Schottlands Haupt- und schönste Stadt ist sie auf alle Fälle. Doch auch bei einem Casting europäischer Stadtschönheiten würde sie einen der vorderen Plätze belegen. Panoramen, Vistas, bühnenreife Inszenierungen, als spiele die Stadt nicht nur zu Zeiten des International Festival Theater: Hinunter von der Einkaufsmeile Princes Street schweift der Blick in die Gärten im Tal und wieder hinauf zu den Gebäuden des Burgbergs, die wie eine Stadtmauer stehen. “Piled deep and massy, close and high/Mine own romantic town!”, schwärmte Sir Walter Scott, dessen Karo- und Kilt-Begeisterung ihn im 19. Jh. zu so etwas wie dem ersten Touristiker Edinburghs und Schottlands machte.
Hoch türmen sich die Hausfronten um mittelalterliche Closes, hoch schwingen sich Brücken über Straßenschluchten, ragen die Sandsteinklippen der Salisbury Crags über dem Schottischen Parlament auf. Die zeitgenössische Architektur des Architekten Enric Miralles tritt in einen spannenden Dialog mit Edinburghs historischen Gebäuden, benutzt regionale Materialien wie Granit aus Aberdeenshire und Sandstein aus Caithness, um Edinburghs Verankerung in der Geschichte mit dem Neuanfang zu verbinden, der 1999 gemacht wurde. Da eröffnete die britische Königin Elizabeth II. das schottische Regionalparlament und eine neue Epoche der Selbstständigkeit Schottlands, noch innerhalb eines machtmäßig abgespeckten United Kingdom.
Und stolz putzte Edinburgh sich seitdem als Schottlands Metropole heraus. Das Museum of Scotland präsentiert hinter den schlichten Linien des zeitgenössischen Minimalismus die Schätze der Vergangenheit, der Finanzdistrikt im West End boomt und boomt in Bankenpalästen aus Glas und Stahl, der Meersaum in Leith avancierte vom abgewrackten Hafengebiet zum begehrten Wohnviertel. Style-Bars und Designerläden machen die George Street zu einer trendigen Einkaufszone, die mit Mailand mithalten kann.
Und erst die Restaurants! Die moderne Küche Edinburghs ist alles andere als geizig, alles andere als ein britisch konditionierter Sündenpfuhl des schlechten Geschmacks aus Pommes und Kidney Pie. Fusion cooking ist angesagt, manche sagen Crossover – es lebe die kreative Kombination. Als Basis nehme man die exzellenten Rohprodukte des Landes, (BSE-freie) Highland- oder Aberdeen-Angus-Rinder, Schalentiere und Fische, frisch im Hafen von Leith angelandet, schottische Farmhouse-Käse, Hirsch und Rebhühner, in den Highlands erlegt. Und gebe Olivenöl und Knoblauch vom Mittelmeer dazu, Koriander und Chutney aus Asien, süß und salzig, knackig und weich, Räucherlachs mit Kreuzkümmel, Haggis mit Zitronengras.
Diese nouvelle cuisine écossaise kann man in eleganten Feinschmeckertempeln in edlem Mahagoni-Ambiente genießen, deren einziger Nachteil ist, dass man hier pro Person unter 60 £ kaum satt wird. Oder in trendigen Cafés und Bistros, wo man inmitten von dunklen Lederbänken und LED-beleuchteten Bars Ziegenkäse-Rote-Beete-Crostinis, glasierten Schinken mit Lauchpürree oder Jakobsmuschelspieße mit Chilisauce verzehrt. Die Übergänge zu Bar-Restaurants, in denen ab 21/22 Uhr ein DJ auflegt, sind fließend. Tagsüber Espresso, mittags Salate, abends Kerzenschein-Dinner, danach abtanzen: So liebt es die Edinburgher Szene, die schicker ist als die der proletarischen Rivalin Glasgow (langweiliger sagen die Glaswegians).
