Mecklenburg-Vorpommern ist das Land der Parks und Gärten – rund 650 historische Anlagen gibt es im Nordosten Deutschlands. Seit der Wende wurden viele der Ensembles saniert, oft eine Gratwanderung zwischen Vorgaben des Denkmalschutzes und Privatinteressen.
Die alte Eiche hat aufgegeben. Kahl und dürr steht der mächtige Stamm im Park von Schloss Kaarz. Der Baum muss schon den Dreißigjährigen Krieg erlebt haben, Experten schätzen sein Alter auf mehr als 400 Jahre. Beim Gang über die weitläufige Parkanlage östlich von Schwerin entdeckt man viele beeindruckende Exemplare, darunter dicke Blutbuchen, Mammutbäume und riesige Douglasien.
Im 17. Jh. erstmals erwähnt, erlebte Schloss Kaarz zu DDR-Zeiten seine
turbulentesten Jahre: Nach dem Krieg diente es russischen Soldaten, Flüchtlingen und Umsiedlern als Quartier. Später war es Getreidelager, Schule, Bürgermeisterei, Konsum-Laden, Kindergarten, Mietshaus und Altenheim. „Als wir das Schloss 1990 kauften, fanden wir eine dachlose Ruine in einem Urwald vor“, sagt Schlossherrin Kerstin Gaertner. Eine Mischung aus Nostalgie und Abenteuertum habe sie und ihre Angehörigen bewogen, das baufällige Gemäuer zu erwerben, berichtet Gaertner.
Und Traditionsbewusstsein: Die Anlage war bis 1945 Teil des Familienbesitzes. Inzwischen erstrahlt das Haus als Schlosshotel in neuem Glanz, ebenso wie der englische Landschaftspark: Sichtachsen wurden frei geschnitten, das Wegenetz saniert, neue Bäume gepflanzt. Schloss Kaarz und seine Parkanlage teilt seine Biografie mit vielen anderen historischen Ensembles in Mecklenburg-Vorpommern.
Mehr als 2000 Burgen, Klöster, Schlösser, Guts- und Herrenhäuser gibt es im Land, die meisten davon mit einem Park oder Garten: stilisierte Gesamtkunstwerke befinden sich darunter ebenso wie bunte Bauerngärten, Kräuter- und Küchengärten, weitläufige Landschaftsparks und aufwändig zu pflegende Rosengärten. Viele dieser Schätze schlummerten bis zur Wende im Dornröschenschlaf. Doch seit 1989 wurde vielerorts restauriert, oft finanziert durch öffentliche Mittel und mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz oder der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.
Eine wichtige Rolle spielen aber auch private Investoren, viele davon Alteigentümer, die ihren Besitz zurückerhielten oder neu erwarben – wie die Familie Gaertner. Die Rekonstruktion des Parks von Schloss Kaarz sei komplett aus privaten Mitteln finanziert worden, sagt die Schlossherrin. „Von der Denkmalpflege kam keine müde Mark. Dafür mussten wir uns aber jeden Grashalm genehmigen lassen.“ Konflikte zwischen Privatinteressen und Vorgaben des Denkmalschutzes sind bei der Sanierung der historischen Parks keine Seltenheit.
Die Suche nach einer Balance zwischen den widerstreitenden Interessen gehört zu den Aufgaben von Stefan Pulkenat. Der Garten- und Landschaftsarchitekt sanierte unter anderem den englischen Landschaftspark von Schloss Hohenzieritz, eine der frühesten Gartenanlagen in Deutschland. Den Besucher erwartet hier ein malerisches Bild: Kühe weiden auf saftigen Wiesen, Pfade winden sich um knorrige Stämme, Wildblumen wuchern am Wegesrand, weite Blicke öffnen sich in die umliegende Landschaft. Jedes Detail wurde akribisch geplant. „Dieses ländliche Idyll sollte wie ein Landschaftsgemälde aufgebaut werden“, sagt Pulkenat.
„Baumgruppen wurden von den Baumeistern wie zur Kulissenwirkung im Theater gruppiert – ein meisterliches Spiel zwischen Offenheit und Geschlossenheit.“ Bei der Sanierung musste Pulkenat behutsam vorgehen: „Man kann nicht alles in einem Ruck verändern, um die Leute nicht zu verärgern, die den Park seit jeher genutzt haben.“ Wichtige Blickachsen sind heute noch durch Kleingärten verbaut. Andere sind durch Bäume verstellt, die einst durch Honoratioren gepflanzt wurden. Geduld ist angesagt!
„Es gibt deshalb ein kurzfristiges und ein langfristiges Sanierungskonzept“, sagt Pulkenat. Pulkenat arbeitet bei der Sanierung eines Parks eng mit der Landesdenkmalpflege zusammen. Zu Beginn erfolgt eine historische Recherche nach alten Plänen und Skizzen der Baumeister, gleichzeitig wird der aktuelle Bestand geprüft: Jede in Hohenzieritz vorkommende Vogelart taucht in Pulkenats Liste auf und Pflanzen von der Kartoffelrose bis zur Tatarischen Heckenkirsche. Danach wird entschieden, was erhalten werden kann und wo neu zu gestalten ist.
Die Tourismuszentrale Mecklenburg-Vorpommern verschickt eine Broschüre „Schlösser, Parks und Herrenhäuser“ mit Routen zu den schönsten Ensembles (www.auf-nach-mv.de). Jedes Jahr im Juni sind im Rahmen der Veranstaltung „Offene Gärten“ rund 100 Anlagen für Besucher geöffnet, teilweise mit Pflanzenverkauf und gastronomischen Angeboten (www.offene-gaerten-mv.de).
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