Vietnam ist eines der aufstrebenden Länder Südostasiens und doch (noch) relativ wenig bekannt. Touristenmagneten wie Thailand und starke Wirtschaftsnationen wie Japan, China und Südkorea werfen breite Schatten auf das Land entlang des Südchinesischen Meeres, das auf eine lange, reichhaltige kulturelle Geschichte zurückblicken kann. Heute scheinen die Albträume vergangener Kriege überwunden, und das Land schreitet zügig voran, nicht zuletzt auch Dank des Wirtschaftsmotors im Süden, Ho Chi Minh City. Doch noch steht ein gutes Stück Weg bevor, bis der Lebensstandard anderer asiatischer Länder erreicht ist.
Die Hauptstadt Hanoi (und zu einem geringeren Teil Ho Chi Minh City, das ehemalige Saigon) ist ein Beispiel dafür, was entsteht, wenn asiatische Lebensweise und europäische Architektur aufeinandertreffen und sich zu dem typischen Kulturmix vermischen, der auch Teile der Hauptstadt Kambodschas (Phnom Penh) und der malaysischen Halbinsel prägt. Das Leben gehorcht jedoch asiatischen Gesetzen, und asiatische Denk- und Verhaltensweisen sind mit europäischer Logik nur schwer vereinbar. Eine gewisse Lockerheit auf Reisen ist daher immer empfehlenswert. Reisen Sie mit leichtem Gepäck – frei von Erwartungen und Vorurteilen – und es wird sich wie von selbst mit vielen neuen und interessanten Eindrücken füllen. Nur ein leeres Gefäß kann viel neuen Inhalt aufnehmen.
Das Reisen in Vietnam gestaltet sich mittlerweile sehr unkompliziert, auch wenn man auf eigene Faust unterwegs ist. Zumindest entlang der gängigen Tourismus-Routen. Hier stehen einem Open Tour Busse, Eisenbahn und Flugzeuge zur Verfügung. Unterschätzen Sie aber nicht die Distanzen in diesem langgestreckten Land, das ca. 1.600 km entlang der Nord/Süd-Achse misst und gut ausgebaute Schnellstraßen über weite Strecken schmerzlich vermissen lässt. Abseits der ausgetreten Pfade stößt man schnell auf sprachliche Grenzen, denn Englisch wird außerhalb der Fremdenverkehrszentren kaum gesprochen. Doch ein Zweirad-Verleih ist schnell gefunden, und auf eigenen Rädern steht einem das Hinterland offen. Und an den chaotischen Verkehr gewöhnt man sich – früher oder später.
Zu sehen gibt es jedenfalls genug: In Hanoi liegen die meisten Plätze von touristischem Interesse in der näheren Umgebung des Hoan Kiem Sees, der zusammen mit den “Old Quarters” den historischen Stadtmittelpunkt darstellt. Der Legende nach erschien Kaiser Le Loi in diesem See eine goldene Schildkröte, die dem Herrscher sein magisches Schwert entriss, das ihn im Kampf gegen seine Feinde von Sieg zu Sieg getragen hatte. Der Schildkröten-Turm auf einer kleinen Insel im See erinnert an diese Legende. Im dem See gegenüber liegenden Wasserpuppen-Theater Thang Long wird diese Szene farbenfroh und musikalisch untermalt nacherzählt. Über eine rote Holzbrücke gelangt man zum Ngoc Son Tempel, in dem ein ausgestopftes Exemplar dieser Riesenwasserschildkröten (von denen es tatsächlich noch einige Tiere in Vietnam – darunter eines im See selbst – geben soll) in einer Glasvitrine ausgestellt ist.
Als “Old Quarters” wird die historische Altstadt bezeichnet, die durch enge Gassen und geschäftiges Treiben gekennzeichnet ist. Hier findet man zahlreiche Läden, viele Straßenverkäufer und dicht gepackte Wohnviertel. Es ist auch das Touristenviertel der Stadt, mit der höchsten Dichte an Hotels, Gästehäusern und Souvenirläden. Wer die Augen aufmacht, wird in den Straßenzügen westlich des Sees nicht nur nette kleine Lokale entdecken, sondern auch Läden, in denen Poster von alten Propaganda-Plakaten verkauft werden. Auch die katholische Kathedrale St. Joseph befindet sich dort. Viele Straßen in den Old Quarters tragen Namen, die auf ein bestimmtes Handwerk hinweisen, z.B. die “Seidenstraße”, die “Schuhstraße” oder die “Fischstraße”.
