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London aus der Sicht eines Londoners
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Vom Charme der Stadt 

von Kathleen Becker

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Quelle: ©DuMont Bildatlas / Martin Sasse

Zwei Dinge schätzt Greg Stekelman an seiner Heimatstadt ganz besonders: Londons Internationalität und den dörflichen Charakter der Millionenmetropole. Beides zusammen ergibt für ihn einen unvergleichlichen Charme. In diesem Interview verrät er, wo man der Seele Londons am nächsten kommt.

Greg Stekelmans Kolumne im Stadtmagazin “Time Out” – “Overheard on the Tube” mit wunderbar surreal aus dem Kontext gerissenen Gesprächs- und Dialogfetzen der Londoner U-Bahn-Passagiere – sowie sein halb-autobiografisches Buch “A Year in the Life of the Man Who Fell Asleep” über einen Londoner Tagträumer und seine Welt verschufen ihm einen gewissen Kultstatus. Der gebürtige Nordlondoner verfolgt sehr wachen Auges die kleinen Geschehnisse und wundersamen Dinge, an denen London so reich ist – und lädt uns dazu ein, sich auch mal auf die Vorstädte einzulassen.

Kathleen Becker: Wo findet man das “echte London”?

Für mich ist alles in London echt; es hängt ein bisschen davon ab, wer man ist: Für Paris Hilton sind es die Clubs in West End, für einen nigerianischen Einwanderer, der hier Minicab fährt, ist es vielleicht Wood Green, und für mich ist es die Nordlondoner Suburbia. Um das authentische London zu finden, kaufen Sie sich eine TravelCard, nehmen Sie die U-Bahn und die Busse – und beschränken Sie sich nicht aufs Zentrum; entdecken Sie die kleinen interessanten Kirchen, Galerien und Restaurants der Vorstädte. Große Teile Londons sind trist und grau, große Teile fühlen sich gar nicht wie eine Stadt an, aber plötzlich biegst du um die Ecke und findest etwas komplett Unerwartetes. Vielleicht taucht zum Beispiel auf einmal vor dir ein Blick auf die ganze Stadt auf, und du denkst: Wow. London!

Was mögen Sie an der Stadt besonders?

Die Internationalität ist natürlich attraktiv. Geh zur Edgware Road zum Beispiel, und jedes Restaurant ist libanesisch oder syrisch oder marokkanisch, und jedes Café hat eine Hookah-Pfeife draußen stehen. Geh nach Golders Green, und alle fahren einen Volvo und tragen einen schwarzen Hut; alles ist sehr jüdisch. Geh nach Kilburn, und alle sind Iren, geh nach Brixton, und du findest die karibische Community. In Teilen von Wood Green ist alles nigerianisch, in Green Lanes sind alle Türken oder Zyprioten. Ich kann in einen Bus springen, und in 25 Minuten bin ich mitten in Istanbul; in den Restaurants sind alle Speisekarten auf Türkisch.

Es ist schon unglaublich: Du kannst eine Weltreise machen für den Preis einer Travel-Card. Und das Gefüge ändert sich mit jeder Generation. Zum Beispiel Harlesden: Vor vierzig Jahren war es komplett irisch, vor zwanzig Jahren komplett schwarz, und heute ist es sehr osteuropäisch, mit Kosovaren, Albaniern, Georgiern und so weiter. Du kannst verfolgen, wie die Einwandererschübe den Charakter einer Gegend sehr schnell verändern können. Das kann auch entfremdend wirken. Für Leute, die hier zwei Jahre verbringen, ist das fantastisch, dieser Lifestyle – heute ins polnische Restaurant, morgen ins äthiopische. Aber Londoner, die seit vierzig Jahren hier leben und plötzlich feststellen müssen, dass ihr Stammladen nun ein polnisches Geschäft ist und niemand mehr Englisch spricht … Das führt zu einer Menge Ressentiments und Spannungen. Da ein Gleichgewicht hinzubekommen, ist wirklich schwierig.

Zum Abschluss noch eine letzte Frage: Wo – und wie – kommt man der Londoner Seele am nächsten?

Einfach in die U-Bahn setzen und mal zuhören, was die Leute so sagen. Da geht es oft um die entscheidenden Dinge des Lebens. Also zum Beispiel um die Frage: “Wen willst du lieber retten, die Wale oder die Banken?” Oder um den ganz banalen Alltag. Etwa: “In dem Restaurant können wir nicht essen, da gibt es keinen Handyempfang.”

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