Tief verwurzelte Traditionen, ein absolutistischer Ehrbegriff, in Jahrhunderten geschulter Machismo, das Ganze gepaart mit hoher krimineller Energie zum Wohl und Schutz der eigenen Familie – das sind einige der Elemente, die die Mafia in Sizilien am Leben halten. Die Mafia ist ein internationales Phänomen, doch auf der Insel schlägt ihr Herz.
Freitagmittag in Gela: Der Platz um die Kathedrale ist für den Verkehr gesperrt, Menschen stehen in Grüppchen zusammen. Die Männer im schwarzen Anzug und Hut begrüßen sich mit knappem Händedruck, die älteren Frauen haben ihr Haar unter Spitzenschleiern verborgen. Ein Trauerzug nähert sich: Priester, Sargträger, eine Blaskapelle, Angehörige und Freunde, schwarze Sonnenbrillen im Gesicht. Gemessen am Auftrieb muss das ein wichtiger Toter sein. Mafia? Gela gilt als Hochburg der ehrenwerten Gesellschaft! Auch wenn die Mafia längst in ganz Italien und international vernetzt operiert, glaubt man sich der kriminellen Organisation nirgends so nah wie auf Sizilien. Hinter jedem freundlichen Kellner könnte ein Erpresser stecken, hinter dem Bauern im Olivenhain der gesuchte Capo di tutti i Capi. Ganz falsch ist diese Vorstellung nicht, denn die meisten Mitglieder der Mafia sind ganz normale Gewerbetreibende oder Landwirte. Organisiert ist die Cosa Nostra, wie ihre Mitglieder sie nennen, in „Familien“, die jeweils einen Ort kontrollieren. An der Spitze der rund 200 sizilianischen Familien steht der Capo di tutti i Capi. Neben Schutzgelderpressung und Entführungen spielt seit den 1960er-Jahren der Drogenhandel die wirtschaftlich wichtigste Rolle.
Die Cosa Nostra hat zwar Regeln, an die sich alle Familien halten, doch wurden die Gesetze der vermeintlichen Ehre im Spiel um die Macht oft übertreten: Anfang der 1980er-Jahre begannen die Corleonesi unter ihrem Capo Totò Riina einen gnadenlosen Krieg gegen konkurrierende Bosse und den Staat. Riina setzte sich schließlich durch. Giovanni Falcone, der im Jahr 1992 ermordete Mafia-Jäger, schätzte, dass innerhalb von zwei Jahren rund 1000 Menschen ihr Leben verloren. Das Schlachten hatte Folgen: Die Zahl der pentiti, der Überläufer, stieg. Totò Riina wurde 1993 verhaftet, sein Nachfolger Bernardo Provenzano ging den Ermittlern 2006 ins Netz. Seither ist die Mafia auf ganz leisen Sohlen unterwegs, nicht einmal der aktuelle Boss ist bekannt. Begegnet man der Mafia auf Sizilien?
Ist ihr Klammergriff verantwortlich für das Misstrauen in den Gesichtern der Alten, für die Wut in den Zügen der Jungen, die keine Perspektive haben unter der erstickenden Glocke von Tradition, Religion und Armut? Wer verdient an den Autobahnauffahrten, die abrupt im Nichts enden, an den Bauruinen entlang idyllischer Strände und wer reibt sich über Berlusconis Stretto-Brücke die Hände? Die Cosa Nostra, so sagt man, ist überall, aber begegnet sind wir ihr wissentlich nie.
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