Seefahrt, und damit natürlich auch die Fischerei, hat auf allen Ostseeinseln jahrtausendelange Tradition. Manch einer sieht sie bereits am Ende oder nur noch in Form von Angeltourismus existierend mit einer ungewissen Zukunft. Andere wie Thomas Koldevitz wollen allen Schwierigkeiten zum Trotz weiterfischen und den Betrieb irgendwann an ihre Kinder übergeben.
Eigentlich hatte ich einen alten Seebären erwartet, doch dann steht mir ein junger Mann gegenüber, mit Lockenkopf und sonnenverbrannter Nase. Sein Name ist mir auf Rügen schon öfter begegnet: als „der nette Fischer im Hafen von Gager“ und als Lieferant besonderer Prachtfische für diverse Restaurants. Dass Thomas Koldevitz über die Fischerei genauso viel zu erzählen hat wie ein „Alter“, zeigte sich in unserem Gespräch.
Wie war der Fang heute?
Mittelmäßig. Ich hatte nur 120 Kilo Flundern im Netz, musste deshalb ein paar Kunden wegschicken und konnte auch nicht alle Gaststätten beliefern. Aber dafür waren es vorgestern 350 Kilo, das nenne ich dann einen guten Fang.
Wer zählt alles zu deiner Kundschaft?
Es kaufen sowohl Einheimische als auch Touristen. Um zehn Uhr startet in der Regel der Verkauf frisch vom Boot. Je mehr Leute in den Hafen kommen, desto weniger muss ich später zu den Restaurants hinfahren. Und die übrigen Kisten gebe ich zur Genossenschaft. Spätestens um vier kann ich Feierabend machen, an Ausnahmetagen auch erst spät am Abend. Und das an sieben Tagen in der Woche – außer wenn Sturm ist.
Wie kommen eure Fangquoten zustande?
Unsere Genossenschaft bekommt über die Fischereibehörden eine Quote zugewiesen und verteilt diese dann weiter an ihre Mitglieder. Im Moment wird zur Berechnung der individuellen Quote der durchschnittliche Fang des Fischers in den letzten drei Jahren zugrunde gelegt. Fange ich weniger, sinkt auch meine Quote.
Wird Dir ein bestimmter Fangplatz zugewiesen?
Wir können den Fangplatz selbst wählen, müssen aber untereinander gewisse
Abstände und natürlich die Sperrgebiete einhalten. Wer diesen Beruf länger macht, weiß ja nach einer Weile, wo er welche Fische findet. Nur wenn du mit Reusen fischst, legt die Fischereiaufsicht den Standort fest. Dafür ist Pacht zu zahlen. Dieses Geld wird später teilweise dafür verwendet, Jungfische auszusetzen.
Was gefällt dir besonders an deinem Beruf?
Ich mag die Unabhängigkeit, die ich dabei genieße. Und die Natur, die ich täglich erlebenkann. Wer sonst sieht schon bei seiner Arbeit morgens die Sonne über dem Meer aufgehen? Die Quotenregelungen der EU machen mich aber nachdenklich, ob sich dieser Beruf langfristig weiter ausüben lässt.
Wie hat sich die Fischerei auf Rügen entwickelt?
Zu DDR-Zeiten waren wir alle in der Genossenschaft organisiert und lieferten dort unseren Fang ab. Für den Hering gab es damals nur Quoten, wenn der Absatz nicht hoch genug war. Aber ansonsten konnten wir unbegrenzt ranklotzen. Heute machen uns die sinkenden Quoten und die Schonzeiten das Leben schwer. Natürlich merken wir, dass es dadurch wieder mehr Exemplare gibt. Aber du musst ja fischen, um überleben zu können. Die Zahl der Fischer ist schon stark zurückgegangen: Die Genossenschaft von Gager zählte vor der Wende 120 Mitglieder, jetzt sind nur noch 13 übrig.
Welche Fischarten werden denn rund um Rügen gefangen?
Im Frühjahr beginnt die Heringssaison, außerdem fangen wir in dieser Zeit Dorsch. Gegen Ende April kommt dann der Hornfisch, der nur knapp zwei
Monate vor Ort ist. Ab Anfang Mai dürfen wir einen Monat lang Steinbutt fangen. Und direkt im Anschluss fische ich Flundern – den ganzen Sommer hindurch. Viele Kollegen angeln in dieser Zeit zusätzlich Zander, Hecht, Barsch und Aal. Im Herbst kommt der Hering noch einmal zum Laichen, und der Dorschfang beginnt wieder. Der Dorsch wird hauptsächlich im Winter – in den Monaten mit „R“ – gefangen. Wir fahren dafür in eisfreie Gebiete, etwa nach Sassnitz.
Gibt es Fischarten, die spürbar weniger geworden sind?
Der Aal ist stark zurückgegangen! Ich habe früher mit rund 250 Reusen auf Aal gefischt. Anfang der 1990er hatte ich manchmal bis zu anderthalb Zentner am Tag, das ist heute nicht mehr möglich. Leider wird die Mehrzahl der jungen Glasaale, die mit dem Golfstrom zum Laichen über den Atlantik kommen, von den Anrainerstaaten weggefangen.
Warst du auf See schon mal in einer brenzligen Situation?
Nein, aber du musst in diesem Beruf damit leben, dass immer etwas passieren kann. Die Vorschriften verbieten, dass wir bei mehr als Windstärke 6 rausfahren.
Trotzdem kann man von einem Sturm mit Windstärke 10 überrascht werden.
Nicht nur zur Saison im Frühjahr und Herbst, sondern das ganze Jahr über kann man auf den Ostseeinseln Hering in vielen Variationen verkosten. Angefangen bei frischen Fischbrötchen, die es in allen Seebädern zu kaufen gibt, bis hin zu Fischgerichten in renommierten Spezialiätenrestaurants wie „Gastmahl des Meeres“ in Sassnitz oder „Restaurant Bernstein“ im „Strandhotel Ostseeblick“ in Heringsdorf. Den Bismarckhering nach Originalrezept erhält man beim Stralsunder Fischhändler Henry Rasmus.
www.gastmahl-des-meeres-ruegen.de
www.strandhotel-ostseeblick.de
www.bismarckhering.com
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