Masuren gleicht auf den ersten Blick einem heiteren Kinderbild: Das Hellgrün der Wiesen, das sich sanft über die Hügel erstreckt, rotweiße Tupfen für die Störche, das Dunkelblau der perlenförmigen Seen, all das umsäumt vom dunklen Grün der tiefen Wälder. Mittendrin ein Bilderbuch-Dorf mit roten Ziegeldächern und Backsteinmauern, hölzernen Scheunen und Ställen. Der kopfsteingepflasterte Dorfweg mit viel Sand, der sich als gelbe Linie durch das Bild schlängelt, mit freilaufenden schnatternden Gänsen in Weiß, winkende Kinder, zwei in dunkle Farben gehüllte Bäuerinnen mit Kopftüchern sitzen auf einer Bank ins Gespräch vertieft, bunte Blumen als Kontrast… Masuren ist eine vorindustrielle Idylle!
Masuren ist facettenreich. Seine Vielschichtigkeit beginnt bereits mit der Frage, wie diese Region eigentlich einzugrenzen sei. Für die alten Ostpreußen war alles klar – im Südosten des Preußenlandes, hinter Ermland und Natangen, dort wo einst die slawischen Masuren zu Hause waren. Nach all den geschichtlichen Katastrophen erfuhr die Region inzwischen eine wundersame Vermehrung – es ist das Land der 3000 Seen im Nordosten Polens, irgendwo zwischen der Weichsel und Litauen. Überall dort, wo man wunderbar Urlaub machen kann, auf Du und Du mit der Natur, wandernd, im Sattel, auf dem Drahtesel, endlose Eichenalleen entlang. Ob mit Kanus oder Yachten, auf denen man die aneinander gereihten Seen besegeln kann – mannigfaltig sind die Arten, Masuren zu erkunden. Die Schönheit seiner Landschaft macht alle Fragen und Streitereien über Grenzen und Kriege vergessen.
Nicht nur Natur und Ursprünglichkeit wie aus Omas Erzählungen machen den Reiz dieses Landstrichs aus. Der Deutsche Orden hinterließ hier trutzige Burgen wie in Barten (Baciany) oder Rhein (Ryn). In der letzteren kann man übrigens luxuriös wohnen und inmitten der gotischen Kellergewölbe schwimmen. Ein Symbol der nachfolgenden Epoche sind die – leider oft verfallenden – Adelsschlösser, wie beispielsweise Steinort (Sztynort) oder Dönhoffstädt (Drogosze) sowie Heilige Linde (Św. Lipka), von wo aus die Jesuiten aus dem Königreich Polen-Litauen die Rekatholisierung des protestantischen Herzogtums Preußen erwirken wollten. Auch wenn der barocke Überschwang der Gegenreformation in der nördlichen Umgebung fremd wirkt, lohnt sich ein Besuch der Kirche, die über eine Orgel mit beweglichen Figuren verfügt.
Als Kontrastprogramm erwartet den Besucher das Wahrzeichen der schlimmsten Zeit Masurens: Das düstere Hauptquartier des NS-Regimes, die Wolfsschanze. Bilder der Vergangenheit und blutdürstige Mücken plagen hier, bevor ein kleines wohlgestaltetes Denkmal Licht ins Dunkel dieser finsteren Zeit bringt. Gedacht wird der Mutigen um Claus von Stauffenberg, die hier ein Attentat auf Adolf Hitler wagten und dies mit ihrem Leben bezahlten. Man schweigt und ist froh, dass aus dem Plan für ein Wachsfigurenmuseum mit Helden und Antihelden an diesem Ort doch nichts wurde.
Masuren lebt vom Kontrast. Neben der ländlichen Idylle gibt es touristisch erschlossene Zentren wie Nikolaiken (Mikołajki) und Lötzen (Giżycko), in denen im Sommer unzählige deutsche und polnische Urlaubergruppen harmonisch vereint flanieren und die zahlreichen Souvenirläden durchstöbern, um eine Bernsteinkette oder eine garantiert handgeschnitzte Storchenskulptur zu kaufen. Segler genießen Ausflüge an Land, Kinder kreischen, Motorboote lärmen, Wasserratten stürzen sich in die Fluten des Aquapark Tropicana im Hotel Gołębiewski. Kurzum der weltweit gleiche Touristenrummel.
