Dass „die besten Künstler ihrer Zeit“ an der Ausstattung der Peterskirche beteiligt waren, ist schon so oft behauptet worden, dass es kaum noch hinterfragt wird. Aber stimmt das auch? Einer zumindest fehlt: Michelangelo. Nein, nicht „der“ Michelangelo (Buonarroti), sondern Michelangelo Merisi (1571–1610), nach seinem bei Bergamo gelegenen Geburtsort „Caravaggio“ genannt.
„Nach ihm konnte die Malerei nicht mehr sein wie zuvor.“ Giuliano Briganti
Dabei hatte Caravaggio sogar einen Auftrag für ein Altarbild in der Peterskirche. Es heißt „Madonna dei Palafrenieri“ oder „Madonna mit der Schlange“ und ist heute in der Galleria Borghese zu sehen. Nur: „Wir finden in diesem Bild nichts als Vulgarität, Sakrileg, Gottlosigkeit und Geschmacklosigkeit“, meinten die Auftraggeber. Ob dieses Urteil auch darauf zurückzuführen ist, dass sich Caravaggio für seine Darstellung der Madonna von einer gewissen „Lena“ Modell stehen ließ, die damals bei der Piazza Navona ihrem Gewerbe nachging? Um eben jene „Lena“ hatte es zuvor schon eine Auseinandersetzung zwischen Caravaggio und einem ihrer Kunden gegeben, dem Notar Mariano Pasqualone. Ob dieser über
Lenas Modellsitzungen erbost war oder Caravaggio seinerseits eifersüchtig, ist wie so vieles in der Vita des Malers nicht geklärt – wohl aber, dass Pasqualone danach blutend im Gerichtshof Zuflucht suchte und angab, er sei von Caravaggio vor dem Palast des spanischen Botschafters „ermordet“ worden.
Dieser Vorfall scheint gut in das Bild zu passen, das zunächst Caravaggios Zeitgenosse Giovanni Baglione (ein rivalisierender Maler) und später vor allem Giovanni Pietro Bellori in seiner 1672 erschienenen Caravaggio-Vita zeichneten: das eines Raufbolds und Totschlägers, der sich mit Huren und Strichern herumtrieb, mit Bettlern und Dieben; ein labiler Charakter, dem die Urteilskraft fehlte, „um das Gute zu wählen und das Schlechte zu lassen“ (Baglione).
Dazu passt auch, dass Caravaggio im Jahr 1606 aus Rom fliehen musste, nachdem er im Streit einen Mann getötet hatte, und 1610, keine 40 Jahre alt, an der malariaverseuchten Küste von Porto Ercole unter ebenfalls bis heute ungeklärten Umständen starb. Erst 400 Jahre später, 2010, feierte sein Werk eine triumphale Rückkehr in die Ewige Stadt: Schon vor der Eröffnung einer umfangreichen Ausstellung im Palazzo delle Scuderie del Quirinale waren rund 50 000 Tickets verkauft worden, am Ende zählte man dort mehr als eine halbe Million Besucher.
Zum Glück kann man sich in Rom aber auch nach dem Ende der Ausstellung ein gutes Bild von Caravaggios Werk machen, dessen kunstgeschichtliche Bedeutung längst unumstritten ist: „Ohne ihn hätte es keinen Ribera, Vermeer, Georges de La Tour oder Rembrandt gegeben“, meinte etwa der italienische Kunsthistoriker Robert Longhi und fügte hinzu: „Und Delacroix, Courbet und Manet hätten anders gemalt.“ In vielen Kirchen, Galerien und Museen Roms ist Caravaggios Kunst der dramatischen Lichteffekte – der für ihn so typischen Chiaroscuro-(Hell-Dunkel-)Malerei – und des ihm ebenfalls ganz eigenen vitalen Realismus zu bewundern. Auch in den Vatikanischen Museen. Nur in der Peterskirche nicht.
Werke des Malers können in der Chiesa di Sant’Agostino, in der Chiesa di Santa Maria del Popolo, in der Chiesa San Luigi dei Francesi (Abbildungen diese Doppelseite), im Museo e Galleria Borghese, im Musei Capitolini, der Galleria Nazionale d’Arte Antica und in der Pinacoteca Musei Vaticani besichtigt werden.
Kunstführungen auf den Spuren von Caravaggio:
Buchung unter www.romaculta.it
Lesetipp: Sybille Ebert-Schifferer, Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben. Der Maler und sein Werk, München 2009. Die Kunsthistorikerin ist seit 2001 Direktorin der Bibliotheca Hertziana in Rom und zeichnet in ihrem Buch ein erfrischend „anderes“ Bild der Malerlegende.
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