Über ein Jahrzehnt war der Immobilien- und Bausektor der Motor der spanischen Wirtschaft. Infolge der weltweiten Finanzkrise liegt die Bauwirtschaft Andalusiens am Boden.
Typisch für die Skyline einer spanischen Stadt sind die Kirchtürme, in früheren Jahrhunderten mitunter Minarette einer Moschee. Typisch sind auch die Baukräne, die die Städte wie ein Palmenhain umgeben. Doch in den letzten Jahren ist das filigrane Gitterwerk der Baukräne seltener geworden. Andalusien steckt in der Krise. Von Mitte der 1990er-Jahre bis Ende 2007 stiegen die Indikatoren des Wirtschaftsgeschehens stetig nach oben. Spanien boomte. Mit einem Wirtschaftswachstum von über drei Prozent wurde das Land im Süden Europas zum Eldorado für Anleger und Arbeitssuchende. Letztere kamen nicht nur aus Nordafrika und Lateinamerika. Auch viele Deutsche suchten ihr Glück im sonnigen Süden.
Das spanische Wirtschaftswunder hatte nur einen Haken. Motor und Stütze für Wachstum und Wohlstand waren ein überhitzter Bau- und Immobiliensektor. Jeder wusste, dass die Blase irgendwann platzen würde, dass die Preise, die für Wohnungen, Reihenhäuser oder Bürokomplexe zu zahlen waren, jeweils weit über deren tatsächlichem Wert lagen. Doch solange das System funktionierte, wurde investiert und gebaut. Und das im großen Stil – und, wie man nun weiß, am Bedarf vorbei. Wer sich heute von Süden oder Norden der Hauptstadt Madrid nähert, trifft auf die Hinterlassenschaften des Höhenflugs. Da rollt man durch vorstadtgroße Wohngebiete mit vier- bis achtspurigen Hauptstraßen, gepflasterten Gehwegen, Parkbänken und Laternen. Nur die Häuser fehlen beziehungsweise stehen dort als backsteinfarbene Solitäre in der weiten Brache der Baulücken. Allein in der Hauptstadt wurden zwischen 2001 und 2008 407 000 Wohnungen gebaut. Mindestens noch einmal so viele waren im Großraum im Bau oder in Planung, als der Markt in sich zusammenbrach. Seitdem stehen die Kräne still. Oder wurden abgebaut.
Andalusien trifft es besonders hart. 2008 ging die Bautätigkeit um geschätzte 60 Prozent zurück. Die Quadratmeterpreise für einen Neubau fallen an der Costa del Sol um 6,3 Prozent in Málaga bis zu 18 Prozent in Mijas und Estepona.
Knapp einhundert Baufirmen meldeten im selben Jahr Konkurs an. Die Arbeitslosigkeit im Bausektor stieg laut „El Pais“ um 156 Prozent. „Die Situation ist absolut niederschmetternd“, erklärt Emilio Cordobacho, der Generalsekretär der Vereinigung andalusischer Bauunternehmer (Fadeco) der Tageszeitung. Er weiß auch, warum: „Es gibt keine Finanzierung mehr, weder für Investoren noch für Käufer.“ Die zögerliche Kreditvergabe hat nicht nur mit den hausgemachten Problemen der spanischen Ökonomie zu tun. Durch die weltweite Krise, die 2008 durch den Zusammenbruch auf dem US-amerikanischen Kreditmarkt ausgelöst wurde, verschärft sich die Situation. Nicht nur die internationalen Anleger ziehen sich zurück, auch die Touristen müssen sparen.
Die Korrektur war notwendig, sagen die Experten heute und betonen, wie wichtig es künftig sein wird, das Bauvolumen am tatsächlichen Bedarf auszurichten. Tatsächlich gibt es trotz leer stehender Neubauten einen großen Bedarf an bezahlbaren Wohnungen. Ob man aus der Krise lernen wird, bleibt abzuwarten. So dramatisch die wirtschaftliche Situation für viele Andalusier ist, es gibt auch einen positiven Effekt. Die verbliebenen Naturräume an der Küstenmetropole namens Costa del Sol bleiben von Baggern und Beton vorerst verschont. Aber auch ökonomisch ist zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer in Sicht. Nachdem das Bruttoinlandsprodukt von plus 4 Prozent Anfang 2007 auf den Negativrekord von minus 4,2 Prozent im Herbst 2009 gefallen ist, scheint zum Jahreswechsel 2010 immerhin der Negativtrend gestoppt.
Wirtschaftszahlen Andalusien Im Baugewerbe wurden in den vergangenen Jahren 13 % des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet. In der Industrie, vor allem in der Nahrungsmittelindustrie, waren es 12 %, im Dienstleistungssektor, zu dem auch der Tourismus zählt, 62 %. Die Arbeitslosenquote lag 2009 bei 24,1 % und damit 7 % über dem Landesdurchschnitt.
Anzeige