekommt oben im St. James’-Restaurant eine sechsköpfige Familie Afternoon Tea!
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