Die Überführungen der riesigen Kreuzfahrtschiffe von der Meyer-Werft in Papenburg über die Ems sind ein Spektakel, das jedes Mal Tausende von „Sehleuten“ anzieht. Die Kapitäne leisten dabei Millimeterarbeit, wenn sie die Luxusliner über die aufgestaute Ems in Richtung Nordsee navigieren. Umweltschützer hingegen protestieren seit Jahren gegen die Passagen der Ozeanriesen.
Die Schiffssirene dröhnt ein letztes „Goodbye“ und findet ein Echo im riesigen Trockendock, in dem die Papenburger Meyer-Werft die größten Kreuzfahrtschiffe der Welt baut – Dimensionen, an die der Werftgründer 1795 mit Sicherheit nicht gedacht hat. Als das schwimmende Luxus-Hotel „Celebrity Equinox“ um kurz nach 1.00 Uhr nachts die Dockschleuse verlässt, brandet Applaus auf. Tausende haben einmal mehr den Weg an die Ems gefunden, um die Passage in Richtung Nordsee zu verfolgen. Peter und Monika Wohlau aus Essen sind „Wiederholungstäter“. „Eine einzigartige Stimmung und ein wunderschöner Anblick, wenn das Schiff nachts voll beleuchtet die Schleuse verlässt“, sagt Monika Wohlau. Ihr Mann ist von der Präzision be geistert, mit der die Kreuzliner durch den schmalen Fluss gesteuert werden. Zwei Schlepper unterstützen Kapitän Thomas Teigte und seine drei Kollegen, „Leihgaben“ der Lotsenbruderschaft Emden. Ihre Reise treten die Schiffe übrigens mit dem Heck voraus an. Erfahrungsgemäß lassen sich die Kolosse so besser navigieren. Und die Witterungsbedingungen müssen stimmen. Eine stärkere Böe reicht aus, das ganze Projekt zu gefährden. Längst hat die Passage „Event“-Charakter, wie es neudeutsch heißt. Es herrscht Volksfeststimmung. Das Warten vertreiben sich viele an einer der zahlreichen Imbiss-Buden – inzwischen ist es fast 4.00 Uhr nachts. Es kommt selten vor, dass man um diese Zeit noch eine Bratwurst bestellt –heute ist alles anders, heute geht das. Andere haben sich bereits die besten Plätze am Deich gesichert. Manche sind professionell ausgerüstet, mit regen fester Kleidung, Wanderschuhen und Kopflampe. Andere, Teenager aus der Region, hüpfen aufgeregt im Fummel über den Deich, sie kommen gerade aus der Disko. Sie alle eint die Faszination, wenn sich der Gigant seinen Weg durch die schmale Ems bahnt. Es regnet inzwischen Bindfäden, doch auch vom „Schietwetter“ lassen sie sich die Laune nicht verderben.
Rund 2800 Passagiere finden Platz auf dem Schiff, mehr als 1200 Mann Besatzung werden für das Wohl der Gäste sorgen. Denen soll es an nichts mangeln. Rund 90 Prozent der Kabinen besitzen einen Balkon, auf dem Oberdeck wächst echter Rasen, Restaurants, Kinos, Theater, ein Casino, Shopping-Malls, Poollandschaften und diverse Fitness- und Wellness-Angebote gehören zur Grundausstattung. Wer hinter diese glitzernde Kulisse schaut, blickt in einen Abgrund gnadenlosen Wettbewerbs. Schiffbau scheint in Deutschland generell und in Ostfriesland insbesondere ein Auslaufmodell zu sein – der Verkauf der Nummer zwei, der Nordseewerke in Emden, und deren Umstieg auf Wind – energiean lagen zeigt das überdeutlich. Wer hier sonst noch Schiffe baut, ist international gesehen nicht der Rede wert. Das lässt für Meyers offenkundige Sonderstellung Verständnis aufkommen – sie ist die letzte von einmal 20 Werften allein in Papenburg.
Theo Rhode aus Gütersloh ist zum ersten Mal dabei. Eine Kreuzfahrt wäre nichts für ihn. „Zu lang weilig“, sagt er, „aber das hier muss man gesehen haben.“ Das Schiff passiert in zwischen die Friesen brücke. „Time to say goodbye“ schallt aus den Lautsprechern des Schiffs. Handy- Kameras und Camcorder am Deich blitzen und blinken, während ganz oben am Schornstein der „Celebrity Equinox“ letzte Schweißarbeiten erledigt werden. Inzwischen beginnt es zu dämmern und taucht das Schauspiel in das sanfte Licht des frühen Morgens. Einige der Zuschauer, das kann man jetzt sehen, haben sogar Tränen in den Augen. Anderen treibt die Aktion die Zornesröte ins Gesicht. Seit Jahren protestieren Umweltschützer gegen die Überführungen. Die Folgen für das Ökosystem entlang dem Fluss seien gravierend und irreparabel. Jüngst setzten sich Umweltverbände und Meyer-Werft erstmals an einen Tisch und einigten sich in wichtigen Punkten. Lediglich der Wattenrat – ein Blog bezeichnete ihn als streitbaren Behüter ostfriesischer Natur und mit Vorsicht zu genießen – sprach von „Mauschelei“ und nannte die Vertreter von NABU, WWF und BUND „Naturschützer in Nadelstreifen“. Er befürwortet den Ausbau des Dortmund-Ems- Kanals bis an den Dollart und den „Rückbau“ der Ems. Eine Machbarkeitsstudie ist bereits in Auftrag – für ein anderes Riesengeschäft in der Region.
Rund 300 000 Besucher, die hier Einblick in modernen und in den herkömmlichen Schiffbau der vergangenen Jahre bekommen möchten, zählt die Meyer-Werft alljährlich. Im Besucher zentrum werden ihnen illustrierende Ausstellungsstücke, Modelle, Filme und sogar eine Musterkabine präsentiert. Besichtigungen sind nach vorheriger Anmeldung bei der Papenburg Tourismus Gesellschaft möglich (Postfach 1755, 26857 Papenburg, Tel. 0 49 61/8 39 60, Fax 0 49 61/83 96 96, www.papenburg-tourismus.de). Eine Schiffsüberführung lockt Besucher von nah und fern.