Hanoi ist nicht unbedingt eine Museumsstadt, doch findet man einige interessante Häuser. Das bekannteste Museum, und für viele das beste, ist das Ethnologische Museum, welches den ethnischen Minderheiten Vietnams gewidmet ist. Doch auch das Frauenmuseum, das Museum für moderne Kunst oder das Ho Chi Minh (HCM) Museum sind durchaus einen Besuch Wert. Wer den langen Anfahrtsweg nicht scheut und sich für die Geschichte des HCM Pfads interessiert, der sollte einen Abstecher zum gleichnamigen Museum machen, das dreizehn Kilometer in südlicher Richtung vom Stadtzentrum entfernt am äußersten Rand Hanois gelegen ist. Einer der Fixpunkte im Besichtigungsprogramm ist auch der “Tempel der Literatur” (Van Mieu), die historische erste Universität Vietnams, die bis ins elfte Jahrhundert zurückdatiert. Den politischen Mittelpunkt der Stadt stellt allerdings das HCM Mausoleum dar. Im Inneren des (öffentlich zugänglichen) würfelförmigen Monuments ruht der einbalsamierte Leichnam Ho Chi Minhs in einer Glasvitrine. Auf dem Areal befinden sich auch die bekannte One Pillar Pagode (eine winzige Pagode, die auf einer einzigen dicken Säule ruht), der Präsidentenpalast, sowie das HCM Museum.
HCM City hat in Sachen Sehenswürdigkeiten weniger zu bieten als die Hauptstadt, doch sind der “Palast der Wiedervereinigung”, das Rathaus, die Oper, die Kathedrale Notre Dame, das Hauptpostamt, der Markt Ben Thanh, das Kriegsmuseum, das Chinesenviertel Cholon und die Giac Lam Pagode einen Besuch wert. Nett ist auch ein Spaziergang durch das modern-urbane Viertel Dong Khoi. Mittels Schnellboot erreicht man überdies in 75 Minuten die unter den Einwohnern beliebte Küstenstadt Vung Tau. Außerhalb der Stadt liegen zudem die Tunnel von Cu Chi und der Cao Dai Tempel, Sitz einer religiösen Sekte, die verschiedene Elemente anderer Religionen vermischt.
Zwischen den beiden größten Städten des Landes liegen weitere Stationen, die von Touristen gerne besucht werden und zu den Highlights des Landes zählen. Dazu gehören das auf 1500 m Seehöhe gelegene Städtchen Dalat, das mit seinem für Vietnam so untypischen Klima und dem beinahe europäisch anmutenden Ambiente für Abwechslung sorgt. Neben den Küstenorten Mui Ne und Nha Trang, bezaubert die idyllische Altstadt von Hoi An den Besucher mit ihrem Charme. Die Cham Ruinen von My Son in der Nähe bieten einen historischen Abstecher in vergangene Epochen. Die ehemalige Kaiserstadt Hue lockt mit der Zitadelle (dem ehemaligen Kaiserpalast), der wunderschön gelegenen und elegant-schlichten Thien Mu Pagode, sowie den imposanten Grabanlagen bedeutender Herrscher. Und wer auch abseits der ausgetretenen Pfade sucht, wird viele weitere versteckte Schätze finden.
Eineinhalb Jahre lang lebte der Österreicher Albert Karsai in Hanoi: fünf Monate bei einer vietnamesischen Gastfamilie, danach mit seiner vietnamesischen Lebensgefährtin und deren Tochter im eigenen Haus. Diese Zeitspanne, die von sehr intensiven, kuriosen, manchmal aber auch frustrierenden Erlebnissen geprägt war, arbeitete er in schriftlicher Form auf. 2010 erschienen “Plötzlich in Vietnam”, ein amüsanter und packender Bericht, der auch viel Interessantes über Land und Leute offenbart, sowie “Vietnam: Aus dem Alltag betrachtet”, ein Bildband, der das Leben in Vietnam abseits der Sehenswürdigkeiten unter die Lupe nimmt. Daneben präsentiert er auf seiner Internetseite “Comedian Traveller” neben seinen Büchern zahlreiche Fotos, Videos, Reisegeschichten und sogar interaktive Landkarten von Vietnam und anderen asiatischen Ländern. Lassen Sie sich inspirieren!
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