Jeder zehnte Apfel, der in der EU auf den Tisch kommt, stammt aus Südtirol. Das Land ist ein kulinarischer Garten Eden: Sollte Eva noch einmal Adam verführen wollen, dann wäre Südtirol wohl ihr Paradies.
Der Reisende, der vom Reschen kommend die Etsch entlang Richtung Süden fährt, hat ein ständiges Bild vor Augen: Die Talsohle ist ein Meer von Apfelbäumen. Dabei kann es schon vorkommen, dass dieses Meer unter einem seltsam anmutenden Grauschleier liegt. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der Grauschleier als ausfahrbares Netz: Immer mehr Bauern leisten sich Hagelnetze, um ihre kostbare Ernte zu schützen. Zu oft mussten sie mit ansehen, wie die Arbeit eines ganzen Jahres innerhalb weniger Minuten zunichte gemacht wurde. Wenn an einem heißen Sommertag urplötzlich schwarze Gewitterwolken aufziehen und Minuten später kirsch- oder walnussgroße Hagelkörner vom Himmel prasseln, dann sind Ernteausfälle von 80 bis 90 Prozent keine Seltenheit. Die Hagelnetze werden auf – die Bäume um ein gutes Stück überragende – Betonpfeiler gesetzt und ausgerollt. Man einigte sich auf eine einheitliche Netzfarbe (schwarz) und darauf, dass die Netze nur einen Teil der Anbaufläche abdecken dürften. Ob Petrus entsprechend informiert wurde, dass er es nur dort hageln lässt, wo Netze stehen, ist allerdings noch nicht eindeutig geklärt.
Einsamer Spitzenreiter unter den Südtiroler Äpfeln ist der Golden Delicious mit 42 Prozent, gefolgt von Gala (15), Red Delicious (11), Braeburn (9), Granny (6) und Fuji (5 Prozent). Schon an den Namen lässt sich erkennen, dass die Globalisierung auch ein so bodenständiges Nahrungsmittel wie den Apfel nicht ausspart. Allerdings haben Südtirols Obstbauern den Trend der Zeit früh erkannt und den Blick weit über den Tellerrand gerichtet. „Sortenumstellung“ hieß das Schlagwort: Alte, aus der Mode gekommene Apfelsorten wie Kalterer und Lederer verschwanden, dafür eroberte Pink Lady die Herzen der Südtiroler Obstbauern und auch den Markt. Heute werden etwa 20 Sorten im Handel angeboten, weltweit gibt es an die 20 000 verschiedene Apfelsorten. Im Landesversuchszentrum Laimburg werden Anbaubedingungen getestet, neue Pflanzenschutzstrategien und Lagermethoden entwickelt. Die geringe Zahl der im Handel angebotenen Apfelsorten führt dazu, dass diese oft in einem engen genetischen Verwandtschaftsverhältnis stehen. Daher hat das Versuchszentrum die alten Apfelsorten ins Visier genommen: In einer Genbank werden diese gesichert, um als Kreuzungspartner im eigenen Züchtungsprogramm eingesetzt zu werden. 400 verschiedene Sorten und Klone des Apfels werden in Zusammenarbeit mit mehreren Fachinstituten auf der ganzen Welt in der Laimburg getestet, immer mit Blick auf die Anbaumöglichkeiten in Südtirol.
Heute kann man es sich ja gar nicht mehr vorstellen, dass es einmal eine Zeit gab, als der Golden Delicious so gut wie unbekannt war. Damals, um das Jahr 1880, kam der köstliche Calville zu Ehren. Vor allem der weiße Winter-Calville trat einen Siegeszug quer durch Europa an und wurde schon bald „Regentenapfel“ genannt. Sogar am Hof des Zaren war der Calville eine begehrte Delikatesse. Jeder Apfel wurde einzeln in Seidenpapier gewickelt und sorgfältig verpackt, damit er ja den Transport ohne Druckstellen überstand. Im Jahr 1900 trat der Calville eine besonders weite Reise an: Zwei Waggons wurden nach China verschickt und waren dort für deutsche Soldaten bestimmt. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs ging auch die große Zeit des vornehmen Calville-Apfels zu Ende. Mehr über die Geschichte des Südtiroler Obstbaus erfährt man im Obstbaumuseum in Lana.
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