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Multikulti
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"United Colours of London"? 

von Kathleen Becker

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Quelle: ©DuMont Bildatlas / Martin Sasse

Europa, anno 2010. In Paris versucht sich ein Staatspräsident auf Kosten von Roma zu profilieren, in Berlin läuft ein (Ex-)Bundesbanker verbal Amok gegen Juden und Migranten. Und in London? Hier wurde ein Drittel aller Einwohner außerhalb Großbritanniens geboren, gehören mehr als 40 Prozent einer ethnischen Minderheit an …

Eine der großen Stärken dieser Stadt ist ihre kosmopolitische Identität. London beherbergt Menschen aus 90 Ländern, spricht 300 Sprachen und serviert Gastronomie aus aller Herren Länder. An der Green Lanes in Nordlondon zum Beispiel leben türkischgriechisch- zypriotische Communities nebeneinander, die sich auf Zypern spinnefeind sind, zwischen bunten Gemüseläden, Kuchenbäckereien mit turmhohen Hochzeitstorten und Friseursalons, wo englischsprachige Kundinnen die Anweisungen eventuell in Zeichensprache geben müssen. Asia-Supermärkte verkaufen malaysisches Streetfood und günstiges Sashimi, im Punjabi-geprägten Vorort Southall stehen Naanbrot-Kebabs und Maismehl-Fladen mit Senfblatt-Curry auf der Speisekarte, in Chinatown neben den regulären Menüs auch die einen oder anderen Hühnerfüße.

Ein Londoner Investmentbanker kann einen typischen Tag mit italienischem Milchkaffee zum französischen Croissant beginnen. Aus dem Bürofenster des Wolkenkratzers seiner amerikanischen Bank in Canary Wharf blickt er auf einen historischen Zuckerspeicher des Docklands-Museums, das Londons Rolle im transatlantischen Sklavenhandel dokumentiert. Sein Anzug wurde vielleicht von dem Ghana stämmigen Starschneider Ozwald Boateng entworfen. Später kauft er sein Sandwich bei einer ukrainischen Verkäuferin, lädt seine U-Bahnkarte im indischen corner shop an der Ecke auf und singt vielleicht abends, vom australischen Chardonnay beschwingt, in ein japanisches Karaoke-Mikrofon. Den Abend beendet er dann womöglich in einem bengalischen Curryrestaurant beim neuen britischen Nationalgericht, der “Tikka-Masala”-Curry-Kreation, ehe er sich von einem nigerianischen Taxifahrer nach Hause fahren lässt.

Das ist die Sonnenseite des multikulturellen London. Auf der Schattenseite, im flexiblen Niedriglohnsektor, schickt der Minicabfahrer, der den Investmentbanker eben nach Hause gebracht hat, in der Western-Union-Agentur dringend benötigte Pfunde in die Heimat und telefoniert aus einer gammeligen Telefonkabine mit seiner Familie, die er seit Monaten nicht gesehen hat. Dann fährt er nach Hause in eine jener deprimierend entworfenen Sozialsiedlungen, in denen die Jungs Drogen-Gangmaster oder Profi-Fußballer werden wollen und die Mädchen Model oder Castingshow-Gewinnerin. Noch dunkler ist das Kapitel jener ins Land geschmuggelten jungen Frauen, die in miefigen Apartments, nachdem ihre Pässe konfisziert wurden, ihre „Schulden“ abarbeiten sollen, also zur Prostitution gezwungen werden.

“Londonistan”, oder: Überlebt das multikulturelle Projekt?

Ohne osteuropäische Au-Pairs würde die Londoner Kinderbetreuung, ohne philippinisches Pflegepersonal die Krankenbetreuung zusammenbrechen. Doch seit einigen Jahren ist die Stimmung gereizt. Die Bombenattacken vom Sommer 2005, die über 50 Menschenleben forderten und von jungen, in London lebenden sowie – wie man dachte – assimilierten Muslimen verübt wurden, waren ein Anschlag nicht nur auf das Londoner Transportsystem, sondern auch auf das multikulturelle Projekt. Spätestens seitdem beschwört mancher einflussreiche Kolumnist ein multikulturelles “Londonistan” herauf. Dass die British National Party jetzt einen Abgeordneten im Londoner Rathaus hat, sollte eine funktionierende Demokratie verkraften können – eine akutere Gefahr geht auf der Straße von der 2009 gegründeten antiislamistischen “English Defence League” aus.

Im selben Jahr unterstützten aber auch Kirchen und Gewerkschaften eine Amnestie für rund 450000 seit Langem hier illegal lebende Einwanderer, und der sonst eher weniger multikulturell bewegte konservative Bürgermeister Boris Johnson erkannte darin sogar Steuervorteile für die Stadt. Während eine hechelnde Boulevardpresse ständig nach Geschichten über die angebliche Bevorzugung von Migrantenfamilien sucht, hangelt sich das multikulturelle London an Realitäten, Kontroversen und Idealen entlang. Im Gesamtbild ergibt das weniger die Ästhetik eines Benetton-Werbeplakats als einen knallbunten Flickenteppich: gewebt aus der traditionellen Londoner Toleranz, gestärkt vom unvermeidlichen Großstadt-Durchwurschtelfaktor – und in den Farben von London.

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