Nichtsdestotrotz wird man hier möglicherweise Station einlegen, gibt es hier doch die besten Hotels und Restaurants. Diese Orte bilden außerdem ideale Basislager für Ausflüge. Denn das andere Masuren, das noch zu entdecken gilt, liegt nur einen Katzensprung von diesen Hauptorten entfernt. Hier findet der Reisende Abgeschiedenheit und den sanften, grünen Tourismus. Hier hat man oft den Wald und einen See zum Baden für sich allein – je weiter nach Osten oder zur russischen Grenze hin, desto größer die Chance, Wälder zu finden, wo die Bäume große Schatten werfen und die Fußspuren des lieben Gottes, der hier noch spazieren geht, noch golden leuchten – so wie es der inmitten des masurischen Waldes geborene Schriftsteller Ernst Wiechert schilderte.
Das Masuren für Genießer breitet sich in dem Borkener Wald (Puszcza Borecka) mit seinen Elchen und Wisenten, in der Johannisburger Heide (Puszcza Piska) mit dem glasklaren Flüsschen Krutinna (Krutynia) oder um Lyck (Ełk) herum aus. Lyck ist übrigens der Geburtsort von Siegfried Lenz, der mit seinem Roman „Heimatmuseum“ und dem Erzählband „So zärtlich war Suleyken“ Masuren huldigte, liebevoll, warmherzig und mit dem kauzigen Humor, der den Menschen dort eigen ist. Die Lektüre dieser beiden Bücher ist die ideale Vorbereitung für eine Reise nach Masuren. Denn noch kann man die dort geschilderten Dörfer, Felder und Wälder finden. Man sollte dorthin aufbrechen, bevor auch dieser Landstrich vom Modernisierungsschub erfasst und für immer verändert wird. Noch lockt dieses wunderbare Land der 3000 Seen mit seiner Ursprünglichkeit. Idyllisch wie ein heiteres Kinderbild aus alter Zeit.
Füße Christi inmitten von Bauernbarock.
Gewiss gibt es monumentalere Denkmäler in Masuren, sicherlich geschichtlich brisantere oder kunsthistorisch bedeutsamere. Auch wenn dies eine subjektive Wahl ist, so kann sich doch wenig mit dem naiven Reiz dieser unscheinbaren masurischen Kirche messen. Sie ist leicht zu erreichen. Kommt man von Westen nach Masuren, liegt links der Hauptstraße in Sorkwity, 12 km vor Sensburg (Mrągowo), ein kleiner Parkplatz. Überquert man eine Bahnunterführung, steht man vor dem Pastorenamt vis-a-vis der Kirche. Hier kann man problemlos einen Schlüssel ausleihen und gelangt so in ihren Innenraum. Ein gewisser Izaak Riga aus Königsberg schuf zu Beginn des 18. Jh. die Innenausstattung: die Kanzel, den im 20. Jh. armlos gewordenen Gekreuzigten, die Patronatsloge, einen Beichtstuhl (ja, in einer protestantischen Kirche!) und einen charmanten Taufengel. Auf dem Altargemälde erkennt man hinter Golgatha das Sorquitter Schloss. Bäuerlich gekleidete Apostel starren verdutzt in den Himmel, sprich auf die Decke, wo gerade eben wohl noch Christus auf seinem Weg in den Himmel zu sehen war. Etwas funktionslos hängen jetzt seine Füße von der Decke herab… Ach so, hinter dem Altar ist ein Lichtschalter. Nach diesem Amüsement sollte man nicht versäumen, die Kirche gut abzuschließen und dem engagierten lutherischen Pastor den Schlüssel zurückzubringen.
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