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SAUERGEMÜSE
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Spreewälder Königin 

von O. Gerhard und S. Sigmund

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Quelle: © iStockphoto.com/hipokrat

„Südfrucht vergeht – saure Gurke besteht“. Dieser Kalenderspruch aus dem Jahr 1907 hat unverändert Gültigkeit. Denn ob süß, sauer, gesalzen oder gepfeffert, Spreewälder Gurken sind Wahrzeichen und Verkaufsschlager der Region. Und es werden immer noch neue Rezepte erfunden.

Eine Gurke ist eine Gurke: ein längliches Kürbisgewächs, sechs bis 15 Zentimeter lang. Aber Spreewälder Gurken sind besonders – Gurkenliebhaber sind überzeugt, dass aus der wasserreichen Region zwischen Lübbenau und Schlepzig die frischesten und knackigsten kommen. Die Spreewälder selbst haben ihr bekanntestes Produkt sogar liebevoll mit einem lateinischen Namen geadelt – „Cucumis sativus spreewaldis rex“, was übersetzt königliche Spreewaldgurke heißt. Gurken wurden in der Region seit jeher angebaut, schon die Slawen tüftelten an Rezepten. Aber erst Migranten, holländische Tuchmacher, brachten im 16. und 17. Jahrhundert Anbau und Handel so richtig in Schwung. Am besten gedeihen die grünlichen Früchte in morastigem, humusreichem Boden, bei eisenhaltigem Wasser und feuchtwarmem Klima. Genau diese Bedingungen sind im Spreewald reichlich vorhanden. Daher erbrachte der Anbau auch in vergangenen Jahrhunderten reiche Ernte. So üppig, dass arme Berliner den Winter auch „Saure-Gurken-Zeit“ nannten. Dann aßen sie vor allem die vitaminreiche Frucht aus den Wäldern und Auen an der oberen Spree.

Wasser, Salz, frischer Dill, Zwiebeln und Lorbeerblätter sind die traditionellen Zutaten eingelegter Gurken. Für feinere Marinaden sorgen Ingredienzen wie Basilikum, Zitronenmelisse, Meerrettich oder Weinund Nussblätter. Immer noch beliebt sind die Klassiker wie saure, Senf- oder Salzgurke. Aber die Käufer greifen auch gerne zu Honig-, Chili-, Pfeffer- und Knoblauchgurken. „Es soll 120 Rezepte geben, weil es früher auch 120 Bauernhöfe gab“, weiß Gurkenexperte Karl-Heinz Starick. Die jeweiligen Mischungen werden von den Herstellern sorgsam gehütet. Der Hotelbesitzer aus dem kleinen Dorf Lehde weiß fast alles über die königliche Frucht. Schon als Schüler verdiente er sich als Gurkeneinleger sein erstes Geld. In den neunziger Jahren begann Starick Holzfässer zu sammeln, in denen die Gurken eingelegt wurden. Jetzt stehen die alten Eichen- und Buchenfässer in seinem Museum. Auch die Wahl der Gurkenkönigin ist Staricks Idee. Jedes Jahr im Juli wählt eine Jury in Lehde eine Spreewälderin zur Königin. Sie muss in original Spreewälder Tracht erscheinen und ein Töpfchen mit Gurken mitbringen, die sie nach alten Rezepten eingelegt hat.

EINE GESCHÜTZE SPEZIALITÄT

Seit 1999 stehen die Spreewälder Gurken sogar unter dem Schutz der Europäischen Union: Ein Herkunftssiegel garantiert, dass im Glas oder in der Konserve auch wirklich eine echte Spreewälder Gurke drin ist. „Mindestens 70 Prozent der Rohware muss aus dem Spreewald stammen, die Verarbeitung muss vollständig hier in der Region erfolgen, und es werden nur frische Kräuter verwendet“, erläutert Heidemarie Belaschk von der Firma Rabe in Boblitz bei Lübbenau, einige der Kriterien. Auch in ihrem Betrieb kommen Fenchel, Basilikum, Dill und Meerrettich nur frisch vom Feld in die Dosen. In Konserven gibt es die königlichen Spreewälder erst seit den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Damals erhitzte man sie zum ersten Mal auf 70 bzw. 80 Grad Celsius. So verkürzte sich der Gärungsprozess, der in den Fässern mehrere Wochen dauerte, und die Hersteller konnten ihre Ware schon nach einem Tag anbieten. Von allein wachsen die Gurken nicht – das Wetter muss mitspielen. So wurden in der Hitzewelle 2010 die Früchte sehr schnell groß, die Bauern konnten sie nicht rechtzeitig von den Feldern holen. Dann regnete es heftig und die Temperaturen sanken. „Das Ergebnis war eine eher mäßige Ernte“, bedauert Heidemarie Belaschk. Einen Gurken-Engpass muss man dennoch nicht fürchten. Denn mittlerweile werden Gurken auf etwa 700 Hektar angebaut. Der Tiefpunkt in den Nachwendejahren, als nur noch kümmerliche Ernten auf den Markt kamen, ist längst überwunden. Und während die Ernte in früheren Jahrhunderten eine mühsame Sache war, erleichtert heute der berühmte „Gurkenflieger“ die Arbeit. Die Helfer liegen bäuchlings auf den langen Tragflächen eines Anhängers, der von einem Traktor gezogen wird. Im Liegen pflücken sie die Gurken und legen sie auf ein Förderband, das die Früchte zu einem Anhänger transportiert.

INFORMATIONEN

  • Das gesammelte Wissen über die Spreewälder Gurken wird im Lehder Gurkenmuseum vermittelt (An der Dolzke 4/6, Lehde; April–Okt. tgl. 10.00–18.00 Uhr).
  • Beim Gurkenproduzenten Spreewald Rabe werden von 20. Juni bis 20. Sept. Betriebsführungen angeboten (Calauer Straße 2b, Lübbenau, Tel. 03542/89330, www.rabe-gmbh.de Di., Mi. und Sa. 10.30 Uhr).
  • Der Gurkenradweg führt auf den Spuren des Produktes durch den Spreewald.

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