Am Abend, wenn die Schule zu Ende und die ärgste Hitze gewichen ist, versammeln sich rund fünfzig Schulkinder im Haus von Sophans Familie, um den begehrten Englischunterricht zu erhalten. In diesem kleinen Dorf in der Umgebung von Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh ist gute Ausbildung Mangelware und doch heiß begehrt – ist sie doch der Schlüssel zu einer besseren Zukunft und dem damit verbundenen Wohlstand.
Und Wohlstand ist in diesem südostasiatischem Land mit seiner blutigen Geschichte (Millionen Menschen starben während des Terror-Regimes der Roten Khmer) dünn gesät, bzw. in wenigen Händen konzentriert. Da klammert man sich an jeden Strohhalm, denn Sophan bezahlt den Englischlehrer aus eigener Tasche und die Kinder kommen freiwillig, jeden Abend. Auf einfachen Holzbänken und -tischen drücken sie sich dicht aneinander und lauschen ihrem Lehrer. In Asien sind Lehrer noch angesehen und genießen den angemessenen Respekt.
Sophan selbst arbeitet für eine internationale Volunteering-Organisation, die auch ein kleines Büro in Kambodscha unterhält. Dank seines Studiums und seiner ausgezeichneten Englischkenntnisse betreut er die ausländischen Freiwilligen vor Ort und führt sie nebenbei auch in die Kultur der Khmer (so nennen sich die Kambodschaner) ein. Auf Tuchfühlung mit den Einheimischen ein Land erleben, das geht nirgends so gut wie als Volunteer, also als jemand, der im Dienste einer guten Sache freiwillige Sozialarbeit leistet.
Volunteering boomt, denn es entspricht dem Zeitgeist. Wer will nicht Gutes tun, anderen helfen und gleichzeitig fremde Länder und Kulturen erleben? Der Aufenthalt reicht dabei von zwei Wochen bis mehrere Monate, je nach gewünschtem Projekt und Dauer. Leider auch je nach Geldbörse, denn billig ist dieses »Ethic Travelling« nicht. Die Kosten für den Aufenthalt betragen je nach Land bis zu mehreren tausend Euro (ohne Anreise) und das ist viel Geld für junge Leute. Und jung ist auch die überwiegende Mehrheit jener, die dieser Form von Urlaub frönen.
Auch Sophorn ist in seiner Freizeit ehrenamtlich tätig. Er begründete das Projekt Arunreah, das neben der Bewahrung traditioneller Khmer-Kultur auch einfache Dorfschulen mit Unterrichtsmaterialien und Know-how unterstützt. Die Englischlehrer des Dorfs, die selber dieser Sprache nur ungenügend mächtig sind, unterrichtet er am Wochenende selbst. Manchmal finden sich auch westliche Volunteers, die ihm dabei helfen, und diese Hilfe ist immer willkommen (manchmal erfolgt sie auch in Form von Geldspenden). Allerdings heißt es flexibel zu bleiben, denn gelegentlich entscheiden höhere Mächte, ob der Unterricht planmäßig stattfindet. Da die Dorflehrer mit dem Motorrad anreisen, hat schon so mancher unvermuteter Monsunregen den Unterricht buchstäblich ins Wasser fallen lassen. Auch Krankheitsfälle in der Familie oder andere wichtige Ereignisse können ein Hindernisgrund sein.
Über beide Projekte stolperte ich im Rahmen eigener Freiwilligentätigkeit, doch findet man solch kleine, lokal begrenzte Projekte in der Regel nur, während man selber im Land verweilt. Bequemer, wenn auch teurer, ist das »Placement« (Entsendung) durch internationale Organisationen, die Kontakte zu lokalen Gruppen unterhalten und den Aufenthalt der Freiwilligen vor Ort organisieren. Man reist an, wird empfangen und zum Quartier gebracht – wahlweise in einer Gruppe oder als Home-Stay – und der Kontakt zum »Arbeitsplatz« hergestellt. Oft wird auch ein kulturelles Rahmenprogramm geboten. Da die Preise hierfür stark divergieren, lohnt es sich, in Ruhe die vorhandenen Angebote zu vergleichen. Eine der preisgünstigsten Organisationen ist der weltweit tätige SCI (Service Civil International), dessen Mitarbeiter großteils ehrenamtlich tätig sind, und der die Preise dadurch ausgesprochen niedrig hält. Die nationalen Zweige finanzieren sich in erster Linie aus den (ebenfalls moderaten) Mitgliedsbeiträgen.
Leider ist nicht alles Gold, was glänzt. Je größer eine Placement-Organisation, desto mehr Geld fließt in den Verwaltungsapparat (denn deren Strukturen verschlingen eine Menge Geld), während die eigentlichen »Nutznießer« vor Ort nur einen verschwindend kleinen Anteil erhalten. Dessen muss man sich bewusst sein. Auch wenn sie sich gerne als NGOs bezeichnen, so handelt es sich oft um Unternehmen, die Gewinn machen müssen, um wirtschaftlich zu überleben. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, wenn das allen klar ist und eine entsprechende Gegenleistung erbracht wird. Nicht immer allerdings stimmt die Professionalität vor Ort und dann kann es vorkommen, dass sich das tolle Projekt als Notlösung entpuppt, weil niemand im Vorfeld geprüft hat, ob auch wirklich der Bedarf für die entsendete Zahl an Freiwilligen ist. Manchmal platzt ein solches Projekt auch völlig und überraschend. Es empfiehlt sich also, die üblichen, strengen westlichen Maßstäbe daheim zu lassen und entspannt an diese Aufgabe heranzugehen. In den meisten Fällen wird dann auch ein netter und lehrreicher Aufenthalt daraus.
Der Bogen der verfügbaren Tätigkeiten spannt sich dabei von Englischunterricht in ländlichen Gegenden über Arbeit mit Kindern in Waisenhäusern und sozial benachteiligten Gruppen bis hin zur Mitarbeit bei Ökoprojekten und in Wildtierparks. Kurz gefasst, es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Unterm Strich bleibt meist ein interessanter und wertvoller Aufenthalt im jeweiligen Land, der enge Kontakte und das weitere Leben prägende Begegnungen vermittelt und alle Beteiligten mit guten Erinnerungen an eine tolle Zeit nach Hause zurückkehren lässt. Auf jeden Fall ist es ein idealer Einstieg ins »Alleine Reisen« und Individualreisen, da ein möglicher »Kulturschock« und anfängliche Unsicherheiten von der vorhandenen Betreuungsstruktur auf sanfte Weise abgefedert werden. Volunteering ist damit für wirklich alle Altersgruppen geeignet und oftmals blühen ältere Semester in einer Gruppe von Jüngeren zu einem zweiten Frühling auf. Mitmachen lohnt sich also!
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