Ein frischer Wind pfeift über den Greifswalder Bodden, auf Deck der MS Julchen drängen sich die Passagiere, die Kabine bleibt leer. Keiner will das Anlegen an der Mole der Insel Vilm verpassen. Nur fünfzehn Minuten dauert die Überfahrt, dann führt Kapitän Andreas Kuhfuß seine Gruppe auf das einen Quadratkilometer große Eiland.
Genau dreißig Tickets hat Kuhfuß vor der Abfahrt abgerissen – mehr Besucher dürfen die Insel nicht betreten. Rund drei Kilometer vor Rügen gelegen, steht „der Vilm“ unter strengem Naturschutz. In den 1950er-Jahren drohte der Tourismus die Natur zu ersticken. „An manchen Tagen kamen bis zu 700 Besucher“, erzählt der Käpt’n. „Die trampelten durch den wertvollen Urwald.“ Damit war Schluss, als der Ministerrat der DDR auf die Insel aufmerksam wurde. 1959 ließ die Politprominenz eine Feriensiedlung mit reetgedeckten Bungalows errichten. Das gemeine Volk hatte der Insel fortan fernzubleiben. Die Abschottung der Regierenden regte die Fantasie der Rüganer an. „Damals kursierten wilde Geschichten über den Luxus, der hier herrschen sollte“, weiß Kuhfuß, „aber das meiste war völlig übertrieben.“ Nach der Wende strömten die DDR-Bürger in Scharen auf den Vilm, um sich selbst einen Eindruck vom „dekadenten Leben“ von Erich & Co. zu verschaffen. „An den Fragen der Gäste merken wir, woher sie kommen“, sagt Kuhfuß. „Die aus dem Osten wollen sehen, wo Honecker gewohnt hat. Die aus dem Westen wollen in den Urwald.“
Sobald die Gruppe hinter der Siedlung in die Natur eintaucht, ist das Thema Politik vergessen. Mächtige Buchen krallen sich an das Hochufer, das steil zum Meer abbricht. Warzige, verwitterte Eichen säumen den Weg. „Viele der Bäume sind über 400 Jahre alt“, erklärt Kuhfuß. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts wurde auf dem Vilm kein Baum mehr gefällt, mehr als 500 Pflanzenarten wurden gezählt. Im Wald tummeln sich Steinmarder, Dachse, Füchse und Wildschweine. „Manche Tiere schwimmen von Rügen her oder kommen im Winter übers Eis“, so Andreas Kuhfuß. Schon vor 200 Jahren entdeckten Maler die verwunschene Natur: Über 300 Künstler aller Stilrichtungen sollen auf dem Vilm gewesen sein, angefangen bei Caspar David Friedrich, der hier das Gemälde „Landschaft mit Regenbogen“ schuf. Sein Kollege Karl Gustav Carus schrieb 1819 begeistert in sein Tagebuch: „Ich habe kaum jemals wieder das Gefühl so ganz reinen, schönen und einsamen Naturerlebens gehabt wie damals auf dem kleinen Eilande, das sonst niemand zu sehen pflegt, der Rügen besucht.“
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