Reinhold Messner ist ein Ruheloser, ein ewig Reisender. Er hat die Welt gesehen, bezeichnet sich selbst als Weltbürger, aber sein Land ist und bleibt Südtirol. Er ist von diesem Flecken nie losgekommen.
Reinhold Messner stand als erster Mensch der Welt auf den Gipfeln aller 14 Achttausender, er bestieg 1978 den höchsten Berg der Welt ohne Sauerstoffmaske, durchquerte Eis und Sandwüsten, seine Bücher erreichen Millionenauflagen. Es gibt kein Land auf der Erde ohne Messner-Fans. Aber mindestens ebenso groß wie die Zahl seiner Bewunderer ist auch die Zahl seiner Kritiker. Reinhold Messner polarisiert. Er reibt sich gern, weil er daraus auch Kraft schöpft.
Was freut Sie mehr, die Erfolge als Bergsteiger oder die Tatsache, dass Sie dieses von vielen mit Skepsis betrachtete Projekt Bergmuseum durchgesetzt haben?
Die Vorgangsweise ist dieselbe. Ich verspüre Widerstand und will diesen Widerstand überwinden. Und je größer der Widerstand, je höher die Hürden, umso größer ist am Ende die Befriedigung.
Im Ausland sind Sie ja ein Synonym für Südtirol. Haben Sie damit ein Problem?
Nein. Ich bin Südtiroler, mit Haut und Haaren.
Die unweigerlich an alle Südtiroler gerichtete Frage: „Als was fühlen Sie sich denn?“ bereitet Ihnen also keine Probleme?
Ich habe keine Probleme mit meiner Identität. Ich bin italienischer Staatsbürger, aber das ist in der EU völlig sekundär. Wir Südtiroler sind keine Italiener, wir sind aber auch keine Österreicher oder Deutschen. Wir sind Südtiroler und Europäer. Ich sage „wir“, weil ich für alle Südtiroler sprechen möchte. Ich bin der Meinung, dass es ein Glück ist, dass wir uns nicht mit einem Staat identifizieren müssen. Es ist viel wichtiger, dass wir Europäer sein können.
Und Tiroler?
Ein einheitliches Tirolgefühl wird es vermutlich nicht mehr geben. Wir sagen, wir sind Südtiroler, die Nordtiroler bezeichnen sich als Tiroler. Aber zusammenrücken können wir, weil es keine Grenzen mehr gibt.
Und doch haben viele von uns ein Problem mit der Feststellung: Ach, Sie kommen aus Italien?
Ich nicht. Die Grenze ist so gezogen worden, weil der Teil Tirols südlich des Brenners Italien als Kriegsbeute versprochen worden war. Aber heute dürfen wir uns nicht beklagen. Die Autonomie hat uns zu einer der reichsten Regionen Mitteleuropas gemacht. Wir haben den Schlüssel in der Hand zwischen Süd und Nord. Und wir haben davon profitiert, Schnittstelle zwischen zwei Kulturen zu sein.
Neigt Südtirol zur Nabelschau?
Wir neigen insofern zur Nabelschau, als dass die meisten Südtiroler nicht die Chance wahrnehmen, ins Ausland zu gehen. Dabei wäre es gerade für ein kleines Volk wichtig, dass der Blick von außen verstärkt wird. Deshalb wünsche ich mir ja, dass sich die Südtiroler als Europäer fühlen. Wir sollten uns bewusst sein, dass es Südtirol in der europäischen Wahrnehmung ja nur als großartige Fremdenverkehrsdestination gibt.
Sie haben in Südtirol vor Jahren mit dem Satz „Meine Fahne ist mein Taschentuch“ für einen volkstumspolitischen Aufreger gesorgt. Gilt der Spruch noch?
Wenn ich es aus dem nationalistischen Blickwinkel betrachte, sage ich nach wie vor: Meine Fahne ist mein Taschentuch. Natürlich kann am Bundestag eine schwarz-rot-goldene Fahne hängen, natürlich können die Südtiroler am Herz-Jesu-Sonntag die Landesfahne aushängen, aber warum Bergsteiger eine Flagge auf einen Gipfel mitnehmen, das habe ich nie verstanden. Das sind nationalistische Äußerungen. Und im übrigen ist eine Fahne kein Maßstab. Der Einsatz auch für meine Heimat hängt nicht davon ab, ob ich mit einer Fahne herumlaufe.
Südtirol wusste lange Zeit nicht, wie es mit diesem widerspenstigen Geist namens Reinhold Messner umgehen sollte. Nie Lust gehabt, zu sagen, habt’s mich gern?
Man hat mir ja letztendlich doch Entfaltungsmöglichkeiten gegeben, so dass ich jetzt gar nicht mehr weggehen könnte.
Aus der Heimat?
Heimat ist nicht nur dort, wo wir leben oder aufgewachsen sind. Auch Zukunft gestalten hat mit Heimat zu tun. Und ich bin jemand, der mehr zukunftsorientiert ist. Persönlich kann ich mir vorstellen, noch einmal eine Ruine zu finden und sie nach meinen Vorstellungen mit Leben zu erfüllen. Ich bin aber der Einzige in meiner Familie, der so denkt.
Und wo sind Sie zu Hause?
Ich fühle mich in Südtirol zu Hause. Aber generell bin ich dort zu Hause, wo meine Familie ist.
Die schönste Bergtour: Das Hochplateau am Schlern.
Der lohnendste Gipfel: Wenn die Höhe und die Geschichte den Ausschlag geben, dann natürlich der Ortler. Andernfalls der Langkofel, weil er schwieriger zu besteigen ist.
Mein Lieblingsort: Meine Kindheitserinnerungen enden immer wieder bei der Gschnagenhart-Alm in Villnöss. Heute ist es Sigmundskron, weil ich den Schlern sehe und nichts von Bozen.
Wofür man sich unbedingt Zeit nehmen sollte: Für die Landschaft oberhalb von tausend Metern. Wer da von Hof zu Hof wandert, der lernt viel über Land und Leute und deren Arbeitsalltag. Für so eine Wanderung verzichte ich heute auf jede Gipfeltour.
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