Adel verpflichtet, könnten die Edinburgher dagegenhalten. Bei einem Spaziergang durch die New Town glaubt man das gern. Das größte geschlossene georgianische Bauensemble der Welt steht auf der Liste des Unesco-Welterbes. Wo damals Lords and Ladies das typisch britische Understatement – Gott, es ist doch nur ein Reihenhaus! – pflegten, residieren heute IT-Firmen, Makler und Anwaltskanzleien. Keine Bausünde aus den 1960ern stört den gleichförmigen Rhythmus der Prachtstraßen, der Fassaden mit hohen Sprossenfenstern und Türsäulchen, der sanft geschwungenen Crescents und Privatparks (sorry, nur für Anwohner). Besonders schön ist ein plaster spotting-Bummel in der Dämmerung, wenn die Lüster in den Stadtpalais angehen und pastellfarben gestrichene Räume mit Stuckdecken und edlen Antiquitäten ins rechte Licht setzen. Eine Frage von Klasse, das lässt auch die in Edinburgh geborene und aufgewachsene Muriel Spark ihre Protagonistin in „The Prime of Miss Jean Brodie“ denken: Da gibt es erstens die Crème de la Crème und zweitens den Rest.
Überhaupt ist Edinburgh sehr literarisch. Die Fama will es, dass die vorübergehend mittellose Autorin Joanne K. Rowling in Cafés wie dem Elephant House an “Harry Potter” schrieb. Und Ian Rankins subversiver Inspektor Rebus lockt ganze Kultgemeinden in die Oxford Bar, die sich durch gepflegte Schäbigkeit auszeichnet und ihre literarisch verbriefte Identität als stinknormalen altmodischen Pub vehement verteidigt. Die schmutzigste Toilette der Welt kennt man aus Ewan McGregors unfreiwilligem Tauchgang in “Trainspotting”, eine legendäre Verfilmung des gleichnamigen Romans des Edinburgher Autors Irvine Welsh.
Edinburgher war auch Robert Louis Stevenson, der mit “The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde” so etwas wie eine literarische Folie für Edinburghs Charakter schuf. Es ist nicht alles Gold, was in Edinburgh glänzt, und neben den sauberen Palais der Neustadt gibt es die Old Town, Edinburghs Hyde-Seite. Heute die Touristenattraktion, war die Altstadt einmal ein Miasma aus Dreck, Elend und Armut. In The Real Mary King’s Close kann man dieser mittelalterlichen Vergangenheit nachspüren: Kostümierte Schauspieler führen einen durch die klaustrophobisch enge Unterwelt aus siebenstöckigen Häusern und berichten aus dem freudlosen Leben der ehemaligen Bewohner. Medial Begabte wittern hier den Geist des achtjährigen Pestopfers Annie. Prosaischeren Zeitgenossen wird klar, dass Edinburgh viel tut, um seinem Ruf als Stadt mit der weltweit höchsten Gespensterdichte gerecht zu werden.
Um zu entscheiden, auf welche der beiden Seiten man gehört, muss man einmal eine der von mehreren Formen angebotenen Geisterführungen mitgemacht haben. Sie enden in modrigen Gewölbelabyrinthen unterhalb der South Bridge, auf dem Poltergeist-geplagten Friedhof der Greyfriars Kirk oder im Police Information Centre, der offiziellen Polizeiwache auf der High Street. Das klingt erst mal nicht gruselig. Ist es aber, zum Beispiel das Kästchen für Visitenkarten, gefertigt aus der abgezogenen Haut der linken Hand der Serienmörder-Berühmtheit Burke, der – zuvor – vor 25 000 begeisterten Zuschauern auf dem Grassmarket gehängt worden war.
Das etablierte In-Restaurant besticht durch seine Lage im obersten Stockwerk des Museum of Scotland, von dem man einen wundervollen Blick über die Dächer von Edinburgh hat. Abends durch den Haupteingang des stillen, geschlossenen Museums eingelassen zu werden, ist schon ein Erlebnis. In stylischem Ambiente genießt man beste Fusion-Küche, Lammrücken mit Babyfenchel und Aubergine, und zum Nachtisch gibt es eine Symphonie aus drei Zitrus-Aromen (Tower Restaurant, Museum of Scotland, Tel. 225 30 03).
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