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Warschau
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Palast ist Kult 

von Izabella Gawin und Dieter Schulze

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Quelle: ©iStockphoto.com/Puchan

»Wie haben wir aufgeatmet, als die Kaczynskis abgewählt wurden«, seufzt Jolanta, eine junge Journalistin aus Warschau. Mit »wir« meint sie jene aufgeklärten Polen, für die die Zehn Gebote nicht oberste Lebensmaxime sind und der Westen kein Synonym für Sittenverfall. »Meine ausländischen Freunde waren sehr irritiert über das, was unter den Zwillingen in Polen geschah«, erzählt sie, »doch dieses Jahr wollen sie mich wieder besuchen«!

Von der Altstadt in die »Neue Welt«

©iStockphoto.com/Deejpilot Jolanta will ihnen die Altstadt von Warschau zeigen, die im Zweiten Weltkrieg zerstört, aber so perfekt rekonstruiert wurde, dass man ihr das jungendliche Alter nicht ansieht. Die pastellfarbenen Kaufmannshäuser haben bereits Patina angesetzt, das Kopfsteinpflaster erscheint abgewetzt und abends möchte man glauben, das Licht der Straßenlaternen werde von einem Wachmann per Hand entzündet. So grandios ist die Altstadt-Kopie, dass sie von der Unesco zum Welterbe erklärt wurde.
»Nach der Altstadt«, so Jolanta, »kommt die ›Neue Welt‹«. Der Prachtboulevard, der im 18. Jh. zur bevorzugten Residenz des Adels und später als ›Paris des Ostens‹ gepriesen wurde, ist heute Warschaus Flaniermeile mit Edelboutiquen und Terrassencafés. Er führt geradewegs zum Lazienki-Park, einer romantischen Oase mitten in der Stadt. Auf gewundenen Wegen spaziert man über die Weichselböschung, passiert die künstlichen Ruinen eines antiken Theaters und gleitet auf einer Gondel über den See. Man füttert Pfauen und Eichhörnchen, genießt gute Küche in einem Kristallpalast oder lauscht einem Chopin-Konzert, das in der warmen Jahreszeit jeden Sonntag Open Air und gratis gegeben wird.

Zeitmaschine Kulturpalast

»Doch was ist Warschaus schönster Ort?« Jolanta referiert einen oft erzählten Witz: »Warschaus schönster Ort ist die Aussichtsterrasse im 30. Stock des Kulturpalasts. Und warum? Weil dies der einzige Ort ist, von dem man den Kulturpalast nicht sehen kann!« Der Palast, der sich von einem riesigen Sockel immer schmaler werdend bis zu einer Höhe von 234 m (!) aufschwingt, gleicht mit seinem von vier Türmchen flankierten Mittelturm einer Rakete, die darauf wartet, zum Mond geschossen zu werden. Allerdings hat diese Rakete wenig Modernes: Sie ist so üppig mit Zinnen, Säulen, Attiken und Arkaden verziert, dass sie als ›Traum eines Zuckerbäckers‹ erscheint.

©iStockphoto.com/Ziutograf Und dieser Traum ist der Warschauer liebstes Hassobjekt. Vor allem ältere Bewohner können es nicht verwinden, dass der Kulturpalast zum Wahrzeichen ihrer Stadt wurde, stammt er doch von ihrem Todfeind Stalin. 1952 hatte dieser versprochen, dem slawischen Brudervolk einen Prachtbau zu schenken, der einzig mit den Kräften und Mitteln der Sowjetunion errichtet würde. In einer Rekordzeit von nur drei Jahren war er fertiggestellt und ist bis heute Polens außergewöhnlichstes Bauwerk: nicht nur aufgrund seiner Höhendominanz, sondern auch aufgrund seines reichen Innenlebens. Er zählt 3288 Räume, darunter 14 Auditorien, drei Theater und ein Mega-Kino, zwei Museen und ein Schwimmbad aus Marmor. Im kreisförmigen Ausstellungspavillon finden alle wichtigen Messen statt, im 3000 Besucher fassenden Kongresssaal traten wichtige Stars auf – von Marlene Dietrich bis zu den Rolling Stones. Wuchtige Eichentüren führen in Säle mit Marmorböden, Kassetten- und Stuckdecken, allerorten hängen schwere Kristallkronleuchter. Elegante Aufzüge fahren in Sekundenschnelle die Stockwerke hinauf, samtrote Teppichböden schlucken jeden Laut.
»Eigentlich sollte man doch stolz auf den Kulturpalast sein«, meint Jolanta, »nicht nur wegen des großartigen Blicks vom 30. Stock«. Am liebsten kommt sie spätabends hierher, »wenn sich das Lichtermeer bis zum Horizont erstreckt«. Im Panorama-Café, erzählt sie, habe sie Tadeusz Konwickis Roman »Auf der Spitze des Kulturpalasts« gelesen und »sich gefühlt wie der Held, der die Stille genießt, die himmlische Leere und das leise Säuseln des Windes«. Sie hat beobachtet, wie in den vergangenen Jahren ringsum die Kathedralen des Kapitalismus in die Höhe schossen, all die Büro- und Hoteltürme aus Glas, Stahl und Beton, die neuen Shopping Malls und Cappuccino-Meilen. »Alles ganz schön«, meint sie, »aber auf die Dauer auch langweilig, Ähnliches sieht man in London, Paris und New York. Der Kulturpalast bietet anderes – hier fühle ich mich wie in einer Zeitmaschine, die mich in eine andere Ära katapultiert.«
Einen besonderen Leckerbissen hebt sie sich für den Abschluss auf. Sie steigt in die Unterwelt hinab, wo drei Dutzend Katzen leben. Dafür, dass sie den Kulturpalast mäusefrei halten, werden sie reich belohnt. Täglich füllt eine gepflegt aussehende Dame ihre Näpfe mit frischen Innereien – die Kosten für die Palastkätzchen sind in einem eigens aufgeführten Posten im polnischen Staatshaushalt vermerkt.

Tipp: Wohnen in einem Altstadtpalais

Wer sich etwas Besonderes gönnen will, bucht sich in dem intimen Altstadtpalais Le Regina ein: Die Zimmer dieses Hotels sind freskengeschmückt und mit italienischen Edelholzmöbeln eingerichtet, im Kellergewölbe versteckt sich ein attraktives Spa. Die Zeitschrift Der Feinschmecker schrieb über den Koch des hauseigenen Restaurants: »Er hat uns ein Menü aufgetischt, das uns den Atem verschlug« (Le Regina, ul. Koscielna 12, Warschau, Tel. 0048-022-531 60 00, Fax 0048-022-531 60 01, www.leregina.com, 61 Zimmer, DZ ab 140 €).

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