Kann eine Windmühle weiblich oder männlich sein? Aber ja doch! – Zumindest auf Fuerteventura, das gleich mit beiden „Geschlechtern“ aufwartet.
Diese beiden Mühlentypen unterscheiden sich grundlegend in der Bauweise. Der männliche Typ (molino) ähnelt mit seiner runden Form ein bisschen der Holländermühle. Diese Mühle wird oben von einer „Mütze“ abgeschlossen, die sich mit Hilfe einer Deichsel bewegen lässt und die Mühlenflügel zur jeweiligen Windrichtung hin orientiert. Die modernere weibliche molina fand vor etwa 150 Jahren von La Palma kommend den Weg nach Fuerteventura. Ihre Flügel sind an einem Holzturm befestigt, der auf einem aus Bruchsteinen gebauten, meist quadratischen Raum steht. Der weibliche Mühlentyp ist auf Fuerteventura deutlich der in Unterzahl, obwohl er sich durch eine höhere Mahlleistung auszeichnet.
Wer beide „Geschlechter“ an einem Platz sehen will, beginnt die Mühlenroute idealerweise in Lajares – dort stehen sich eine molina und ein molino einträchtig gegenüber. Beide sind sie ausgesprochen hübsch herausgeputzt – Don Quijote hätte seine wahre Freude daran gehabt. Windmühlen gibt es auf Fuerteventura seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Nach dem Niedergang der Landwirtschaft waren viele dem Verfall preisgegeben, etliche verschwanden ganz von der Bildfläche. Eine Renaissance erleben die Mühlen erst wieder, seit man sie als Touristenattraktion entdeckt hat. Etliche der noch knapp 40 verbliebenen Mühlen wurden seither fachkundig restauriert, manche stehen als Museumsmühle Besuchern offen. Eine davon ist jene in Tiscamanita. Im sorgfältig restaurierten Bruchsteinhaus des Müllers neben der Mühle informiert eine ethnografische Sammlung über die Geschichte des Müllereiwesens auf der Insel, angefangen von der einfachen Handmühle, wie sie bereits die Ureinwohner benutzten, bis hin zu der mithilfe von Dromedaren angetriebenen Zugmühle, der sogenannten tahona. Und natürlich werden auch die Geschlechtermühlen vorgestellt. In der Mühle von Tiscamanita – es ist übrigens ein molino – wird einmal in der Woche demonstriert, wie Korn zu Gofio vermahlen wird. Das bevorzugte Getreide für das kanarische Grundnahrungsmittel ist Gerste. Diese wird vor dem Mahlgang in einem sogenannten Tostador über einem Holzfeuer geröstet, wobei sich der typische Geschmack des Gofio entfaltet.
Man mag es kaum glauben, doch die heute wüstenhafte Insel war über viele Jahrhunderte nach der spanischen Eroberung eine der Kornkammern der Kanaren. In guten Zeiten wurden Überschüsse auf die Nachbarinseln ausgeführt. Ein Zuckerschlecken war die Landarbeit auf Fuerteventura allerdings nie. Blieb einmal der Winterregen aus, und das kam öfters vor, herrschten Not und Hunger. Viele Majoreros sahen dann ihre einzige Chance in der Auswanderung. Das landwirtschaftliche Zentrum Fuerteventuras befand sich einst in Antigua. Von der wichtigen Stellung zeugen gleich zwei Windmühlen. Jene am nördlichen Ortsausgang ist ebenfalls als Museum zugänglich, ein kleiner botanischer Garten macht dort zudem mit der einheimischen Flora bekannt. Ergänzend zu den Museen in Tiscamanita und Antigua erzählt das Museo del Grano in La Oliva vom Anbau, der Ernte und der Verwendung der verschiedenen Getreidesorten. Das Kornmuseum befindet sich in der Casa de la Cilla, dem ehemaligen Zehnthaus der Gemeinde. Ein anschauliches Bild, wie die Menschen früher auf dem Lande lebten, vermittelt das Freilichtmuseum in Tefía. Für das Museumsprojekt wurde hier ein aufgegebener Ortsteil originalgetreu instand gesetzt. Fachkundige Hilfe kam von der Universität Las Palmas, die finanziellen Mittel zum Teil aus dem Strukturfonds der Europäischen Union. In Sichtweite des Freigeländes thront allein auf weiter Flur eine restaurierte männliche Windmühle. Für Mühlenfans hat sie etwas ganz Besonderes: Anstatt der ansonsten vier mit Segeltuch bespannten Flügel drehen sich nämlich hier gleich deren sechs im Passatwind.
Stationen an der Mühlenstraße
Museo del Grano La Cilla
La Oliva, Tel. 928 86 87 29
Ecomuseo La Alcogida
Tefía, Tel. 928 17 54 34
Museo Molino de Antigua
Antigua, Tel. 928 87 80 41
Centro de Interpretación Los Molinos
Tiscamanita, Tel. 928 16 42 75
Öffnungszeiten für alle Museen
jeweils Di.–Sa., 10.00–18.00 Uhr
Der neue DuMont Bildatlas “Gran Canaria – Lanzarote – Fuerteventura” ist ab sofort im Zeitschriftenhandel erhältlich und ab April 2012 im Buchhandel.
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