Wie ein Llano auszusehen hat, das weiß jedes Kind, das mal Karl May gelesen hat: Endlos weit, gewellte Steppe und ein Blick bis zum Horizont. Wo es sie gibt? In Venezuela. Flach wie ein Teller, grün wie Spinat, so weit wie der Himmel, und nur ganz, ganz wenige Menschen darin, die Cowboys von Venezuela, die man hier – was eigentlich auch eher passt – Llaneros nennt. Die Llanos umfassen eine Landmasse von nahezu dreihunderttausend Quadratkilometern und bedecken die gesamte Landesmitte. Während der sommerlichen Regenzeit verwandelt sich festes staubiges Land in Sümpfe und Seen.
Für Tiere sind die Llanos ein Paradies. Wenn man sich über eine Landkarte beugt, entdeckt man zahllose Wasserläufe und nur zwei Städtchen – San Fernando de Apure und Barinas – in einem Meer von Grün.
Seltene Fische, Eisvögel, Guacamaya-Papageien, Tapire, Pumas, Wasserschweine, Krokodile, Brüllaffen, Schmetterlinge und Jaguare haben ihre Arche Noah gefunden. Es gibt so viele Vögel, dass Ornithologen in den Llanos freudig ihre Basislager aufschlagen. Landwirtschaftlich werden die Ebenen für die Rinderzucht genutzt. Die Tiere weiden frei und müssen ziemlich viel laufen, bis sie sich genügend Futter aus den nährstoffarmen Halmen gezogen haben. Gutsbesitzer kalkulieren mit etwa einem Hektar Land pro Stück Vieh.
Auch die Familie Concha tut das. Ihr gehört der Hato El Cristero. Schon die Urgroßväter wohnten und arbeiteten hier. Heute bieten sie wie einige weitere Haciendas die venezolanische Variante des Urlaubs auf dem Bauernhof an, der allerdings eine Spur rauer ausfällt als der deutsche. Zur Begrüßung gibt es erst einmal einen Rum, dann werden die Westernsättel für den Erkundigungsritt verteilt. In aller Herrgottsfrühe geht’s auf Fotosafari zur berückenden Tierwelt. Dann werden die llaneros bereits ein Rind geschlachtet haben, das an Spießen über dem offenen Feuer schmort – fürs Abendessen.
Die Nebenarme des Apure-Flusses durchfeuchten die von Schmetterlingen durchflatterten Weiden und schattigen Wäldchen. In den Wasserarmen schwimmen Piranhas, in den Hainen gibt es Fledermäuse und den Hoatzin, den man lange für das Bindeglied zwischen dem Urvogel Archeopterix und der heutigen Vogelwelt hielt. An den Ufern der Teiche suhlen sich kleine Kaimane zusammen mit den plattnasigen Wasserschweinen. Reiher und Ibisse bewachen weißhäutige Gnus. Die Regenbäume samanes breiten ihre akaziengleichen Baumkronen über die stillen Weiden.
Der Hato El Cristero liegt 28 km von dem Viehzüchterzentrum Barinas entfernt, einem leicht verschlafenen, typisch venezolanischen Städtchen. An den schattigen Plätzen preisen Verkäufer ihren Zuckerrohrsaft an, während sie die festen Halme einzeln durch die traditionelle Presse aus Gusseisen ziehen, oder ihren raspado, ein aus glitzernden Eisblöcken geraspeltes Eis mit einer zuckersüßen Krone aus Karamellsirup. Sie tun es, wie es ihre Großväter vor 100 Jahren auch getan haben.
Die Llanos trennen die älteste Erde von der jüngsten. Westlich von Barinas beginnt eine der schönsten Strecken des Landes hinauf in die Anden, deren höchster Gipfel, der Pico Bolívar, stolze 5007 m misst. Von der dampfenden Ebene klettert sie auf klamme 4000 m Höhe, und das alles in nur vier Fahrstunden. Zunächst begleiten blumengeschmückte Sommerfrischen den Weg. Auf 1400 Metern Höhe duftet es immer noch süß und aromatisch wie im Dschungel. Mangos, Bananen, Tabak, Papayas, Kaskaden von Bougainvillea, Hibiskus und Orchideen übertrumpfen sich im schieren Überfluss. Ein Stockwerk höher flirren die schnellen Gebirgsflüsschen vor Forellen, und allmählich kommen die Matten voller frailejones in Sicht, stämmige, widerstandsfähige Pflanzen, die aussehen als hätten sie Haarschöpfe.
In den buntbemalten kleinen Andenrestaurants gibt es köstliche heiße Schokolade, frische Erdbeeren und Knoblauchforellen. Die Lagunenlandschaft kann man mit dem Pferd erkunden, bevor man sich in der schönen Studentenstadt Mérida in die höchste und längste Seilbahn der Welt setzt. Von 1600 m gondelt sie auf satte 3800 Meter.
Von der jungen Erde der Anden zur uralten: Östlich der Llanos schließen sich die Tafelberge an, die wie stolze grüne Schiffe in einer weiten Ebene thronen. Nebel und Wolken verschleiern sie häufig, was sie nur umso mythischer wirken lässt. Ein großer Teil dieser magischen Landschaft, in der sich Regisseure wie Steven Spielberg vorzugsweise tummeln, wenn sie das passende Setting für ihre Dinosaurierfilme brauchen, steht unter Naturschutz und ist der natürliche Lebensraum der Pemones, die ihn als einzige auch nutzen dürfen und in ihren Camps Übernachtungen und Urwald-Trekking anbieten. Sehr hilfreich: nebenbei erfährt man dabei alles über indianische Kräuterheilkunde.
Und noch ein Superlativ: Hier befindet sich der höchste Wasserfall der Welt, der Salto Angel. Für die Pemones sind die Gipfelplattformen der tepuis, wie sie Tafelberge nennen, heilige Stätten, ihr Betreten sakrosankt. Zwischen den zerklüfteten Granitsäulen, die aus den Plattformen ragen, hat sich eine fragile Pflanzenwelt erhalten können, die zu über 80 Prozent noch unentdeckt und unbeschrieben ist.
Gute Ergänzung: Die fantastischen Karibikstrände wie die Playa Colorada, die Playa Medina und die Playa Pui Pui im Osten des Landes, die Playa Grande von Puerto Colombia im Westen und die Playa Caribe und die Playa Auyama auf der Isla de Margarita. Zum Windsurfen erste Wahl ist die Playa El Yaque auf der Isla de Margarita.
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