„In Venedig werden eben viele Träume wahr“, so die Deutsche Tanja Schulze-Hess. Ihr ist – und das auch noch als Ausländerin – ein historischer Hattrick gelungen: Als erste hat sie dreimal in Folge den Wettbewerb um das schönste Kostüm des venezianischen Karnevals gewonnen. 2007 heimste sie diesen Preis mit den Gewändern „Luna Park“ ein, 2008 mit „Montgolfiera“ und 2009 mit einer ganzen Gruppe von Freunden, die in ihren Gewändern „Marco Polos Reisen“ darstellten. Die Faszination des Karnevals, so scheint es, ist ungebrochen.
So traditionell der Karneval von Venedig auch wirkt – er ist es nicht, jedenfalls nicht in seiner heutigen Form. Karneval wurde in Venedig zwar tatsächlich schon vor Jahrhunderten gefeiert – erstmals erwähnt findet man ihn im Jahr 1094 in einem Schreiben des Dogen Vitale Falier –, doch ab 1797 gab es in Venedig überhaupt keinen Karneval mehr. Napoleon hatte ihn verboten. Er befürchtete, wohl nicht ganz zu Unrecht, all die maskierten und verkleideten Venezianer könnten Böses im Schilde führen. Der Karneval von Venedig, wie ihn heute Hunderttausende jährlich besuchen, wurde erst 1979 wieder eingeführt, aus Gründen des Tourismus und Stadtmarketings, um auch die weniger frequentierten
Wintermonate zu beleben. Was offensichtlich sehr gut funktioniert hat.
Zu den wildesten Zeiten des Karnevals wurde Feuerwerk in den Himmel geschossen; junge Männer bauten menschliche Pyramiden, es gab Marionettentheater und exotische Tiere – Höhepunkt war der sogenannte Engelsflug: ein Akrobat balancierte auf einem Seil vom Campanile auf den Markusplatz herunter. Auch das wurde neu belebt. Heute übernimmt diese Rolle jeweils ein Prominenter, doppelt und dreifach gesichert an Seilen. Im 18. Jahrhundert kostümierte man sich gern in den Rollen der Commedia dell’arte, ging als Pantalone oder Colombina, als Pulcinella oder Harlekin. Diverse traditionelle Maskentypen wurden unterschieden, aus dem Herstellen der Masken entwickelte sich ein ganzer Wirtschaftszweig, die maschereri, die Maskenbauer. Die es ebenfalls heute noch gibt.
Kritiker mäkeln, der Karneval sei zu einer reinen Touristenattraktion verkommen. Die Besucher aus aller Welt tragen Billig-Masken aus Fernost und fallen schon mal nachts betrunken in die Kanäle. Das mag alles sein. Und doch: Manchmal, wenn leichter Nebel über die Stadt zieht und man sich unversehens entfernt hat vom Trubel, wenn man in einer einsamen Gasse herumläuft und auf einmal ein Mensch im Kostüm des Pantalone oder der Pulcinella vorüberhuscht, dann kann man sich schon versetzt fühlen in die Zeiten Casanovas, im 18. Jahrhundert, als der Karneval zu seiner Höchstform auflief. Wobei Casanova sicherlich auch heute nichts dagegen hätte, sich auf der Piazza San Marco ins Getümmel zu werfen.
Carnevale di Venezia
Der Karneval in Venedig beginnt 14 Tage vor Aschermittwoch und dauert bis Faschingsdienstag.
www.carnevale.venezia.it
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