Nicht nur für Eisenbahnfans gehört eine Bahnfahrt im Harz fast zum Pflichtprogramm: Auf einem Netz von rund 140 km Länge fahren hier noch Züge, die von Dampflokomotiven gezogen werden. Wem Mitfahren nicht genug ist, der kann sich in einem zweiwöchigen Kurs sogar zum Ehrenlokführer ausbilden lassen.
Roger Zilling und Sebastian Fischer schreien sich während der Arbeit andauernd an. Nicht, dass sie ständig streiten würden: Ihr Arbeitsplatz ist einfach so laut, dass sie sich anders nicht verständigen können. Die beiden arbeiten auf dem Führerstand einer alten Dampflok der Harzer Schmalspurbahnen (HSB): Zilling als Lokführer, Fischer als Heizer.
Das tonnenschwere Dampfross schnauft, keucht und faucht mit einer ohrenbetäubenden Lautstärke. Durch die starken Vibrationen klappert und wackelt im Führerhaus alles hin und her, was nicht niet- und nagelfest ist. In den Waggons hingegen genießen die Passagiere die Aussicht auf die abwechslungsreiche Landschaft und das Gefühl des Reisens in einer anderen Zeit. Manche stehen auf den Plattformen am Ende der Waggons und lassen sich die rauchgeschwängerte Luft um die Nase wehen. Gebaut wurden die Harzer Schmalspurbahnen Ende des 19. Jahrhunderts, aus Kostengründen in der Schmalspurvariante mit einer Spurbreite von 1000 mm. Mit rund 140 km Länge stellen sie das längste zusammenhängende Schmalspurnetz in Deutschland dar und stehen seit 1972 unter Denkmalschutz. Das Netz besteht aus drei Strecken: Die Harzquerbahn durchfährt den Harz auf einer Nord-Südachse zwischen Wernigerode und Nordhausen, die Selketalbahn verkehrt zwischen Quedlinburg und Eisfelder Talmühle. Die Brockenbahn zweigt von der Harzquerbahn ab und fährt von Drei Annen Hohne seit Mitte 1992 wieder regelmäßig hinauf auf den Brocken, den höchsten Gipfel Norddeutschlands. Insgesamt haben die HSB 25 Dampfloks im Einsatz, die drei ältesten davon wurden bereits Ende des 19. Jahrhunderts gebaut.
So entspannt wie bei den Passagieren geht es im Führerhaus nicht zu. Lokführer Zilling und Heizer Fischer haben während der Fahrt alle Hände voll zu tun, drehen ständig an diversen Reglern zur Wasserzufuhr, um den Druck im Kessel bei kontinuierlich 14 bar zu halten, ziehen Muttern mit einem großen Schraubenschlüssel nach, und getutet werden muss auch mehrmals in der Minute. Viele Arbeitsabläufe funktionieren bei den beiden ohne Worte: Alle paar Minuten öffnet Zilling mit der linken Hand in gleichförmigem Rhythmus die Feuertür, im selben Moment schaufelt Fischer eine Schippe Steinkohlen in das lodernde Feuerloch. Auf der Fahrt von Wernigerode auf den Brocken und zurück würden rund anderthalb Tonnen Steinkohle verfeuert, so Zilling. Die Geschwindigkeit steuert er mit einem armlangen Regler, den er zum Beschleunigen gefühlvoll, aber bestimmt, nach links drückt. Auch auf den Bahnhöfen haben die beiden kaum Zeit zum Durchatmen, mal muss Wasser nachgetankt, mal müssen die Achslager kontrolliert werden. Gegessen wird während der Fahrt: Zwei Konservenbüchsen mit Hühnerreistopf erhitzen sie auf der heißen Ablage über der Feuerkiste.
Wem der Anblick der Dampfloks und das passive Mitfahren nicht genug sind oder wer als Kind davon träumte, einmal Lokomotivführer zu werden, kann sich bei den HSB in einem zweiwöchigen Lehrgang zum „Ehrenlokführer“ ausbilden lassen. „Die Ausbildung soll die Teilnehmer befähigen, unter Aufsicht und Anleitung eine Dampflok selbst zu fahren“, sagt Holger Prochnau, Kundenbetreuer bei den HSB. Die Teilnehmer der Ehrenlokführerkurse kämen aus sämtlichen sozialen Schichten, so Prochnau. Der Wunsch, Lok zu fahren, scheint jedoch bis heute Männersache zu sein. Prochnau: „Frauen sind äußerst selten dabei.“
Informationen
Harzer Schmalspurbahnen GmbH
Friedrichstraße 151
38855 Wernigerode
Tel. 03943-5580
www.hsb-wr.de
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