Es fällt nicht schwer, das spirituelle Leben in Vietnam zu entdecken. In jedem Tempel und in jeder Pagode sieht man Menschen, die Räucherstäbchen entzünden, Opfer darbringen oder ins Gebet versunken vor einem Schrein stehen oder davor auf dem Boden knien. Die Altäre sind mit Blumen, Kerzen und Devotionalien geschmückt, in den Opferschalen liegen Lebensmittel und Geld.
Doch ist nicht alles Gold, was glänzt. Viele Banknoten sind nur mit Motiven bedrucktes Papier. Diese Papierbündel werden in speziellen Öfen verbrannt, denn dies soll Glück bringen. Überhaupt ist das so eine Sache mit dem Glück. Viele Wege sind bekannt, um für Glück zu sorgen und die Geister günstig zu stimmen. Die Vietnamesen sind ein gläubiges (und abergläubisches) Volk. An bestimmten Tagen des Mondmonats strömen die Menschen in die Pagoden, um für eine gute Zukunft, Glück und Reichtum zu bitten.
Auch wenn sie für den westlichen Beobachter rein äußerlich nur schwer zu unterscheiden sind, so sind ein Tempel (Den) und eine Pagode (Chua) nicht dasselbe. Tempel sind Orte, an denen zumeist bedeutende historische Personen verehrt werden: Kaiser, Könige oder auch Ho Chi Minh. Bei Pagoden handelt es sich um Orte von religiöser Bedeutung, meist buddhistische Einrichtungen, auch wenn der Buddhismus in Vietnam nicht so präsent ist wie in den südostasiatischen Nachbarländern. Die Roben sind von einem unscheinbaren Braun, auch sieht man keine Mönche in den Straßen oder beim morgendlichen Almosengang. Dafür findet man eine katholische Minderheit, die sich vor allem auf den Süden des Landes konzentriert. Das Zusammenleben der Menschen im Norden dagegen wird vom strengen konfuzianischen Gesellschaftsbild geprägt.
Geister spielen in der spirituellen Welt der Vietnamesen eine wichtige Rolle. Zumeist handelt es sich um verstorbene Ahnen, die in der Vorstellung der Menschen immer noch mit der Welt der Lebenden in Verbindung stehen. Dieser Ahnenkult ist in der vietnamesischen Psyche tief verwurzelt. In jedem Heim steht ein Schrein mit den Bildern verstorbener Familienmitglieder. Räucherstäbchen werden entzündet, Opfergaben dargebracht und frische Blumen aufgestellt. Dass sich die Geister wohlfühlen, ist von größter Bedeutung. Ihr Ärger auf die Familie gefürchtet. Beim Herstellen von Harmonie wird auch das Jenseits miteinbezogen.
Besonders schön sind jene Pagoden auf dem Land, die inmitten idyllischer Landschaft versteckt liegen. Harmonisch schmiegen sie sich an den Fels, stets im Einklang mit der sie umgebenden Natur. Dort entkommt man dem hektischen Treiben der Städte und findet und geistige Einkehr. Alleine, finden muss man sie, denn außerhalb der Großstädte ist Englisch im wahrsten Sinne des Wortes eine »Fremdsprache«. Doch wer auf eigene Faust entdeckt, für den wird auch der Weg zum lohnenden Ziel.
Wenn im Westen Weihnachten und Silvester schon längst vorbei sind, beginnen in Vietnam die hektischen Vorbereitungen für die stillste Zeit des Jahres: Tet. Von der Bedeutung her ist es für die Menschen so viel wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag in einem Fest zusammen. Eine Woche vor dem Neujahrstag (der sich am Mondkalender orientiert und ein variabler Feiertag ist) ziehen sich die Familien in die eigenen vier Wände zurück, um gemeinsam zu feiern. In den Wochen davor aber steigert sich das Treiben auf den Straßen, Geschenke werden gekauft und Vorbereitungen getroffen, bis alle Straßen restlos verstopft sind. Zu dieser Zeit sieht man auch kleine Bäume mit gelborangen Früchten durch die Straßen fahren.
Der Kumquat-Baum ist mit unserem Christbaum vergleichbar, doch befördert wird er meist auf dem Rücksitz des eigenen Motorrads. Ebenso wie die Christbäume in Europa werden sie in den Straßen zum Verkauf angeboten. Farbenprächtig sind auch die Stände, an denen man Glücksbringer und Dekorationen erhält, wobei die Farben Rot und Gold dominieren. Auch der »Mondkuchen«, eine traditionelle Süßspeise zu den Neujahrsfeierlichkeiten, ist in diesen Farben verpackt, genau so wie das »Glücksgeld«, das man in kleinen, bedruckten Umschlägen überreicht. Dabei handelt es sich um druckfrische Geldscheine kleinerer Denominationen, die an Familienmitglieder, Freunde und Kollegen verschenkt werden. Sie sollen im neuen Jahr Glück und Wohlstand bringen.
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