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Kirche
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Vorgeschmack aufs Paradies 

von Veronika Vengert und Birgit Borowski

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Quelle: ©iStockphoto.com/graphixel

Während des Kommunismus unterdrückt, schließlich geduldet, erlebt die russisch-orthodoxe Kirche seit zwei Jahrzehnten eine wahre Renaissance in Russland. Immer mehr Menschen bekennen sich offen zu ihrem Glauben. Viele Kirchen wurden in den letzten Jahren restauriert und wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt.

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten intensiveren Kontakt mit der russischorthodoxen Kirche. Es war 1986 während meines ersten Besuchs in St. Petersburg und es war ein grauer Regentag im Mai, die Bäume waren noch fast kahl. Ich war schon den ganzen Vormittag zwecks Recherche unterwegs gewesen, fröstelnd und halb durchgeweicht folgte ich einigen alten Frauen in die Nikolaus-Marine-Kathedrale – eine der wenigen Petersburger Kirchen, in denen auch in Sowjetzeiten Gottesdienste stattfanden. Was ich dort sah, zog mich zutiefst in seinen Bann: Alte Mütterchen huschten hin und her, blieben ins Gebet versunken vor einzelnen Ikonen stehen, küssten die Heiligenbilder und sanken davor nieder, zündeten Kerzen an und schienen in einer anderen Welt zu weilen. Viele spendeten einige Kopeken, obwohl man ihnen ansah, dass sie selbst kaum genug Geld zum Leben hatten. Alles kam mir geheimnisvoll vor, und ich hatte den Eindruck, an irgendetwas Verbotenem teilzunehmen. Und so war es ja auch fast: „Opium für’s Volk“ (Karl Marx) war in Sowjetzeiten notfalls geduldet, aber nie erwünscht. Vor allem junge Menschen mussten mit Nachteilen rechnen, wenn sie sich taufen ließen und sich offen zu ihrem Glauben bekannten. Mehr als 20 Jahre später: Gleicher Ort, aber andere Bilder. Bei weitem nicht nur alte Frauen besuchen den Gottesdienst in der Nikolaus-Marine-Kathedrale. Viele junge Frauen sind da, einige Männer, augenscheinlich gut situierte Menschen, viele Arme, es herrscht ein stetes Kommen und Gehen. Viele Öllämpchen und Kerzen sorgen für eine feierliche Stimmung. Trotz des langen Stehens – russisch-orthodoxe Gottesdienste dauern vier bis fünf Stunden, Stühle oder Bankreihen gibt es in den Kirchen nicht – zeigen die Menschen um mich herum keine Ermüdungserscheinungen. Es herrscht eine geradezu meditative Ruhe. Etwas befremdlich wirkt für mich, dass während des Gottesdienstes zwei Verstorbene in offenen Särgen in der Kirche aufgebahrt werden. Übergangslos schließt sich der Trauergottesdienst an die Liturgie an. An Festtagen herrscht in vielen Kirchen, so erzählen mir später meine russischen Freunde, ein großer Andrang, ein nicht enden wollender Strom von Gläubigen nimmt dann an den Gottesdiensten teil und empfängt den Segen des Priesters. Viele Kirchen wurden seit 1988 – nach den Tausend-Jahr- Feiern der russisch-orthoxen Kirche – wieder ihrer alten Bestimmung zugeführt. Dies gilt beispielsweise auch für die Kasaner Kathedrale, in der während der Sowjetzeit das Museum für die Geschichte der Religion und des Atheismus untergebracht war.

KOSTBARE KIRCHENAUSSTATTUNG

Fast jede der bedeutenden Kirchen in der Newametropole habe ich während meiner zahlreichen Aufenthalte dort schon einmal besucht. Und es fällt auf, wie außerordentlich kostbar der Kirchenraum ausgestattet ist. Für die Mitglieder der russisch-orthodoxen Gemeinde ist der Kirchenraum Abbild und Vorgeschmack auf das Paradies. Üppige Vergoldungen, prachtvolle Ikonen und reiche Wandmalereien gehören daher unbedingt zur Kirchenausstattung. Das Zentrum der Kirche bildet die Ikonostase, eine Bilderwand, die Gemeinderaum und Altar voneinander trennt. Sie ist deckenhoch und mit in mehreren Reihen übereinander angeordneten Ikonen ausgeschmückt. Der mittlere Durchgang der insgesamt dreitürigen Ikonostase, die „Heilige Pforte“, wird nur an besonderen Feiertagen geöffnet. Natürlich müssen die kostbare Kirchenausstattung sowie der Sakralbau selbst ständig restauriert und renoviert werden. Die Kosten trägt die Gemeinde, ebenso wie sie für die Gehälter von Priestern, Diakonen und anderen Kirchenmitarbeitern aufkommt. Dies geschieht durch Spenden, den Verkauf von Kerzen, kleinen Ikonen oder anderen religiösen Artikeln. Zudem bezahlen die Gemeindemitglieder für Eheschließungen, Taufen und Beisetzungen. Einen Priester spreche ich auf die Spendenbereitschaft der Gläubigen an. Er könne sich nicht beklagen, antwortet mir der Geistliche. Nur gäbe es viele Arme und für die werden selbstverständlich alle seelsorgerischen Leistungen kostenlos erbracht. Zudem verschlinge die Restaurierung der Kirche Unsummen. Da bleibt nur eins: Man müsse an zentralen Plätzen der Stadt Gelder für die Kirche bzw. verarmte Gemeindemitglieder sammeln.

GOTTESDIENSTE UND WEITERE INFOS

Teilnahme am Gottesdienst
Kasaner Katherale (siehe S. 63), tgl. 10.00 und 18.00 Uhr. Auch in der Nikolaus-Marine-Kathedrale, der Dreifaltigkeits-Kathedrale des Alexander-Newskij-Klosters oder in der Wladimirskirche (Uliza Blochina 26) finden regelmäßig Gottesdienste statt.

Museum der Religionsgeschichte
Potschtamskij Pereulok 14
Metro: Newskij Prospekt
Geöffnet: Mo., Di., Do.–So. 11.00–18.00 Uhr
Zum Museumsbesitz gehören ca. 180 000 Exponate, die Religionen aus aller Welt zuzuordnen sind.

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