Krakau und Breslau waren vor 1945 wichtige Zentren des jüdischen Lebens in Europa. An der Neuentdeckung des jüdischen Viertels in Krakau hatte der amerikanische Filmemacher Steven Spielberg seinen Anteil, der Wiederaufbau der stark zerstörten Synagoge von Breslau ist der norwegischen Künstlerin Bente Kahan zu verdanken.
Der Krakauer Stadtteil Kazimierz zählte vor dem Zweiten Weltkrieg rund 70 000 jüdische Bürger. Kazimierz war ein Zentrum des orthodoxen Judentums, vorwiegend ärmere Menschen lebten hier. Breslau hingegen entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem Zentrum des reformierten Judentums in Deutschland. Zu den 20 000 Gemeindemitgliedern zählten bekannte Politiker, Wissenschaftler, Künstler und Industrielle. Die größte Synagoge, viele jüdische Einrichtungen und Läden in Breslau wurden in der Pogromnacht 1938 zerstört. Krakau dagegen überstand den Zweiten Weltkrieg ohne größere Schäden, und auch die sieben Synagogen von Kazimierz blieben erhalten.
War die jüdische Gemeinde in Breslau bei Kriegsende fast verschwunden, so wuchs sie durch Neubürger aus Ostpolen bald wieder auf 5000 Mitglieder an. Doch der Aufschwung währte nur kurz: Vermehrte Repression und eine aufkommende Pogromstimmung ließen um 1968 die meisten polnischen Juden nach Israel auswandern. Synagogen, die den Zweiten Weltkrieg überstanden hatten, waren danach vielerorts dem Verfall preisgegeben. Erst nach 1989 begann man, sich mit der jüdischen Geschichte wieder stärker zu beschäftigen. Steven Spielberg drehte 1993 an den Originalschauplätzen „Schindlers Liste“ und lenkte den Blick der Bürger und Besucher Krakaus auf ein bis dahin stark verwahrlostes Viertel. Touristen folgten Spielbergs Spuren, Stiftungen amerikanischer Juden engagierten sich in Kazimierz. Die sieben Synagogen werden heute als Gotteshäuser, für Ausstellungen oder für Feste genutzt. Restaurants in der Szeroka-Straße servieren koschere Speisen, abends erklingt Klezmer-Musik. Jedes Jahr Anfang Juli findet hier eines der größten Jüdischen Kulturfestivals in Mitteleuropa statt. Inzwischen ist Kazimierz hip geworden.
Obwohl die jüdische Gemeinde Breslaus mit rund 300 Mitgliedern doppelt so groß ist wie die Krakaus, vollzieht sich hier die Renaissance des jüdischen Lebens langsamer. Zwar hat Maciej Łagiewski, Direktor des Städtischen Museums, schon in den 1990er-Jahren den bedeutenden Jüdischen Friedhof aus dem Vergessen gerissen, doch die Wiederbelebung der stark verfallenen Storchen-Synagoge (die einzige, die den Krieg überstanden hat) gestaltete sich schwierig. Als Glücksfall erwies sich Bente Kahan, die 2001 nach Breslau kam. Die norwegische Klezmer-Sängerin und Theaterregisseurin mit jüdischen Wurzeln folgte ihrem polnischen Ehemann an die Oder und engagiert sich seitdem für das vergessene jüdische Erbe. Ihre Stiftung sammelte mehrere Millionen Euro, mit denen die klassizistische Fassade der Synagoge und der Thora-Schrein saniert wurden. Das Gebäude soll künftig auch ein Museum der schlesischen Juden beherbergen. Wie in Krakau zeigt das Engagement Folgewirkungen: Rund um die Synagoge entstand eines der beliebtesten Szeneviertel Breslaus.
Jüdisches Kulturfestival in Kazimierz: www.jewishfestival.pl
Jüdisches Kulturfestival in Breslau: www.simcha.art.pl
Stiftung Bente Kahan: www.fbk.org.pl
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