Mit gerade mal 871 Einwohnern ist die Jachenau die kleinste Gemeinde mit einer eigenen Verwaltung in Bayern. Und mit sieben Bewohnern pro Quadratkilometer ist sie zudem die am dünnsten besiedelte des Freistaates. Ein Besuch in dem oft vergessenen Tal mit einem der anmutigsten Wald- und Wiesenlandschaften der Alpen.
Die Buslinie 9595 ist dünn besetzt. Zwei Großmütterchen, die sich rege unterhalten, ein junger Mann, der vor sich hindöst, und ein Teenager-Mädchen, das schnell noch eine SMS loswerden will. Die Frau daneben starrt vor sich hin: Fünf Menschen auf dem Weg von Lenggries in die Jachenau. Der Busfahrer kann ab Lenggries nur einen Weg nehmen: die Staatsstraße 2072. In Jachenau-Dorf endet sie. Nur über den mautpflichtigen Zwerchweg und dann zwei gabelnde Forststraßen kommt man individuell weiter in Richtung Westen und Walchensee. Das Girlie tut gut daran, sich mit dem Simsen zu beeilen. Bald löst ein Funkloch das andere ab. Elektrosmogsensible führen in der Jachenau ein gutes Leben. Der Handy-Empfang bleibt meistens aus. Der staatlich anerkannte Erholungsort hatte bis 2005 nicht einmal Anschluss ans schnelle Breitband-Internet.
Im 12. Jahrhundert begann die dokumentierte Geschichte der Jachenau, als sie
vom Kloster Benediktbeuern aus besiedelt wurde. Bauern, Holzknechte und Flößer
fristeten ein hartes Leben im Tal, das bis heute einiges von seiner Stille und Ursprünglichkeit erhalten hat. Das 21. Jahrhundert scheint an diesem sonnigen Fleckchen Erde auf 800 Metern Höhe noch nicht ganz angekommen zu sein. Entlang der Jachen reihen sich die Ortsteile mit zum Teil stattlichen Bauernhäusern und kleineren gepflegten Anwesen. Besonders an der Südseite der Benediktenwand zeigen sich dicht bewaldete Berghänge. Einziger Sightseeing-Stop im klassischen Sinn ist seit 1291 die mittlerweile barocke Nikolauskirche, die auf dem Kirchberg thront. Die Jachenau von heute ist nicht nur ein traumhaft schönes Tal, sondern auch eine Streusiedlung mit nicht weniger als 27 durchnummerierten Ortsteilen und erzählenden Hausnummern, die seit 1808 Rückschlüsse auf die Entstehung zulassen. Die Bushaltestellen heißen „Bäcker“, „Post“ oder „Mühle“. Es gibt keine Tankstelle, keinen „McDonald’s“, nur den altehrwürdigen „Gasthof Post“. Mehr als hundert Jahre lang war das Haus Königlich-Bayerische Posthalterei.
In den Zeiten, wo die meisten Urlaubsorte krampfhaft versuchen, einen sogenannten USP zu kreieren, den unique selling point was haben wir, was andere nicht haben – hat es die Jachenau gut, denn sie ist mit ihrer heimeligen und beschau lichen Landschaft und Atmosphäre unverwechselbar. Natur ist hier das Erlebnis, nicht künstlich bereit gestellte Touristenattraktionen: wilder Enzian, echte Alpenrose und Frauenschuh statt botanischer Garten, ein kreisender Adler und scheues Gamswild statt Zoo. Wanderer, Radler, Bergsteiger und im Winter Skilangläufer wissen den Talgrund und die umliegende Bergwelt zu schätzen. Auf der Suche nach einer authentischen Kulisse für „Die Geschichte vom Brandner Kaspar“ wurde Filmregisseur Joseph Vilsmaier hier fündig. Gedreht wurde auf der Vorderen und Hin teren Scharnitz-Alm unterhalb der Benediktenwand. Einige Jachenauer dienten gar als Komparsen neben Franz-Xaver Kroetz und Bully Herbig, den Hauptdarstellern. Die Benediktenwand mit genau 1801 Metern und der rund hundert Tiere umfassenden Steinbockkolonie ist nicht der einzige Berg über der Jachenau. Mehr als ein Dutzend Gipfelkreuze rahmen das Tal. Der 1532 Meter hohe Staffel mit seiner gleichnamigen Alm, der mit 1514 Metern etwas niedrigere Hirschhörndlkopf mit der Pfundalm und der 1555 Meter aufragende Rabenkopf mit der Kochler-Alm liegen sogar direkt vor der Haustür.
Gäste-Information, Dorf 51 1/2, 83676 Jachenau,
Tel. 0 80 43/91 98 91, Fax 0 80 43/4 13, www.jachenau.de
Gasthof Hotel Post, Dorf 7, 83676 Jachenau,
Tel. 0 80 43/3 63, Fax 0 80 43/4 86, www.post-hoteljachenau.de
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