Entgegen allen Unkenrufen von Tourismuskritikern hat Kreta durch den Massentourismus kaum Schaden genommen. Er hat vielmehr die Grundlage für andere, alternative Urlaubsformen geschaffen, ökologisches Denken angeschoben und teilweise sogar die Abwanderung aus den Bergdörfern an die Küste gestoppt.
Wenn die fast 100 Jahre alt gewordene Mutter von Leonídas Grammatákis bei Ierápetra in ihrem kleinen Hotel sitzt und von alten Zeiten erzählt, wird das koloniale Afrika wieder lebendig. Bis in die 1960er-Jahre hinein war sie zuerst mit ihren Eltern, dann mit ihrem Mann durch den Süden des schwarzen Kontinents gezogen. Als immer mehr Kolonien selbständig wurden, besann sich die Familie auf ihre Herkunft, reiste Anfang der 1970er-Jahre nach Kreta zurück und baute mit dem letzten Ersparten die kleine Bungalowanlage. Zum ersten Mal ging ein Projekt nicht in die Brüche – die Touristen haben es am Leben erhalten. Wie der alten Dame erging es vielen Kretern, die nach Afrika, Amerika oder Australien ausgewandert waren – und ähnlich auch Zehntausenden, die in den 1960er-Jahren von Deutschland und seinen Nachbarländern als „Gastarbeiter“ angeworben wurden. Für Sie war der aufkommende Massentourismus eine Chance, sich in heimischen Gefilden ein erträgliches Leben aufzubauen. „Tourismus hat uns Kretern unsere Heimat zurückgegeben“, konstatiert die alte Dame zu Recht.
Er hat sie freilich auch verändert. Hatte der Staat seine ersten, inzwischen wieder abgerissenen „Xenia-Hotels“ zur Ankurbelung des Fremdenverkehrs noch an die Altstadtränder von Iráklio und Chaniá gesetzt, errichteten nun große Investoren ihre Hotelanlagen landschaftsfressend an den Stränden. Gigantismus wie an spanischen und später an türkischen Küsten blieb allerdings aus. Hotelhochhäuser und monotone Aneinanderreihungen Hunderter baugleicher Bungalows widersprechen dem kretischen Lebensgefühl. Bauwut hingegen zeigte sich angesichts wenig vertrauenswürdig erscheinender Banken auch bei den kleinen Leuten. Wer Geld hatte, investierte es in Pensionen, Tavernen oder Souvenirgeschäfte. Der Anblick der Küstenregionen wurde nicht unbedingt idyllischer – aber im Gegensatz zu anderen Feriengebieten der Welt waren hier nicht wenige Großinvestoren, sondern die Masse Einheimischer für die Landschaftsverschandelung verantwortlich. Abwässer wurden hausgemacht entsorgt – meist in Sickergruben. Und Hausmüll wird meist auf Deponien unter freiem Himmel verbrannt.
Kreta mit seinem kulturellen Reichtum und seiner Ursprünglichkeit lockte von Anfang an nicht nur Badeurlauber an. Auch die verfallenden Altstädte von Chaniá und Réthimno wurden zu geschätzten Zielen. Endlich lohnte es sich, vom Abriss oder Einsturz bedrohte historische Häuser zu restaurieren, sie in ein fache Pensionen oder komfortable Nostalgie-Hotels zu verwandeln. In Chaniá wurden sogar dachlose Hausruinen durch Einziehen eines beweglichen Zeltdachs zu stimmungsvollen Open-Air-Tavernen – in denen auch Lyra-Spieler mit ihrer traditionellen Leidenschaft etwas verdienen können. Ohne Tourismus wären Kretas Altstädte heute wahrscheinlich Ruinenfelder.
Mancher Börsenspekulant mag für seinen Luxusurlaub in Eloúnda die Villa mit privatem Pool samt Helikoptertransfer buchen. Michael, Inhaber eines Bremer Copy-Shops, bereitet seine Kreta-Reisen mit Google-Satellitenbildern vor. Er plant für jeden Herbst eine Schluchtenwanderung, die bisher in keinem Reiseführer steht. Und wird immer wieder fündig. Unterkünfte in den Bergen und an den entlegensten Küsten findet er inzwischen bis in die entferntesten Dörfer. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen bescheren die dank Massentourismus vielfältigen Flugverbindungen auch Öko- und Alternativ-Touristen günstige Reisemöglichkeiten. Zum anderen spült gerade der Massentourismus den Kretern genug Geld in die Portemonnaies, um in der touristenfreien Jahreshälfte selbst Urlaub zu machen. Ein Winterwochenende in einem Bergdorf gehört für viele Inselbewohner aus Kretas Küstenorten mittlerweile zu den unverzichtbaren Statussymbolen. Das wiederum ermöglicht es manchem Dorfbewohner, samt seiner Familie ganzjährig in seinem Bergdorf zu bleiben. So trägt der sommerliche Massentourismus auch dazu bei, der Landflucht Einhalt zu gebieten.
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