Der Flamenco ist Andalusien wie auf den Leib geschnitten. Die Tiefe der Emotionen, das Klagende und Leidenschaftliche dieser Kunst lässt niemanden kalt.
Ungeachtet aller Klischees über den Flamenco, gibt es immer wieder Künstler, die ihn neu interpretieren und so sein Geheimnis lebendig werden lassen. Die Tänzerin Eva Yerbabuena ist eine dieser Ausnahmeerscheinungen. Sie hat unter anderem mit Joaquín Cortés, Mikhail Baryshnikov und Pina Bausch zusammengearbeitet und bei den Kinofilmen „Flamenco Women“ und „Hotel“ von Mike Figgis mitgewirkt. Sie lebt und arbeitet in Dos Hermanas bei Sevilla, dort wurde auch das Gespräch geführt.
Sie nennen sich nach einer wilden Minze-Art. Wie kamen Sie zu dem Namen „Yerbabuena“?
Einige Jahre, nachdem ich mit meiner Laufbahn im Flamenco begonnen hatte,
sagte der Gitarrist Francisco Manuel Díaz zu mir: „Eva, du musst dir einen Künstlernamen zulegen“, und er verwies auf den ‚cantaor‘ [Sänger] Frasquito Hierbabuena, der den ‚fandango‘ begründet hat. – Seitdem nenne ich mich so.
Sie sind in Deutschland geboren.
Ja, in Frankfurt.
Ist es ein Makel für eine Flamenco-Tänzerin, nicht auf andalusischem Boden zur Welt gekommen zu sein?
Es mag Leute geben, die so denken, vor allem wenn man nicht weiß, dass ich nur fünfzehn Tage in Deutschland verbracht habe. Ich bin in Granada aufgewachsen, in einer Familie, die keine Verbindung zum Flamenco hatte.
Dennoch haben Sie sehr früh mit dem Flamencotanz begonnen. Wie kam es dazu?
Ich fühle mich vom Flamenco erwählt. Meine Eltern ließen mich bei meinen Großeltern im Dorf Ojíjares, das liegt drei Kilometer von Granada entfernt. Im Haus lebte auch meine Tante. Sie erzählte später, dass sich, immer wenn im Radio Flamenco lief, mein Gesichtsausdruck verändert hätte und ich sei ganz nervös geworden. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, sagte sie zu meinen Eltern: „Warum bringt ihr Eva nicht in eine Schule, wo man tanzen lernt?“ Meine erste Schule schließlich war in einem alten Schuppen untergebracht, wo ein Mädchen uns dreimal die Woche Sevillana- und Rumba-Tänze lehrte. Mit zwölf ging ich zu Pepita Verdones nach Granada. Wir lernten klassischen spanischen Tanz und Ballett, was ich hasste, weil es schrecklich langweilig war.
Heute begeistert Ihre Kunst auch Menschen, die weder Spanien noch seine Kultur kennen. Wie kommt es, dass der Flamenco einerseits international geschätzt wird, aber andererseits etwas typisch Andalusisches geblieben ist?
Der Flamenco verbindet unterschiedliche Kulturen, die in Andalusien aufeinandertrafen. Manche sagen, der Flamenco habe sich von Cádiz aus entwickelt. Manche glauben, dass er aus Indien kommt, andere sehen seine Wurzeln in Afrika, wieder andere sagen, dass er zur arabisch-muslimischen Musik gehört. Alle diese Kulturen kamen nach Spanien und wurden hier zu einer neuen. Entscheidend ist aber nicht, wo er herkommt, sondern, was der Flamenco mit dir macht, was er einen fühlen lässt. Es gibt Abertausende von Menschen auf der Welt, die sich mit ihm identifizieren können.
Gibt es eine Definition für den Flamenco?
Man hört häufig, Flamenco sei eine Art zu leben. Früher war das so, er gab den Menschen die Möglichkeit herauszuschreien, was sie sonst nicht sagen durften. Sie sangen über ihre Sorgen, ihr Leben und ihre Wünsche.
Welche Wege gibt es heute, um Freude oder Schmerz auszudrücken?
Für mich ist es der Tanz. Auf der Bühne kann ich frei sein – auch wenn es nur für eine sehr kurze Zeit ist. Aber immerhin kann ich sagen, dass die Freiheit existiert und dass ich sie durch den Flamenco kennengelernt habe.
Was gehört alles dazu, damit dieses Gefühl entsteht?
Alles, die Gitarren, der Gesang, das Klatschen – alles einschließlich der Stille. Die Stille ist wie eine Tür nach innen, zu dem, was wir am meisten fürchten. Es ist der Moment nach dem Gesang, nach dem Verstummen der Gitarren. Es gibt eine Stille, in der du dich ganz allein wiederfindest.
Sind Sie gläubig?
Ich glaube, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. Ich erinnere mich an Dinge, Momente, die ich aus einer früheren Zeit zu kennen glaube. Bevor ich auf die Bühne gehe, bitte ich Gott um jene Energie, die er zwischen den Menschen aufteilt. Und ich bitte von der Mutter Erde, dass sie mir die nötige Kraft gibt.
Stört es Sie, dass der Flamenco auch als Werbung für den Tourismus benutzt wird?
Es stört mich und auf der anderen Seite auch wieder nicht. Wenn man sagt: „Ich
komme aus Andalusien“, denken die Leute sofort an Stierkampf und Flamenco. Das ist nun einmal so. Traurig ist, wenn Besucher nach Sevilla reisen, weil sie annehmen, dass die Menschen dort ständig auf den Straßen tanzen und singen. So ist es eben nicht.
Welche Rolle spielt das Land Andalusien für den Flamenco?
Andalusien ist in jeder Hinsicht besonders. Das Klima, das Licht, die Leute, das ergibt diese mannigfaltigen Arten zu sein, die ich brauche.
Flamencoshows
Klassiker des Sevillatourismus sind Flamencoshows. Eine
Auswahl aus dem breiten Angebot:
El Arenal
C/ Rodo 7
www.tablaoelarenal.com
Auditorio Álvarez Quintero
C/ Álvarez Quintero 48
www.alvarezquintero.com
Los Gallos
Plaza de Santa Cruz 11
www.tablaolosgallos.com
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