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Im Tessin
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Maronen: Brotbaum der Bergbauern 

von A. Meisen, B. Schaefer, R. Fischer

Bild 01_08_2011_Tessin
Quelle: © clipdealer.com/lakeemotion

Der rauchige Duft der stachligen Baumfrüchte verwandelt selbst honorige Geschäftsleute wieder in Buben, die sich vor den großen Röstkesseln drängeln, um die spitzen Papiertüten mit ihrer glühend heißen Füllung zu ergattern. Oktober und November stehen ganz im Zeichen der allseits beliebten „Sagre delle Castagne“, den Kastanienfesten. Zusammen mit den obligatorischen Weinfesten ergibt das wahrlich lukullische Herbstwochen und eine Nebensaison, die es in sich hat!

EIN BAUM EIN KOPF!

Heute spielt die Edelkastanie auf dem herbstlichen Speisezettel sogar eine Hauptrolle. Was für eine Karriere, wenn man bedenkt, dass sie im Tessin über Jahrhunderte der „Brotbaum der Bergbauern“ war. Nur die Großeltern und Urgroßeltern erinnern sich noch an die vielen Hungerwinter bis Mitte des letzten Jahrhunderts, als die Maroni den Bergbauern monatelang als Hauptnahrung diente. Die Enkel schütteln ungläubig den Kopf, wenn die Nonna die alte Faustregel zitiert: Ein Baum ein Kopf! Bei rund 150 Kilo lag der Verbrauch pro Esser im Jahr, da musste eine vielköpfige Bergbauernfamilie schon ein ganzes Wäldchen ihr Eigen nennen. Im Herbst zogen Frauen und Kinder zum Aufsammeln in die Kastanienhaine, die „Selve“. Abends wusste man nicht, was mehr schmerzte – der Rücken von der stundenlangen gebückten Haltung oder die Finger, die trotz Handschuhen oder darum gewickelter Lappen von den nadelharten Stacheln völlig zerstochen waren.

An Sonntagen gab’s Kastanienkuchen

Und bis zu dem frischgebackenen „Baumbrot“ war es noch ein langer und mühseliger Weg. Zunächst schleppte man die Ausbeute des Tages auf den Räucherboden, um die Stachelfrüchte über einem Holzfeuer zu trocknen. Dann mussten die Schalen entfernt werden, also hieß es alle Kastanien in einen Sack füllen und ordentlich draufschlagen! So ließen sich die Früchte einen Winter lang lagern. Die getrockneten Schalen dienten als „Anmachholz“ für den Backofen, in dem dann die Brotlaibe buken, aber erst, nachdem die getrockneten Früchte zum stärkehaltigen Kastanienmehl zerstampft und gemahlen waren. Dieses dunkle, feste Brot kam tagein tagaus auf den Tisch, nur an den Sonntagen konnte man sich auf eine Abwechslung freuen, auf den Kastanienkuchen. So süß, wie er heute in den meisten Pasticcerie angeboten wird, war er wohl nicht, denn Zucker war kostbar und sowieso Mangelware. Ein wenig Honig von den eigenen Bienenstöcken tat es aber auch, und im Zeitalter vor dem Siegeszug der Geschmacksverstärker war das schon ein wahrer Gaumenschmaus.

ERFOLGREICHES COMEBACK

Polenta und Reis aus der Lombardei, Kartoffeln und Weizenmehl aus der Nordschweiz verdrängten Ende des 19. Jahrhunderts die Maroni von ihrem Stammplatz in der bäuerlichen Tessiner Küche. Die Kastanienwälder verwilderten, und andere Baumsorten „wanderten ein“. Seit einigen Jahren gewinnt die Edelkastanie jedoch Schritt für Schritt Raum zurück. Im Jahr 1991 rief man mit Unterstützung der Kantonsregierung sogar eine „Arbeitsgruppe Kastanie“ ins Leben, die seither die Wiederbewirtschaftung der Kastanienselven mit Know-how und Subventionen fördert. Der Erfolg blieb nicht aus, das Interesse der Öffentlichkeit an diesem authentischen und wohlschmeckenden Stück Regionalgeschichte wuchs, und die Vermarktung gedieh, biologisch-ökologisch vor allem. Heute gibt es kaum ein Reformhaus, kaum einen Bioladen, der nicht die ganze „moderne“ Maronen-Produktpalette anbietet: Ein „Muss“ ist das Mus für die beliebten Vermicelli, die süßen „Würmchen“, die sich auf Vanilleeis und Meringues ringeln. Und was darf es sonst sein? Mehl, Pasta, Brot, Gebäck und Kuchen, Honig – ja sogar Maronenbier! Auch in diesem Sinne ein ganz herzhaftes „salute“ auf das rundum erfreuliche Comeback der Castanea sativa.

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