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INTERVIEW
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Man muss nicht alles zeigen 

von Jochen Müssig

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Quelle: ©DuMont Bildatlas / Martin Sasse

Ein Gespräch mit Sheikh Sultan Bin Ahmed Bin Sultan Al Qassimi von Sharjah über die Aufstände in der arabischen Welt, die Sharia sowie Sharjah als islamische Kulturhauptstadt 2014. Und was passiert, wenn ein Scheich beim zu schnellen Fahren geblitzt wird …

Small Talk im Vorzimmer. Der Pressesprecher ist da und der Protokollant. Sheikh Qassimi kommt etwa 20 Minuten zu spät. Er sei noch beim Herrscher gewesen, entschuldigt er sich. Seine Kandourah ist blütenweiß und akkurat gebügelt, der Händedruck weich – in der arabischen Welt ein Zeichen von Höflichkeit. Er bittet in sein Arbeitszimmer, Tee wird gereicht.

Sheikh Qassimi, wie haben Sie das Aufbegehren der Völker in Tunesien, Ägypten, Libyen und vor Ihrer Haustür, in Bahrain, erlebt? Ich habe ständig auf allen TV-Kanälen geschaut, was passiert – mit großen Sympathien speziell für das libysche Volk. Die Leute müssen für sich selbst entscheiden können.

Befürchten Sie, die Revolution könnte auch in die VAE kommen? Nein, in den VAE ist alles in Ordnung. Den Menschen geht es gut, sie erhalten Bildung, ärztliche Versorgung und Land, wenn sie heiraten. Sie bezahlen keine Steuern und können sich über Missstände beschweren. Die Lage ist völlig anders als in Ägypten oder Libyen.

Sharjah gilt als das konservativste unter den sieben Emiraten der VAE, weil die Sharia als geltendes Recht relativ streng ausgelegt wird. Passen Sharia und Tourismus überhaupt zusammen? Die Sharia ist eine islamische Instanz, parallel zur lokalen und zur VAE-weiten zivilen Gerichtsbarkeit. Sie regelt das Verhalten unter Moslems. Ein Tourist hat mit der Sharia also gar nichts zu tun.

Was passiert mit einem unverheirateten Urlauberpaar, das in einem Hotelzimmer in Sharjah nächtigt? Nach der Sharia ist das verboten. Das ist eine persönliche Angelegenheit, in die wir uns nicht einmischen.

Und wie steht es mit gleichgeschlechtlichen Paaren? Solange sie ihre Zuneigung nicht auf offener Straße zeigen, haben wir auch damit kein Problem. Man muss ja nicht alles öffentlich zeigen …

Die Sharia verbietet den Konsum von Alkohol. Was passiert, wenn ich in Sharjah trotzdem Alkohol trinke? Wenn Sie das in der Öffentlichkeit tun, werden Sie von der Polizei verwarnt. Was Sie in Ihrem Hotelzimmer tun, ist wiederum Ihre Sache.

Weshalb sollte ein Tourist nach Sharjah kommen? Vor allem wegen der Kultur. Das Islamische Museum zeigt den besten Abriss zu den Bereichen Glaube, Wissenschaft und Künste des Islam. Und dann gehen Sie durch die Straßen von Sharjah: Bei uns finden Sie fast nur Einheimische, in Dubai inzwischen fast schon mehr Ausländer.

Sharjah wird 2014 islamische Kulturhauptstadt. Warum Sharjah? Wir haben etwa 20 Museen und 3000 Events pro Jahr – darunter die größte Buchmesse der arabischen Welt. Wir besitzen in den VAE die wohl eindrucksvollste arabische Architektur. Momentan haben wir 1,5 Millionen Gäste pro Jahr und wir hoffen für 2014 auf die doppelte Anzahl. Deutschland ist mit 140 000 Gästen übrigens der größte Markt aus Übersee.

Sharjah umschließt Ajman und besitzt andererseits mit Khorfakkan oder Kalba auch Exklaven an der VAE-Ostküste am Indischen Ozean. Wie kommt das? Das geht auf alte Stammesgrenzen zurück.

In Sharjah gibt es ein Kinderparlament. Wer sind die Kinder und was machen sie? Der Herrscher hatte die Idee dazu. In den Schulen werden Vertreter ab acht Jahre gewählt, die uns dann fragen können: zu Problemen an den Schulen, aber auch zur Politik oder was sie sonst bedrückt.

In den VAE existiert keine Boulevardpresse. Ist es nicht erlaubt, über den Herrscher und seine Familienangehörigen zu schreiben? Persönliche Dinge sind bei uns tabu, da kommen keine Geschichten in der Zeitung. Das gilt aber auch für die normalen Leute. Wenn im Ausland bereits etwas erschienen ist, wird es manchmal nachgedruckt. Im Internet gab es mal ein Klatschportal, aber das hatte keinen Erfolg.

Was passiert eigentlich, wenn Sie zu schnell gefahren sind und die Polizei Sie stoppt? Bei uns läuft das anders. Die Polizei stoppt niemanden. Gerate ich in eine Radarfalle, bekomme ich, wie jeder andere, einen Strafzettel zugeschickt. Bezahle ich ihn nicht, erhalte ich im nächsten Jahr keine Plakette für das Auto. Wenn das häufiger passiert, erfährt mein Schwiegervater davon. Und der ist der Herrscher von Sharjah … (Er lächelt.) Also halte ich mich, wie alle anderen auch, sehr zurück.

BIOGRAFIE

Sheikh Sultan Bin Ahmed Bin Sultan Al Qassimi von Sharjah ist 38 Jahre alt und mit Sheikha Bodour verheiratet, der Tochter des Herrschers von Sharjah, Sheikh Sultan bin Mohammed Al Qassimi. Nach seinem Studium in Businessmanagement und Computerinformatik in den USA bekam er die Verantwortung für einige Schlüsselpositionen in Sharjah. So ist er Vorstandsvorsitzender der Handels- und Tourismusentwicklungs- sowie der Medienbehörde und Vorstand des Sharjah Petroleum Council. Er liebt Reisen. Seine bevorzugten Ziele sind Thailand, Malaysia und die Malediven.

Der DuMont Bildatlas Dubai ist ab sofort im Zeitschriftenhandel erhältlich.

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