Harlem erlebt erneut eine Wiedergeburt. Nach der künstlerischen Renaissance freuen sich die Afro-Amerikaner über einen wirtschaftlichen Boom, der auch aus dem gesteigerten Selbstbewusstsein der Schwarzen resultiert.
Stell dir vor, sie spielen Jazz, und alle gehen hin: So eine Zeit muss es wirklich einmal gegeben haben, in den 1920er-Jahren; da war der Jazz noch jung, voller Saft und Kraft – und tief schwarz. In Harlem wehten einem die Blue Notes an allen Ecken und Enden um die Ohren, und wer nicht aufpasste, der wurde süchtig davon. Wer nicht süchtig wurde, der verliebte sich zumindest rettungslos in diese damals neue, aufregende Musik, und so ist es kein Wunder, dass die 1931 geborene Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison zu einem ziemlich drastischen Mittel greifen muss, um eine Party voller Jazzfans zu beenden: mit einem Schuss nämlich, der aber nicht bloß die Party, sondern auch das Leben einer achtzehnjährigen Schönen beendet. Was, soviel steht bald fest, mit Liebe zu tun haben muss. Und schon ist man mittendrin in Toni Morrisons unter dem schlichten Buchtitel „Jazz“ erschienener literarischer Liebeserklärung an Harlem, seine Musik und seine Zeit.
Toni Morrison übrigens war es auch, die den Ex-Präsidenten Bill Clinton – der in Harlem ein Büro unterhält – als „America’s first black President“ bezeichnet hat. Mit der Wahl von Barack Obama zum ersten „richtigen“ schwarzen Präsidenten der USA dürfte aber nicht nur sie sehr einverstanden gewesen sein, denn damit erhielt das wachsende Selbstbewusstsein der afro-amerikanischen Bevölkerung einen weiteren Schub. Harlem ist aber vielleicht auch das beste Beispiel für die sich wandelnde Zeit: War die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts noch von den gewaltfreien Protesten eines Martin Luther King und den jahrelangen Unruhen in den schwarzen Ghettos gekennzeichnet, ist das neue Jahrtausend von einer Kommerzialisierung der einstigen Problemzonen geprägt.
Zugegeben, das neue Harlem ist nicht mehr so authentisch wie vor hundert Jahren, aber der Aufschwung heiligt die Mittel – meinen jedenfalls die Afro-Amerikaner, die in Harlem geblieben sind und am neuen Boom teilhaben wollen. Denn gute Ideen scheinen hier auf der Straße zu liegen. Beinahe täglich eröffnet eine neue Firma, und so steht die Wiedergeburt des schwarzen New York zwischen der 96th und 165th Street auch für neue Ansprüche: Die Schwarzen wollen endlich von der neuen Attraktivität ihres Stadtteils profitieren. Anfangs gelang das nur selten. Weiße Unternehmer machten das große Geschäft, kontrollierten sogar den lukrativ gewordenen Immobilienmarkt. Inzwischen gibt es „schwarze“ Hotels, Restaurants und Boutiquen, und lediglich in den Gospel-Kirchen sträubt man sich (zurecht) gegen weiße Besucher, die einen Gottesdienst nur als „Event“ begreifen. Der unerwartete Geldsegen führte zu längst fälligen Investitionen, ermutigte schwarze Unternehmer, neue Geschäfte zu eröffnen und verdrängte das Image von dem „gefährlichen Viertel“. Harlem ist schon lange kein Slum mehr. Die Leute sind extrem freundlich, an der Ecke leuchten „McDonald’s“ und „Starbucks“, und auf dem Sugar Hill gibt es Feinschmecker-Lokale und elegante Jazzclubs – fast wie in den von Toni Morrison beschriebenen Tagen. Harlem putzt sich heraus, doch die wahre Identität droht dabei in Vergessenheit zu geraten. „Die Leute wollen das alte Harlem wieder haben“, sagt der Pianist einer Jazzband, „aber dort würden wir alle zugrunde gehen.“ Und damit hat er natürlich auch wieder recht.
Besichtigung & Führung
Walking Tours zu den Sehenswürdigkeiten von Harlem, Begegnungen mit interessanten Menschen. Auch spezielle Touren (z. B. Jazz, Architektur) sind möglich.
Harlem, Your Way Tours Unlimited, 129 West 130th Street, Tel. (212) 690-1687. Walking Tours: Mo.–Fr. 10.00, Sa. 12.00 Uhr, Treffpunkt: 129 West 130th Street
www.harlemyourwaytours.com
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