Das norddalmatinische Hinterland mit seinen mächtigen Felsen war einst Kulisse für Verfilmungen der Karl-May-Romane um Winnetou. Heute gemahnt Minengefahr an ein ganz anderes Kapitel des Landes.
Die hügelige Karstlandschaft zieht auf der Fahrt ins norddalmatinische Hinterland vorbei. Es ist ein weitläufiges Plateau mit staubiger brauner Erde, aus der im Hochsommer verdörrte Sträucher sprießen. Eine Idylle, fast wie aus einem Wildwestfilm.
Das müssen sich auch die Produzenten gedacht haben, als sie sich auf die Suche nach dem idealen Drehort für die geplanten Winnetou-Verfilmungen aufmachten. Sie wurden in den 1960er-Jahren in Anlehnung an die Romanvorlage von Karl May gedreht. Denn statt auf die amerikanische Prärie, wo man den Wilden Westen eigentlich vermuten würde, fiel die Wahl des Drehortes auf das sozialistische Jugoslawien. Schnell wurden sich die deutsche Rialto-Filmgesellschaft und die Jadran-Filmstudios aus Zagreb einig, den legendären Apachenhäuptling Winnetou (Pierre Brice) und seinen Blutsbruder Old Shatterhand (Lex Barker) durch das adriatische Hinterland reiten zu lassen. Inneneinstellungen wurden in Paris, Hamburg und anderswo abgedreht.
Prompt organisierte man für den „Schatz im Silbersee“ mehr als 3000 Statisten und fast ebenso viele Pferde. Dabei wurde ein wenig improvisiert und aus den Bewohnern rund um die Plitwitzer Seen wurden kurzerhand Apachen.
Das Naturphänomen der Plitwitzer Seen, die später von der UNESCO in die Liste des Welterbes aufgenommen wurden, bot alles, was man für einen „echten“ Indianerfilm benötigte. So wurde eine kleine Höhle in der Felswand, in der Schatzjäger Unterschlupf gefunden hatten, über Nacht als „Schatzhöhle“ berühmt. Und der Kaluđerovac-See wurde kurzerhand zum legendären „Silbersee“ umfunktioniert. Doch die Plitwitzer Seen waren nicht der einzige Drehort: Die Butlerfarm wurde nach Grobničko polje bei Rijeka ausgelagert, das Tramp-Lager El Doro wurde ebenso wie die Westernstadt Tulsa kurzerhand in die Nähe des Motels Alan nahe der Paklenica-Schlucht bei Starigrad verlegt. Der Canyon Velika Paklenica war geradezu geschaffen als Wildwestkulisse. Prompt wurde er zum „Geistercanyon“ umfunktioniert. Und die Zrmanja-Schlucht bei Obrenovac diente als eindrucksvolles Panorama für den Ritt zum Silbersee. Im Folgejahr, 1963, war der Canyon dann in der Verfilmung „Winnetou I“ als Rio Pecos und Apachen-Pueblo zu sehen. Und überhaupt tauchten die gleichen Drehorte immer wieder in den einzelnen Verfilmungen auf, meist unter anderem Namen. Ab 1962 entstanden insgesamt 13 Winnetou-Filme, die zumindest in Auszügen auch in Jugoslawien gedreht wurden. Kroatien war dabei nicht einziger Standort, auch in Montenegro ritten Winnetou und seine Stammesbrüder, und die Inneneinstellungen der „Schatzhöhle“ aus den Plitwitzer Seen wurden in den Filmstudios der slowenischen Küstenstadt Piran aufgenommen.
So wildromantisch die Gegend auf den Spuren des Apachenhäuptlings auf den ersten Blick wirken mag, so birgt sie doch ein schreckliches Erinnerungsmoment: An den „Blutigen Ostern“ im Frühjahr 1991 kamen nahe der Plitwitzer Seen bei einer Konfrontation zwischen kroatischen Sondereinsatzkräften und serbischen Aufständischen zwei Menschen ums Leben, jeweils eine Person auf jeder Seite. Daraufhin spitzten sich die ethnischen Spannungen zwischen Krajina-Serben und Kroaten in der Gegend so weit zu, dass diese in einen Krieg mündeten, mitten in Europa, der bis 1995 viel Blutvergießen forderte. Bis heute erinnern rot-weiße Minenwarnschilder mit Totenkopf-Symbol an die Folgen des Krieges, und fernab der Touristenzentren, vor allem im dalmatinischen Hinterland, zeugen Einschusslöcher und Spuren von Granaten immer noch von den unfassbaren Ereignissen, die sich hier zugetragen haben. Auch die Plitwitzer Seen waren während des Krieges bedroht und standen bis 1997 auf der Liste der gefährdeten Welterbe-Stätten der UNESCO. Die meisten Serben, die vor dem Krieg in der Krajina lebten, haben anderswo noch einmal neu angefangen. Rückkehr und Annäherung verlaufen weiterhin recht zögerlich, die Wunden sind noch nicht verheilt. Vielleicht könnte Winnetou Vorbild für eine Blutsbrüderschaft sein, die in dieser Gegend erst noch geschlossen werden muss.
Doch sind die Winnetou-Filme und ihre Drehorte über den Krieg nicht vergessen. Der erste Film in der Reihe, „Der Schatz im Silbersee“, brachte einen wahren Indianer- Kult ins Rollen, der entsprechend honoriert wurde. 1963 gab es den Bambi für den wirtschaftlich erfolgreichsten Film und im Folgejahr wurde dem Kassenschlager für drei Millionen Kinozuschauer die Goldene Leinwand verliehen. Auch wenn die Dreharbeiten fast ein halbes Jahrhundert zurückliegen, treffen sich jedes Frühjahr Fans der Verfilmungen an den Original-Drehorten. Das Motel Alan in Starigrad, in dem das Filmteam untergebracht war, erinnert mit Fotos und Requisiten an seine Gäste. Und in der Nähe von Rakovica, unweit der Plitwitzer Seen, sorgen fast zwei Dutzend Zelte und eine Feuerstelle im Winnetouland für Nostalgie.
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