“Es war in einer regnerischen Herbstnacht des Jahres 1949, am 4. September. Es goss kleene Kinderköppe, keen Mensch war an meiner Bude. Aus Langeweile rührte ich Gewürze mit Tomatenmark zusammen. Und es schmeckte herrlich”: So schilderte die Berlinerin Herta Heuwer die historische blaue Stunde, in der sie zum erstenmal ihre berühmte Soße zu einer gebratenen Brühwurst servierte – die Geburtsstunde der Berliner Currywurst.
Wie von Herta Heuwer wird die Currywurst bis heute in den Imbissbuden im Ganzen gebraten, am besten in Erdnuss- oder Kokosöl. Bis zur Hälfte bleibt die Wurst mit dem Fett bedeckt, und wird dann in kleine Stücke geschnitten. Dann kommt die Soße, eine unabdingbare Zutat zur echten Berliner Currywurst. Basis sind Tomatenmark, Curry, Paprika edelsüß, Worcestersoße, Zucker, Salz, Chili. Nur einfach Ketchup zu nehmen, ist verpönt. Jeder Imbiss, der etwas auf sich hält, verwendet seine eigene Mischung. So benutzten manche Imbissbetreiber noch weitere Zutaten, das genaue Rezept wird aber nicht verraten.
“Die Ketchupmischung muss jedenfalls angewärmt sein, das gehört zum Geschmackserlebnis unbedingt dazu”, weiß Martin Zühlke von “Witty’s” am Wittenbergplatz, ganz in der Nähe des KaDeWe. Über Wurst und Soße streut man Currypulver, auf Wunsch auch Cayennepfeffer oder zerstoßene Chilischoten. Auch “scharfe Zwiebeln”, gehackte rote Zwiebeln mit Chili, werden gerne dazu gegessen. Nun noch ein kleines weißes Brötchen oder eine Schrippe, um schön die Soße aufzutunken, und fertig ist das Gericht. 27 Handgriffe und drei bis vier Minuten lang dauert es, bis der Gast das Pappschälchen mit der Wurst in der Hand halten kann, hat Zühlke einmal ausgerechnet.
Bei der Bestellung muss man jetzt noch zwischen Currywurst “mit” oder “ohne” entscheiden. Es gibt nämlich die Currywurst mit oder ohne Darm. Ein Fleischermeister in Westberlin erfand die Currywurst “ohne” in den 1950er-Jahren, als Naturdärme knapp und teuer waren. Er formte einfach aus dem Eiweiß der Wurst die Haut. Welche besser schmeckt, darüber streiten sich die Wurstverehrer. “Das ist eine Frage des persönlichen Geschmacks”, erklärt Martin Zühlke. Die Wurst mit Darm hinterlässt jedenfalls auf der Zunge ein kräftig-rauchiges Gefühl. Wichtiger als diese Frage ist für Zühlke die Qualität der Zutaten. Er verwendet Fleisch aus Bio-Qualität, für die Ketchupmischung nimmt er nur hochwertige Tomaten. Aber Gutes hat auch seinen Preis, durchschnittlich drei Euro kosten die edlen Würste bei ihm. Ebenfalls sehr wichtig: “Täglich das Fett wechseln”, rät Zühlke, “sonst riecht es schnell ziemlich unangenehm.”
Berliner Institutionen sind “Curry 36” in Kreuzberg und “Curry 195” am Kurfürstendamm, wo man zur Currywurst auch Sekt und Champagner trinken kann. Bei “Currywurst Berlin & Friends” in Wilmersdorf wurden auch schon Harald Schmidt und Otto Sander gesichtet. Unter Insidern wird dagegen “Krasselts Imbiss” in Steglitz gerühmt, etwas abseits der üblichen Touristenströme gelegen, aber manchem eine Reise wert. Im Osten Berlins gehört die Currywurst-Krone eindeutig “Konnopkes Imbiss”. Sein Motto: Wenn’s um die Wurst geht. Wer dort eine Currywurst essen will, sollte sich in Geduld üben. Der Imbissstand im Szenebezirk Prenzlauer Berg, direkt unter den Gleisen der Hochbahn, ist ständig von Menschentrauben umlagert. Nicht alle bestellen Berlins beliebteste Wurst, aber doch wohl die meisten. “Früher waren es vor allem Arbeiter”, sagt Waltraud Ziervogel, die Inhaberin, “heute kommen Studenten, Anwälte, Touristen, Arbeitslose und Politiker.” Ehrliche 1,70 Euro kostet bei ihr die Currywurst. Auch Altkanzler Schröder hat schon mal eine gegessen, erzählte sie dem ZEITmagazin –
volkstümlicher kann ein Kanzler kaum werden. Herbert Grönemeyer hat die Wurst besungen, Uwe Timm ein Buch darüber geschrieben, “Die Entdeckung der Currywurst”, – als Film freigegeben ab sechs Jahren.
Es gibt ungezählte Möglichkeiten, sich an diesem Berliner Traditionsgut zu laben. Gute und schlechte. Eventuelle Enttäuschungen vermeidet man bei:
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