Viele Geschichten ranken sich um die einstige Weltstadt auf Sizilien. Zum Beispiel die von Damokles, der, „den Dolch im Gewande“, zu Dionysios schlich, um die Stadt vom Tyrannen zu befreien, oder die Geschichte vom Mathematiker Archimedes, der beim Baden das Gesetz zur Volumenberechnung entdeckte, vor Freude aus der Wanne sprang und nackt durch die Stadt lief. Oder der Mythos ihres sagenhaften Reichtums, der die Athener zu einer verhängnisvollen Expedition verleitete, die im Hafen von Syrakus ihr blutiges Ende fand und den Niedergang Athens einläutete. In der Antike war die Millionenstadt Syrakus eine der glanzvollsten und mächtigsten Metropolen der Mittelmeerwelt.
Herzstück der sizilianischen Stadt ist wie schon zu antiken Zeiten die windzerzauste Halbinsel Ortigia, die sich weit ins Ionische Meer erstreckt. Auf ihrem höchsten Punkt stand einst der Athenatempel. Sein vergoldetes Dach erstrahlte im Sonnenlicht und wirkte auf die herannahenden Schiffe wie ein Leuchtfeuer. Nach dem Untergang der alten Welt wurde der Tempel in eine Kirche umgebaut – und ist somit erhalten geblieben. Noch heute sind die wuchtigen dorischen Säulen deutlich in den Seitenwänden des Doms Santa Maria delle Colonne zu erkennen.
Das verheerende Erdbeben von 1693 legte die Stadt in Schutt und Asche, doch umso schöner und prächtiger erstand sie in der Formensprache des Barocks. Von den einst monumentalen Palazzi, volutenumrankten Kirchenfassaden und weiträumigen Plätzen ging jedoch bis vor wenigen Jahren nur noch ein morbider Charme aus. Die vom Salz und Wind gezeichneten Fassaden bröckelten, und nachts pfiff nur noch der Wind durch die Gassen. Nachdem Syrakus 2005 von der Unesco zum Welterbe ernannt worden war, verwandelte sich die Altstadt auf Ortigia dank eines ehrgeizigen Sanierungsprojekts wieder in ein Juwel. Seither erstrahlen die restaurierten Palazzi erneut in ihrer barocken Pracht, die Straßen wurden verkehrsberuhigt, trendige Geschäfte öffneten ihre Pforten und auf den einst verwaisten Plätzen sowie längs der Hafenpromenade tummeln sich die ragazzi in Cafés und Restaurants.
Schon in der Antike war die Stadt Syrakus wegen ihrer Küche berühmt. Platon sagte (entsetzt): “Ein Leben voller Bankette – zweimal am Tag schlägt man sich den Magen voll, und die Nächte verbringt man nie alleine.“ Eine Vorfreude auf lukullische Genüsse bietet der Markt im Schatten des Apollotempels, wo ab den frühen Morgenstunden Gemüse und fangfrischer Schwert- und Thunfisch oder der silbrig glänzende Degenfisch lautstark angepriesen werden.
Augen und Ohren sind auch bei den Vorstellungen der Gebrüder Mauceri gefordert, die in ihrem Piccolo Teatro dei Pupi die Tradition des sizilianischen Puppenspiels weiterführen. Mit viel Fingerfertigkeit und Körperkraft bewegen sie die fast lebensgroßen, bis zu 20 kg schweren Marionetten und erzählen unter Begleitung einer Drehorgel von den Heldentaten der Kavaliere Karls des Großen und ihrem Kampf gegen die Sarazenen. Auch wer kein Italienisch oder Sizilianisch versteht, wird sich der Faszination des Spieles kaum entziehen können.
Theaterspielen hat in Syrakus eine lange Tradition. Die „Perser“ von Aischylos erlebten im Theater von Syrakus ihre Uraufführung. Das Griechische Theater, eines der am besten erhaltenen Theater der Antike, liegt noch immer mit Blick auf den Naturhafen in der Archäologischen Zone vor der Stadt. Wie in der Antike finden jeden Frühsommer unter freien Himmel und vor vollbesetzten Rängen Aufführungen antiker Stücke statt. 2008 (8. Mai – 22. Juni) steht die „Orestie“ des Aischylos auf dem Programm – natürlich auf Italienisch.
Direkt neben dem Theater liegen die riesigen Steinbrüche, aus denen die Sklaven das Baumaterial beschafften, um die Tempel und Theater zu erbauen. Paradiesisch waren die Arbeitsbedingungen in den heute von einer blühenden Vegetation umgebenen latomie del paradiso allerdings keineswegs. Um den besten Stein zu bekommen, mussten tiefe Schächte geschlagen werden. Eine dieser aus dem Kalktuff geschlagenen Grotten ist noch heute erhalten. Der Maler Caravaggio, der sich eine Zeitlang in Syrakus aufhielt, nannte sie das „Ohr des Dionysios“. Der misstrauische Tyrann soll dieses Wunder der Akustik, das noch heute selbst ein Flüstern hörbar macht, dazu benutzt haben, seine Gefangenen zu belauschen.
Und noch eine Besonderheit hat Syrakus aufzuweisen: Sie ist die einzige Stadt Europas, in der noch wild wachsender Papyrus existiert. Vermutlich wurde er bereits in der Antike aus Ägypten eingeführt. Heute wachsen die Stauden längs des befahrbaren Flusses Ciane sowie an der Aretusa-Quelle auf Ortigia. Am schönsten aber ist ein Besuch bei Angelo Mortellaro, der in Erinnerung an seinen Großvater mitten in der Stadt nahe der Archäologischen Zone einen Papyrusgarten geschaffen hat und Groß und Klein Einblick in die Papyrusherstellung gibt.
Die magische Atmosphäre von Ortigia lässt sich am besten zur blauen Stunde bei einem abendlichen Aperitif einfangen. Wer sich unter die Einwohner der Altstadt mischen will, geht ins Caffè La Piazza direkt am Domplatz. Die besten Tipps für den weiteren Abend bekommt man in der immer gut besuchten Wine Bar San Rocco an der gleichnamigen Piazzetta.
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