Ein weites Auenland mit Sümpfen, Erlenwäldern und Stieleichen säumt die Oder in weiten Abschnitten – auf den ersten Blick eine friedliche Landschaft. Doch die Anwohner des Grenzstromes haben mit Wetterkapriolen und wilden Launen des Flusses zu kämpfen. Die Spielarten reichen von Dürre bis Überschwemmung.
Die Oder ist ein Fluss der Extreme. Im Sommer und Herbst gleicht sie oft eher einem Flüsschen als einem Strom, so wenig Wasser führt sie. Im Winter dagegen und vor allem nach der Schneeschmelze im Frühjahr kann sie gewaltig anschwellen – das Land wird überflutet. So wie im Mai 2010. Halten die Deiche? Diese bange Frage stellten sich auch die Einwohner von Ratzdorf, wo die Neiße in die Oder mündet. Ute Petzel, die ehrenamtliche Bürgermeisterin, erinnert sich: „Die Leute standen am Deich und schauten besorgt auf den Fluss.“ 6,29 Meter über Normal erreichte das Hochwasser. Aber Brandenburg hat die Flut überstanden, nur zwei Deiche im Oderbruch wurden beschädigt. Für 220 Millionen Euro war der Hochwasserschutz erneuert worden, nach neuesten Erkenntnissen.
Andere Teile des Landes kamen nicht so glimpflich davon. Und noch gefährlicher war die Lage in Polen. In Slubice, der Nachbarstadt von Frankfurt an der Oder, mussten zwei Stadtteile evakuiert werden. „Aber wesentlich schlimmer war 1997“, seufzt Bürgermeisterin Petzel. Das sogenannte Jahrhunderthochwasser ist im Oderland unvergessen. „Das ganze Dorf hat zusammen mit den Helfern Sandsäcke geschleppt. Es war wirklich ein Wettlauf mit der Zeit“, erinnert sich Petzel. Das Wasser fand trotzdem seinen Weg in das Dorf. Fast sieben Meter über dem normalen Pegelstand stand es damals.
Eine Menge Wasser saugen die Auenlandschaften auf, die sich bei Hoch wasser in eine Seenplatte verwandeln. Doch die Flächen reichen nicht aus. Vor allem sind es die Überschwemmungsgebiete in Polen, die Land und Leute beiderseits des Flusses vor den schlimmsten Überflutungen schützen. In Brandenburg gibt es nicht mehr genug sogenannte Retentionsflächen, weil die Böden landwirtschaftlich stark genutzt oder bebaut wurden. Naturschützer fordern daher seit langem einen „ökologischen“ Hochwasserschutz, wollen nicht auf rein technischen Schutz wie Staustufen und Speicherbecken vertrauen. Auch die Politik erkannte, dass natürliche Überflutungsflächen eine große Entlastung bieten können. Laut Bund für Umwelt und Naturschutz wurden an der Oder jedoch statt der versprochenen 600 nur 60 Hektar geschaffen – wegen komplexer Planung und der Beteiligung vieler Stellen ist es schwierig, neue Retentionsgebiete zu gewinnen.
So gefährdet das Land am Fluss auch sein mag – freiwillig wegziehen will niemand.
„Wer verlässt schon gern seine Heimat?“, meint Ute Petzel. Auch Kenneth Anders ist noch nie auf die Idee gekommen, das Oderbruch zu verlassen, obwohl auch das Land zwischen Seelow, Küstrin und Bad Freienwalde immer wieder unter Wasser steht. „Die Landschaft begeistert uns einfach“, erklärt der Kulturwissenschaftler und Mitgründer des Netzwerks Oderbruchpavillon, ein Informationsportal im Internet. „Wir wollen unter anderem Verbände und Bürgerinitiativen vorstellen, die sich mit ihrer Landschaft auseinandersetzen“, sagt Anders. Denn das Oderbruch ist ein Paradebeispiel für eine vom Menschen geformte Landschaft. Einst durch zogen von Flussadern, Mooren und Sümpfen, ließ Preußenkönig Friedrich II. das Gebiet trocken legen. Techniker gruben der Alten Oder einfach das Wasser ab und verlegten den Fluss in ein neues Bett. Auch hier im Oderbruch standen die Menschen 1997 kurz vor einer Katastrophe. „Wir sind aber immer mal mehr, mal weniger gefährdet. Nach dem Winter kommt das Schmelzwasser durch den Eisstau, und im Sommer können starke Regenfälle das Land überfluten“, sagt Anders. Es muss daher ständig entwässert werden. Der Grund: Das ehemalige Sumpfgebiet, eine sehr flache Talsohle, liegt unter dem heutigen Flussniveau. Wird genug getan, um die Menschen vor den Hochwassern zu schützen? „Es wird sicher viel Geld investiert, aber die Frage ist, ob auch an der richtigen Stelle“, fragt sich Kenneth Anders. „Wir können gerade im Oderbruch nur mit dem Wasser leben, müssen es als Teil seiner Landschaft begreifen“, sagt Anders. Das bedeutet angepasst zu bauen, also beispielsweise die Elektrik auf das Dach zu ver legen. Das heißt auch, auf einen weiteren Ausbau des Stroms zu verzichten. Denn in einem begradigten Fluss fließt das Wasser schneller. Und sind die Böden verbaut, kann es nur sehr langsam einsickern. Die Oder braucht einfach wieder mehr Raum, dann ist das Land auch besser vor Überschwemmungen geschützt.
Weitere Informationen halten die Internetseiten www.oderbruchpavillon.de, www.oderneisse-radweg.de, www.unteresodertal.de, www.lausitzer-bilder.de und www.bezgranic.net (deutsch-polnisches Aktionsbündnis Zeit für die Oder) bereit.
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