Die Ossola-Täler, eine landschaftlich spektakuläre Gebirgsgegend im Nordwesten des Lago Maggiore, ziehen vor allem Wanderer an, die fernab der ausgetretenen Pfade unberührte Natur genießen wollen.
Es ist fast zu schön, um wahr zu sein: Mitten in Europa gibt es eine vom Tourismus noch fast unentdeckte, beeindruckend schöne Gegend: die Ossola-Täler im nördlichen Zipfel des Piemont. In der Region zwischen Tessin und Oberwallis, Lago Maggiore und Monte Rosa werden enge und weitere Täler von Viertausendern gut beschützt. Deren Oberhaupt, der Monte Rosa, ist mit 4637 Metern der zweithöchste Berg Europas. Zwei Drittel des gewaltigen Massivs gehören zu Italien, etwa ein Drittel zur Schweiz.
Die Ossola-Täler bieten Wanderspaß auf über 2500 Kilometern. Gerade für Individualisten ist die imposante, kontrastreiche Landschaft ein Leckerbissen. „7×4000“ heißt das Stichwort, bei dem erfahrene Bergwanderer ins Schwärmen geraten. Auf dieser einwöchigen Tour werden sechs bis sieben Gletschergipfel des Monte Rosa bestiegen. Allerdings sollte die anspruchsvolle Wanderung nur mit ausgebildeten Bergführern unternommen werden. Beste Kondition, Schwindelfreiheit und Trittsicherheit sind Bedingung! Wer es gemütlicher angehen möchte, entscheidet sich für eine Entdeckungsreise auf Schusters Rappen durch das Valle Formazza, Valle Antigorio, Valle Bognancom, Valle Divedro oder das Vigezzo-Tal, das größte der Täler. Am oberen Ende des engen, reich bewaldeten Valle Anzasca liegt Macugnaga, ohne Frage der schönste Ort im Ossola-Gebiet, direkt zu Füßen des Monte Rosa. Im Sommer lockt das Dorf mit kurzen, einfachen und doch reizvollen Wanderungen vor allem italienische Familien an. Im Winter schätzen Skifans die über vierzig Pistenkilometer wegen ihrer Schneesicherheit. Die Lifte reichen bis auf 3000 Meter Höhe hinauf.
Fest besiedelt wurde Macugnaga erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. „Scharen seltsamer Männer deutscher Sprache“ – Schafhirten aus dem Wallis, berüchtigt wegen ihrer rauen Sitten – ließen sich hier nieder und führten ein bescheidenes Dasein, denn die Land- und Viehwirtschaft in fast 1400 Meter Höhe konnte das Bergvolk nur spärlich versorgen. Noch heute sind die historischen Walserhäuser Zeugen einer Zeit, in der die Menschen zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben hatten. Die typischen Baumaterialien, Holz und Stein, gab es in der Umgebung reichlich. Schöne Beispiele traditioneller Walser-Architektur sind die denkmalgeschützte Casa Pala von 1677 und das kleine romanisch-gotische Pfarrhaus, die Chiesa Vecchia aus dem 13. Jahrhundert, mit ihrem sehenswerten alten Friedhof. Nahe der Kirche steht wie ein Fels in der Brandung der „Alte Lindebaum“. Die riesige knorrige Linde, unter der früher Recht gesprochen wurde, ist über 700 Jahre alt.
Wer sich näher für die Geschichte und das tägliche Leben der Walser interessiert, sollte unbedingt die Casa Museo Walser im Ortsteil Borca besuchen. Das 1610 erbaute, liebevoll restaurierte ehemalige Wohnhaus des Kirchenkaplans mit über 650 historischen Exponaten steht auf einem Steinsockel, in dem sich der „Chalder“ (Keller) befindet. Darauf wurde aus Lärchen- und Tannenstämmen das „Firhus“ (Küche) und die „Stobu“ (Wohnraum) errichtet. Ein sehenswertes architektonisches Detail ist „la finestrella dell’anima“, ein kleines Fenster, das bei Todesfällen geöffnet wurde, damit sich die Seele auf den Weg in den Himmel machen konnte.
Für Kinder besonders spannend ist der Besuch einer ehemaligen Goldmine im nicht
weit entfernten Minidorf Guia. Noch in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts schürften hier bis zu 300 Arbeiter nach dem begehrten Edelmetall. Nach so viel körperlicher und geistiger Ertüchtigung dürfen die kulinarischen Genüsse nicht zu kurz kommen, und davon bieten die Ossola-Täler einige! Würzige, deftige Gerichte mit einfachen Zutaten charakterisieren die regionale Küche: die „Brandsoppu“ etwa, eine mit Zwiebeln und Käse verfeinerte Brotsuppe, oder Siedfleisch vom Schaf, mit Kartoffeln und Salat, oder Michon Vallorcine, ein mit Käse überbackener Kartoffelfladen, zu dem man rohen Schinken isst. Nicht zu vergessen die leckeren Salamispezialitäten oder die Agnolotti – kleine, mit Bettelmatt gefüllte Nudelteigtaschen. Bettelmatt, ein schmackhafter Kuhmilchkäse, wird fast ausschließlich im Val d’Ossola hergestellt. Der goldgelbe Käse mit seiner rötlichen Rinde benötigt drei bis vier Monate Reifezeit und wird nur von Juli bis September produziert. Fazit: Die Ossola-Täler sind das richtige Ziel für Individualisten, die Ursprünglichkeit, einfaches Leben, beeindruckend schöne Natur und gutes Essen zu schätzen wissen und sich den Sinn für gelebte Tradition bewahrt haben. Ein Geheimtipp für den nächsten Urlaub!
Museum Alts Walserhüüs
In sieben Ausstellungsräumen stellen Originalexponate aus dem 17. bis 20. Jahrhundert das Alltagsleben der Walser dar.
Juni Sa./So., Juli/Aug. tgl. 15.30–18.30 Uhr, Aug. Sa./So. auch 10.00–12.30 Uhr, sonst nach Vereinbarung Tel. 03 47/9842329, www.museowalser.it
Miniera d’Oro della Guia
Die Führung durch den knapp einen Kilometer langen Tunnel der 300 Jahre alten Goldmine dauert rund vierzig Minuten.
Juni–Mitte Sept. 10.00–11.30 und 14.00–17.30 Uhr, sonst nach Vereinbarung Tel. 03 24/65570, www.minieradoro.it
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