Das Foyer des Hygiene-Museums war bis auf den letzten Platz gefüllt, als der Dichter das Podium erklomm, um aus seinem neuen Roman zu lesen. Glücklich war er, wieder daheim zu sein. Aber auch ein wenig bang, denn Uwe Tellkamp kennt seine Dresdner. Jeder beschriebene Gartenzaun, jede fiktionale Begegnung würde auf Authentizität überprüft werden. Gefragt, ob er dennoch tatsächlich wieder nach Dresden zurückkehren wolle, antwortete der Autor anschließend ohne zu zögern: „Ja, natürlich!“
So sind sie halt. Wenn sie überhaupt aus Dresden weg gehen, wird die Sehnsucht eines Tages so groß, dass es kein Halten mehr gibt. Viele kamen nach 1990 wieder zurück – und waren enttäuscht von der Kleinkariertheit, Rechthaberei und mangelnden Weltläufigkeit der Daheimgebliebenen. „Einzig die Liebe zu Dresden darf auf Dresden schimpfen“, hat der Schriftsteller Thomas Rosenlöcher aus dem östlichen Stadtteil Kleinzschachwitz treffend formuliert. Wage es nur kein Zugezogener, die vergötterte Schöne zu kritisieren, er wird gnadenlos als Fremdling entlarvt, der einfach zu wenig weiß über die Stadt.
Dieses ungebremste Selbstbewusstsein hat allerdings über Jahrhunderte hinweg die Dresdner zu einem beachtlichen Engagement für ihre Stadt beflügelt. Ob im Bunde mit der Obrigkeit oder in Auflehnung gegen sie oder auf sächsisch-verschlagene Art mit und gleichzeitig gegen die Herrschenden. So kamen die Dresdner zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu ihrer phänomenalen Frauenkirche, trotz aller Geldsorgen, die es auch damals schon gab. So zogen sie im Oktober 1989 in Scharen zum Hauptbahnhof, als die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen aus Prag in die Freiheit fuhren, und forderten Mitsprache und bessere Lebensbedingungen.
Auch heute sind die Bürger der Stadt meist gespalten, wenn es um Wiederaufbauvor – haben wie am Neumarkt geht oder um die Waldschlösschenbrücke. Eine Minderheit wählt die NPD in den Stadtrat und in den Landtag; die Mehrheit regt sich darüber auf, geht auf die Straße, zeigt zivilen Ungehorsam und unterbindet die Demonstration der Rechtsradikalen durch Sitzblockaden.
Sie sorgen sich auch um das Wohlergehen der Bewohner. Der Bankier Georg Arnhold beispielsweise war ein engagierter Förderer von Kultur und Wissenschaft, stiftete der Stadt eine Badeanstalt. Karl- August Lingner, dem Erfinder des Mundwassers, verdankt Dresden unter anderem das Hygiene-Museum. Private Mäzene und Firmen engagieren sich auch heute für die Kunstsammlungen, die Orchester, Chöre und zahlreiche soziale Projekte; mehr als 5000 Vereine wirken in der Stadt.
„Dresdner stiften Zukunft“ lautet das Motto der Bürgerstiftung. Seit 1999 berät sie potentielle Spender, initiiert und fördert Projekte, die Alt und Jung zusammenbringen, Schüler für das Lesen und Jugendliche für das ehrenamtliche Engagement begeistern sollen. Mit dem Erich-Kästner-Museum, dem Palais im Großen Garten und dem Schillerhäuschen hat sie zudem bleibende Akzente im kulturellen Leben der Stadt gesetzt.
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